Diskussion um die Entwicklung von Wirtschaftsflächen
Ein Dauerbrenner

Die alte Tengelmann-Zentrale an der Wissol-Straße. 
Foto: PR-Foto Köhring
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  • Die alte Tengelmann-Zentrale an der Wissol-Straße.
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Der Ausschuss für Wirtschaft, Innovation und Digitalisierung beschäftigte sich mit der Entwicklung neuer Wirtschaftsflächen. Ein Dauerbrenner, der auch wesentlich den Kommunalwahlkampf bestimmt hatte. Die Resultate sind bekannt: geschützte und konfliktreiche Freiflächen im Außenbereich sind zu verschonen.

Doch wo in Mülheim sollen neue Wirtschaftsflächen ausgewiesen werden? Felix Blasch ist Leiter des Amtes für Stadtplanung & Wirtschaftsförderung und präsentierte dem Wirtschaftsausschuss seine Analyse der Nachfrage- und Angebotssituation. Danach wurde heftig diskutiert darüber, wie viel an Wirtschaftsflächen-Potenzial in Mülheim denn nun wirklich zu heben sei.

Nachfrage nicht gedeckt

Allgemein bekannt ist es, dass in Mülheim das Angebot die Nachfrage nicht einmal annähernd deckt. Deswegen strebt die Wirtschaftsförderung in den kommenden Jahren die Entwicklung mehrerer Standorte für wirtschaftliche Nutzungen an. Zur Verbesserung der Situation sollen aber keine geschützten Außenbereiche angefasst werden, sondern der Innenentwicklung Vorrang gegeben werden. Priorität haben also Sicherung und Restrukturierung vorhandener Gewerbeflächen. Dazu könnten noch Flächen kommen, die bisher anderweitig genutzt werden. Diese politische Prämisse für zukünftige Flächen- und Standortentwicklung bestimmt alle Überlegungen.

Wie ist der Bedarf? Felix Blasch referierte, dass im Zeitraum von 2016 bis 2020 die Nachfrage an unbebauten Grundstücken pro Jahr zwischen 136 und 219 Hektar lag. Die teilweise erheblichen Schwankungen würden auch mit einzelnen Großanfragen bis zu 40 Hektar zusammenhängen. Derart große Einzelnachfragen seien aber selten und könnten in Mülheim ohnehin nicht bedient werden.

Eklatanter Mangel

Der Großteil der Anfragen komme von kleinen und mittelständischen Unternehmen aus der Region und liege zumeist bei Flächen bis 1 Hektar. Von den Anfragen konnten zuletzt gerade einmal 2 bis 8 Hektar durch die Wirtschaftsförderung betreut werden. Von den 60 bis 100 Anfragen im Jahr mündeten jeweils nur wenige in realisierte Projekte. Auch das verdeutliche den eklatanten Mangel an Wirtschaftsflächen in der Stadt.

Zuletzt sei besonders die Nachfrage nach einer Kombination aus Hallen und Büroflächen gestiegen. Auch hier klafften Nachfrage und Angebot deutlich auseinander. Anders sah das bei den Büroflächen aus, denn hier lagen Nachfrage und Angebot relativ nahe beieinander. Allerdings zeige sich aktuell ein Mangel an modernen Büroflächen. Blasch formulierte das so: „Der Topf passt nicht zum Deckel.“

Unkompliziert und vergleichsweise einfach zu vermarkten seien Objekte und Flächen in Stadtteillagen, mit Anbindung an Verkehr, Versorgung und Siedlungsfläche. Die Nachfrage nach Einzelhandelsflächen gehe tendenziell zurück und die Nachfrage konnte überwiegend bedient werden. Sehr großflächiger Einzelhandel sei meist nicht unterzubringen und in einigen Fällen aus städtebaulicher Sicht auch gar nicht erwünscht.

Neue Flächen entwickeln

Felix Blasch präsentierte dem Wirtschaftsausschuss den Bestand, der in Mülheim aktuell zur Verfügung steht. So hatte der Amtsleiter auf gerade einmal fünf verfügbaren Flächen bescheidene 1,8 Hektar ausgemacht, dazu noch rund 87.000 qm Hallenfläche und etwa 67.000 qm an Bürofläche. Da würden aber zwei Objekte die Hälfte des Angebotes ausmachen. Das Fazit könne also nur lauten: „Wir müssen neue Flächen entwickeln, unter Schonung der Freiflächen.“

Aktuell seien Flächen und Standorte in der Entwicklung: Unter anderem die Tengelmann- und Lindgens-Areale, an Oberheid-, Gustav-, Düsseldorfer und Kölner Straße. Insgesamt handele es sich um rund 27 Hektar, das Potenzial gewerblich nutzbarer Fläche liege bei circa 13 Hektar. Immer noch viel zu wenig.

