Kultur an ungewohntem Ort
Funk im Schlachthof

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Neulich bekam ich von einem lieben Familienmitglied eine Einladung in den Kulturschlachthof Düsseldorf. Er spiele dort mit der Band „Akonolinga“.
Natürlich tun sich da Fragen auf: Sitzt man da zwischen Schweinehälften?
Stört einen nicht das Brüllen der Rinder, das Knallen der Bolzenschüsse usw. ? Nun war’s Gottseidank Sonntagabend und eine Funkband ist ja im übrigen auch nicht gerade leise.
Vor Jahrzehnten hatte ich öfter Kabarettsendungen aus dem Münchner Schlachthof im Fernsehn verfolgt, fand den Austragungsort schon etwas befremdlich, aber es scheint Schule gemacht zu haben. Mittlerweile findet man im Internet mindestens ein Dutzend Städte mit Kulturangeboten in stillgelegten Schlachthöfen: Z. B. Wiesbaden, Kassel, Soest, Lingen, Krefeld, Bremen, München und natürlich Düsseldorf.

Zur expandierenden Schlachthofkultur hat vermutlich eine andere Kultur erheblich beigetragen: Veganes Essen!
Oder es waren einfach die Auslagerung in die Peripherie und die Privatisierung, die unvermutet in den städtischen Schlachtanstalten räumlichen Möglichkeiten schufen, die niemand sonst nutzen wollte. Die Kunst war und ist sich dazu offenbar nicht zu schade. Warum auch?
Man muss ja nicht gleich Bezug nehmen auf die vormalige Nutzung der Räume. Dazu kommen auch in der klassischen Musik zu wenig Schlachttiere vor: Rind, Schwein und Pferd treten da nur selten als musikalische Gestalten auf; eher schon Schwan, Elster, Kuckuck, Lerche und Forelle, welche aber bekanntlich nicht gerade zur klassischen Klientel in Schlachthöfen zählen.
Für die Operette „Der Zigeunerbaron“ mit ihrem Schweinezüchter in der Titelrolle wäre der Schlachthof dagegen ein sehr authentischer Aufführungsort.
Martin Walser, als Vertreter der Literatur, kann ich mir wiederum nur schwer vorstellen, wie er seinen Roman „Ein fliehendes Pferd“ im Schlachthof liest.
Eine ganz andere Frage ist die, ob die Bezeichnung "Kulturschlachthof" wörtlich zu nehmen ist, ob hier vielleicht Kultur geschlachtet werden soll? Also, in dem Raum mit "Akonolinga" jedenfalls nicht. Das war Funk vom Feinsten!

Autor:

Franz B. Firla aus Mülheim an der Ruhr

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