Thyssenbrücke im Herbst nicht befahrbar - der große Kollaps droht

Die mehr als 100 Jahre alte Brücke (hinten mit dem Bogen) wird im Oktober abgerissen. Dann ist der Neubau (vorn) noch nicht nutzbar. Fotos (4): PR-Fotografie Köhring
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  • Die mehr als 100 Jahre alte Brücke (hinten mit dem Bogen) wird im Oktober abgerissen. Dann ist der Neubau (vorn) noch nicht nutzbar. Fotos (4): PR-Fotografie Köhring
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Was zu befürchten war, ist eingetreten. Die Verzögerungen beim Neubau der Thyssenbrücke in Styrum - Ergebnis eines baulichen Desasters - werden nun im Herbst zu massiven Verkehrsproblemen führen. Totaler Kollaps zu Stoßzeiten nicht ausgeschlossen. Das alte Bauwerk wird Anfang Oktober abgerissen, die neue Brücke ist zu diesem Zeitpunkt nicht nutzbar. Die Folgen sind gravierend, für Mülheim und Oberhausen. 

Handelt es sich um einen Planungsfehler oder um einen Ausführungsmangel? Um diese Frage streiten sich die beauftragende Stadt Mülheim und das Unternehmen Heinrich-Walter-Bau. Während das außerdem beteiligte Planungsbüro laut anderen Medien bereits Fehler eingeräumt haben soll, liegen Kommune und Baufirma jedoch in der Schuldfrage - und damit in der Frage der Kostenübernahme - überkreuz. Nicht passende Stahlträger, sie sind zu kurz ausgeführt worden, sorgten für den Eklat.

Falsch geplant oder falsch bestellt?

Falsch geplant oder falsch bestellt? Dieses strittige Thema wird ab der kommenden Woche zwischen den Parteien verhandelt. Wenigstens konnte auch ohne Einigung der Baustopp Mitte Juli wieder aufgehoben werden. Zuletzt wurden die Träger "unterbaut" und stellen jetzt im Verbund mit den Betonarbeiten den Brückenschlag her. Der Zeitverlust kann allerdings trotz aktuellen Drei-Schicht-Betriebs nicht mehr wettgemacht werden. Die ursprünglich veranschlagten Kosten werden in jedem Fall deutlich überzogen. Der Förderantrag ging ursprünglich von knapp 22 Millionen Euro aus, nun wird mit mehr als 25 Millionen Euro gerechnet.
Horst Chluba, Leiter der Tiefbauamts: "Um die Vollsperrung von zwei Monaten kommen wir nicht herum. Der Großteil dieser Zeit geht auf das Konto des Baustopps und der Nacharbeiten. Allerdings wäre der ursprüngliche Zeitplan auch ohne den Ausführungsmangel leicht überschritten worden, weil allein die Arbeiten des Kampfmittelräumdienstes und die Abstimmungen mit der Deutschen Bahn den Zeitplan verzögert haben."  

Umleitungen in
Styrum und Dümpten

Der Verkehr wird westlich über die Hauskampstraße und die Steinkampstraße sowie östlich über die Mellinghofer Straße und die Mannesmannallee umgeleitet. 
Die vorbereitenden Arbeiten zum Abriss der Thyssenbrücke beginnen am Freitag, 14. September. Das neue Bauwerk soll nach aktuellen Schätzungen ab Donnerstag, 29. November, nutzbar sein. In der Zwischenzeit wird die Bahnstrecke an dieser Stelle zur unüberwindlichen Hürde, mit erheblichen Folgen für den Verkehr. Total abgeschnitten wird naturgemäß die Straßenbahnlinie 112 und damit die Schienenverbindung nach Oberhausen. 

Insellösung für Straßenbahn in
Oberhausen unwahrscheinlich

Die Stadtwerke Oberhausen (STOAG), Betreiber der Linie 112, und die Ruhrbahn stehen in einem Informationsaustausch zu der Frage des Teilbetriebs oder des Schienenersatzverkehrs durch Busse. Entscheidung offen. Es gibt einen Prüfauftrag der Stadt Mülheim an die Ruhrbahn, ob ein Inselbetrieb - also ein Teilbetrieb auf Oberhausener Stadtgebiet - realisiert werden kann. Die STOAG geht derzeit davon aus, dass es zwischen Styrum und Oberhausen-Sterkrade Schienenersatzverkehr mit Bussen geben wird, die Planung und Beauftragung dafür obliegt der Ruhrbahn. Sollte es Schienenersatzverkehr geben, werden die Straßenbahnfahrer der STOAG, die keinen Busführerschein haben, die Fahrten der Linie 112 auf Mülheimer Stadtgebiet übernehmen. Diejenigen Kollegen, die sowohl eine Straßenbahn als auch einen Bus fahren können, werden bei der STOAG im Busbetrieb eingesetzt. 

Beitz sieht "Flickschusterei und Hilflosigkeit"

Der Fraktionsvorsitzende der Mülheimer FDP, Peter Beitz, erkennt zu diesem Thema ein eklatantes Organisationsversagen. Seine Fraktion habe bereits vor geraumer Zeit einen "Plan B" für den Fall des Wegfalls der Verbindung in Styrum angemahnt. "Die angesprochenen Umleitungsstrecken sind für den kommenden Verkehr überhaupt nicht vorbereitet! Baustellen legen schon den normalen Verkehr lahm und jetzt sollen diese Strecken noch den zusätzlichen Verkehr aufnehmen können. Das ist zweifelhaft“, stellt Beitz fest.
Der geforderte Alternativplan mit entsprechenden, vorbereitenden Maßnahmen für die Ersatzstrecken hätte schon Teil der Planung sein müssen und bei den ersten Frühwarnzeichen, beim ersten falsch gelieferten Träger, in Kraft treten müssen. Peter Beitz: „Nun sehen wir nur Flickschusterei und Hilflosigkeit.“
Das ganze Projekt laufe bei den Kosten und bei den Bauzeiten komplett aus dem Ruder. „Und das soll nicht aufgefallen sein? Das ist Kontrollverlust! Wo sind die Aufzeichnungen, die jeweils den nächsten Bauabschnitt freigeben, wo sind die Messprotokolle, die bei der Abnahme erstellt werden, wo sind die Übergabeprotokolle der geänderten Bauzeichnungen, welche Maßnahmen sind bei Abweichungen der Bauzeiten eingeleitet worden, wer hat sich nicht darum gekümmert“, fragt Peter Beitz. Bei so vielen Fehlern könne nicht zur Tagesordnung übergeleitet werden. Auch würde die Komplexität solcher Projekte die örtlichen Ressourcen schlicht überfordern. "Für den Mehraufwand, der nun entstanden ist, hätte man Fachleute gut bezahlen können“, legt sich Beitz fest. In den ersten Sitzungen nach der Sommerpause werde die FDP ihre Fragen stellen und erneut darauf drängen, die Verantwortlichkeit für das aus ihrer Sicht organisatorische Versagen  zu klären.

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