Am Flughafen

Im Anschluss offenbarte Blasch dem Wirtschaftsausschuss, wo er überall noch Entwicklungspotenzial sehe für Unternehmensansiedlungen und –erweiterungen: In den Industriegebieten Friedrich-Ebert-Straße und Mellinghofer Straße, an Blücher- und Eltener Straße, bei der Hauptpost, auf den Baufeldern 3 + 4, im Hafen und auf dem Flughafen. Gerade dort könne er sich durchaus 30 Hektar plus X an Gewerbeflächen vorstellen. Die jüngsten politischen Signale würden da Mut machen: „Beim Flughafen zeichnet sich ein Weiterkommen ab.“

Insgesamt rund 93 Hektar Gewerbefläche kämen in Summe zusammen, sagte Felix Blasch: „Das sind die Potenziale, die wir haben.“ Man wolle sich auf klei¬ne und mitt¬le¬re Un¬ter¬neh¬men konzentrieren sowie Hand¬werks¬be¬trie¬be. Stets sei bei den so wertvollen Flächen auf eine hohe Verdichtung von Unternehmen und den daran hängenden Arbeitsplätzen zu achten. Logistikbetriebe mit hohem Flächenverbrauch, aber vergleichsweise wenigen Arbeitsplätzen seien für Mülheim also nicht in der richtige Weg.

Ein Leitfaden

Das musste alles erst einmal sacken. SPD-Fraktionschefin Margarete Wietelmann meldete als Erste Bedenken an: „Schön zu hören, dass wir in Mülheim kein Nachfrageproblem haben. Doch 93 Hektar an Potenzial? Ich bin erstaunt. Es wäre schön, wenn es gelänge. Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei.“ CDU-Mann Markus Püll freute sich über den vorgelegten „Leitfaden, mit dem wir einiges Positives erreichen werden“. Der Stellvertretende Bürgermeister weiter: „Ökologie und Ökonomie werden kein Widerspruch sein. Wir dürfen das Handwerk nicht aus den Augen verlieren. Es ist das Rückgrat unserer Gesellschaft.“

Das Urteil des SPD-Parteivorsitzenden Rodion Bakum fiel harsch aus: „Das ist kein Wirtschaftsflächenkonzept. Das ist mir alles zu sehr ins Blaue geschossen.“ Die hoch verschuldete Stadt müsse unbedingt Gewerbeeinnahmen generieren: „Meine persönliche Berechnung läuft aber eher auf 40 Hektar heraus. Ich kann nicht erkennen, wie wir so aus dem Abwärtsstrudel raus kommen. Das Beste, was wir so erreichen können, ist ein Nullsummenspiel.“

Oberbürgermeister Marc Buchholz ging auf die Zinnen: „Nehmen Sie doch endlich den Wahlkampf raus. Das Flächenkonzept der SPD ist gescheitert. Alles, was sie soeben gesagt haben, ist an negativen Vokabeln, an Destruktivität nicht zu überbieten. Das ist an Dreistigkeit und Ignoranz nicht zu überbieten.“

Nach vorne schauen

Sozialdemokrat Sven Deege legte den Finger in die Wunde: „Wir sind auf Wohl und Wehe von privaten Eigentümern abhängig.“ Felix Blasch gab zu, dass die Stadt bei fast keiner Fläche direkten Zugriff habe, zumeist seien sie in Privateigentum. Erste Gespräche seien aber erfolgsversprechend verlaufen und hätten zu einer strategischen Entscheidung geführt: „Priorisiert werden Flächen von Eigentümern, die mit der Stadt zusammenarbeiten möchten.“

Hanns-Peter Windfeder als Sprecher der Mülheimer Wirtschaft blieb das Schlusswort: „Wenn ich als Unternehmer in dieser Stadt keine Fläche bekomme, gehe ich woanders hin. Verzeihen Sie mir meine Skepsis. Die bewahre ich mir. Aber ich würde es begrüßen, wenn ich da falsch liege. Das Entscheidende ist, dass wir nach vorne schauen.“

Die alte Tengelmann-Zentrale an der Wissol-Straße. 
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Die Verwaltung hat in Mülheim rund 93 Hektar an Wirtschaftsflächen-Potenzial ausgemacht. 
Repro: Henschke
Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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