Strandimpressionen 

„Lass dat, Jana!“ kreischte die blonde Strandsirene. „Mach misch nett voll!“ bölkte der Mann. Aber das konnten wir noch nicht hören. Wir waren am Nachmittag des Ankunftstages in Zealand noch unterwegs zum Strand. Nein, wir wollten nicht lange da verweilen, zumal es sich schon zuzog. Wenigstens aber schon mal den sperrigen alten Windschutz mit obligatem Gummihammer in der Strandkabine deponieren. Mal sehn, welche wir diesmal erwischt hatten.
Es war diesmal eine von den ersten am Strandzugang, man musste also nicht weit laufen. Als wir aufschlossen, fiel der erste Blick auf einen aufgerollten Windschutz in der Ecke. Und ich hatte so einen Flatterzaun gerade zwei Kilometer durch den Birkenwald geschleppt. Je nun, dann hatten wir eben zwei. Wie unser Strandnachbar am übernächsten Häuschen. Der spähte gerade Richtung England und erwiderte meinen Gruß mit einem zeitnahen Kopfnicken. Es war schwierig zu erkennen, ob er dabei hinter seinem Windschutz saß oder stand. Jedenfalls war es da erfreulich ruhig.

Dann aber warfen zwei reife Frauen und drei Hunde größer werdende Schatten, bis sie in den bunten Flatterkorridor unseres stummen Nachbarn eintauchten. „Hat hier e-iner jejrillt?“ erklang eine sich in rheinischer Ungeniertheit überschlagende Sirene. „Nä, wer soll denn hier jejrillt haben?“ antwortete ihr im gleichen Tonfall die partnerschaftliche Strandhäuschenaufsicht, ohne das nahe Strandrestaurant als mögliche Geruchsquelle in Betracht zu ziehen. „Isch hab et aber jerochen,“ insistierte die Frau. Jetzt war Bewegung zwischen den gestreiften Lappen. „Da kritt mer ja Hunger!“ stieß ein zweiter unsichtbarer Mann hervor. Dann plötzlich Sprachwechsel: „Wo hast du denn die Schüssel für die Bohnen?“ „Im Kühlschrank rechts unten“, meinte eine der Frauen, „oder im Keller“.

Ich wusste jetzt nicht, ob das ein Scherz war und schaute nach, ob unsere Strandkabine auch unterkellert war, merkte aber dann, dass da wohl ein Gespräch mit dem Handy geführt wurde.

„Jetzt so Bohnen mit Kartöffelchen“, rief wieder eine Frau über den weiten Strand und blitzartig erklang die ganze Belegschaft: „Lecker!“ Gleichzeitig schossen zwei von den drei Hunden aus der Flatterpassage hinaus zu uns hinüber und ließen sich kraulen. Sie brauchten das jetzt wohl. „Dicke Bohnen sind aber auch lecker,“ meinte der unsichtbare Mann und: „Senti! Komm hier!“ „Da kannste misch mit jagen!“ schaltete sich jetzt noch eine dritte männliche Stimme ein. „Nä, lieber Schnibbelböhnschen, die tu isch ja mit ausjelassene Speckwürfel drüberstreuen!“ meldete sich jetzt wieder die erste Frau, worauf die zweite mit ihren Kochkünsten nicht lange auf sich warten ließ: „Und isch mach an die Kartoffelen noch en lecker Sößjen!“ Das war wieder ein Stichwort. „Lecker“, rief die ganze Nachbargemeinde, und es krochen zwei Kinder hervor, die lieber mal unseren Hund streicheln wollten. „Und dann Vanilleeis,“ heulte die kölsche Strandsirene auf’s Neue. „Lecker!“

Obwohl wir einige Male laut und vernehmlich lachten, erfuhren wir noch so manchen lukullischen Tipp, bis plötzlich die Männer nach einem Bier verlangten. „Ach, dat Nachhausebier. Dat hab isch in de Tasche jepackt. Da sin drei Flaschen drin. Oder vier. Nachdem die Flaschen geöffnet waren, verebbte das Gespräch spürbar. Es beschränkte sich auf Kommandos wie „Jana, laß et!“ und „Senti, hier her!“

Dann wurde rasend schnell zusammengepackt und der ganze Trupp setzte sich ziemlich grußlos in Bewegung.

Es war nun himmlich ruhig, aber auch wir schlossen bald unsere Kabinentür ab und machten uns auf den Rückweg durch das Birkenwäldchen. Irgendwie hatten wir Hunger.

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