Gespräch über den veränderten Alltag der Menschen
"Manche noch stark belastet"

Prof. Harald Karutz ist zuständig für das psychosoziale Krisenmanagement.
  • Prof. Harald Karutz ist zuständig für das psychosoziale Krisenmanagement.
  • Foto: Thomas Nienhaus
  • hochgeladen von Regina Tempel

Menschen gehen mit Masken einkaufen, viele größere Veranstaltungen finden weiterhin nicht statt. Auf Abstand muss geachtet werden, und in Restaurants sowie bei Friseuren gelten besondere Regelungen. Ansonsten kann man fast den Eindruck bekommen, inzwischen wäre wieder „alles beim Alten“, die Krise mehr oder weniger vorbei. Ob das wirklich so ist? Für die Mülheimer Woche hat Jörg Marx mit Prof. Harald Karutz gesprochen. Eigentlich ist er an einer Hochschule in Hamburg tätig. Seit März koordiniert der in Mülheim lebende Erziehungswissenschaftler aber auch das psychosoziale Krisenmanagement der Stadt.

Mülheimer Woche: Wie geht es den Mülheimern in der Krise?
Karutz:
Die meisten Menschen kommen tatsächlich gut mit der Krise zurecht. Viele haben sich inzwischen an den veränderten Alltag angepasst. Wir sind bislang insgesamt auch relativ glimpflich davon gekommen: Mit einem besonnenen Krisenmanagement, vor allem aber mit ganz viel Engagement ehrenamtlicher Helfer. Und dadurch, dass die Menschen in Mülheim sich sehr klug und gut verhalten haben.

Mülheimer Woche: Das klingt so, als wäre alles in Ordnung?
Karutz:
Nein, das ist es nicht. Wir wissen von einigen Menschen, die im Moment sehr stark belastet sind und dringend Unterstützung benötigen. Das sind zum Beispiel Menschen, die pflegebedürftige Angehörige versorgen und bei denen viele Hilfsangebote, auf die sich sonst immer verlassen konnten, in den letzten Wochen weggebrochen sind. Auch in Familien, denen es – warum auch immer – schon vor der Krise nicht gut gegangen ist, hat sich die Situation jetzt weiter verschärft. Manche Kinder haben nach wie vor große Angst, beispielsweise um ihre Großeltern. Bei manchen Eltern liegen die Nerven blank. Und es gibt Menschen, die ohnehin sehr zurückgezogen und einsam leben: Um diese Menschen mache ich mir ebenfalls Sorgen.

Mülheimer Woche: Was gibt es denn für Hilfsangebote?
Karutz:
Schon im März haben wir ein Netzwerk gegründet, darin sind Beratungsstellen, Psychotherapeuten, Vertreter verschiedener Ämter, das Centrum für bürgerschaftliches Engagement und Wohlfahrtsverbände aktiv, um sich über die Lage auszutauschen und zu beraten, was wir tun können. Die regulären Angebote finden im Moment fast alle wieder statt, teilweise allerdings unter besonderen Hygienebedingungen. Zusätzlich gibt es deshalb telefonische Beratungsangebote. Und jetzt planen wir gerade ein Team aus besonders qualifizierten Ehrenamtlichen, das „aufsuchend“ arbeiten soll – das also auch Menschen zu Hause besuchen kann, wenn ganz dringende Hilfe erforderlich ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine schwerhörige ältere Dame kann einfach nicht gut telefonieren. Ihre Wohnung kann sie aber auch kaum verlassen, und Angehörige gibt es nicht. Da ist es gut, wenn jemand hin und wieder vorbeischauen kann. Für ein Gespräch, etwas Austausch - einfach einen Kontakt zu einem anderen Menschen. Dann kann auch geschaut werden, welche weitere Hilfe nötig sind.

Mülheimer Woche: Was kann denn jeder einzelne tun?
Karutz:
Unglaublich viel! Ich finde es zum Beispiel wichtig, aufeinander zu achten und die Augen offen zu halten: Wenn man mitbekommt, dass der Nachbar schon tagelang nicht mehr vor der Türe gewesen ist, kann man doch einmal anklingeln und nachfragen. Man kann sich auch an eine der Hilfsorganisationen oder uns als Stadt wenden und darauf aufmerksam machen: Hier braucht jemand Hilfe! Dann kümmern wir uns darum. Wir sind auf solche Informationen angewiesen, weil wir nicht überall sein können und nicht hinter jede Hausfassade schauen. Aber wer Hilfe braucht, soll sie bekommen. So schnell und unbürokratisch, wie es geht.

Autor:

Regina Tempel aus Mülheim an der Ruhr

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