Telefonseelsorge während der Pandemie sehr stark nachgefragt in Mülheim
Telefonseelsorge stark gefragt

Der Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe Olaf Meier leitet seit 1996 die ökumenische Telefonseelsorge für Mülheim-Duisburg-Oberhausen
  • Der Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe Olaf Meier leitet seit 1996 die ökumenische Telefonseelsorge für Mülheim-Duisburg-Oberhausen
  • Foto: Telefonseelsorge Duisburg-Essen-Mülheim
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Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine extreme seelische Belastung dar. Was bedeutet das für die ökumenische Telefonseelsorge, bei der Menschen aus Mülheim, Duisburg und Oberhausen unter den gebührenfreien Rufnummern: 0800-1110111 und: 0800-1110222 anonym, kostenfrei und rund um die Uhr Rat, Hilfe und ein offenes Ohr finden. Ein Gespräch mit dem Diplom-Theologen und Diplom-Psychologen Olaf Meier, der die Telefonseelsorge seit 1996 hauptamtlich leitet.

Ist die Zahl der Anrufe, die die Telefonseelsorge erreichen mit dem Beginn der Corona-Krise gestiegen?
Meier: Seit die NRW-Landesregierung am 13. März die durch die Pandemie bedingte Schließung der Schulen bekanntgegeben hat, hat sich die Zahl der Anrufe, die uns erreichen, um rund 20 Prozent erhöht. Davor hatten wir täglich 40 bis 50 Anrufe. Wenn Menschen fragen:

„Muss ich etwas dafür bezahlen? Ist das wirklich anonym? Sind Sie auch zur Verschwiegenheit verpflichtet?“

merken wir, dass es sich um Erstanrufer handelt, die die Telefonseelsorge bisher noch nicht kennen.

Was bewegt die Anrufer?
Meier: In den Gesprächen geht es oft um Einsamkeit und soziale Isolation. Die Tatsache, dass die Menschen aufgrund der Kontakteinschränkungen nicht in der Lage sind, mit Nachbarn auf der Straße oder beim Bäcker ganz spontan über die Folgen der Krise zu sprechen, verschärft die psychisch belastende Situation. Viele Anrufer haben auch massive Existenzängste und fragen sich:

„Fall ich jetzt hinten rüber?“

Andere leiden massiv darunter, dass sie ihre pflegebedürftigen Angehörigen, die in Altenheimen leben, aufgrund der Kontaktsperre nicht mehr besuchen und sehen können. Die Ausnahmesituation der Corona-Krise trifft vor allem die Menschen doppelt hart, die schon vorher unter Ängsten gelitten haben. Anrufer mit Psychiatrieerfahrung, die zum Teil unter gesetzlicher Betreuung stehen, leiden darunter, dass ihr gesetzlichen Betreuer sie jetzt nicht mehr besuchen, sondern nur noch anrufen kann. Oft bekommen wir zu hören: „Die Corona-Krise macht "mutterseelen allein!“

Wer führt die Gespräche?

Meier: Wir haben 120 ehrenamtliche Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Berufen und Lebenssituationen. Lehrerinnen, Handwerker, Familienmanagerinnen oder auch Rentner. Rund 80 Prozent der ehrenamtlich Mitarbeitenden, die jeden Monat drei Vier-Stunden-Schichten absolvieren, sind Frauen. Es sind lebenserfahrene und seelisch stabile Menschen zwischen 30 und 75, die wir in psychologischer Gesprächsführung geschult haben. Viele von ihnen erklären ihre persönliche Motivation so:

„Mir geht es gut und ich bin in meinem Leben Gott sei Dank von größeren Krisen verschont geblieben. Deshalb möchte ich etwas zurückgeben und Menschen helfen, denen es nicht so gut geht.“

Wie kann Telefonseelsorge helfen?
Meier: Sie kann keine existenziellen Probleme lösen, aber sie kann Menschen zuhören, Anteil an ihrem Leben nehmen und ihnen den Rücken stärken. Sie kann mit den Anrufern gemeinsam überlegen, wie sie es besser mit sich selbst aushalten, wie sie ihren Alltag sinnvoll gestalten und welche persönlichen Ressourcen und Kontakte sie nutzen können. Natürlich weisen wir Anrufer auch auf professionelle Beratungsdienste hin, die ihnen in ihrer Lebenssituation helfen können.

Wie hat die Corona-Krise den Arbeitsalltag der Telefonseelsorge verändert?
Meier: Auch wenn einige Mitarbeiter aufgrund von Vorerkrankungen zu den Risikogruppen für eine mögliche Corona-Infektion gehören und deshalb derzeit keine Schichten absolvieren, haben wir bisher Gott sei Dank keine größeren krankheitsbedingten Ausfälle, so dass wir unseren 24-Stunden-Dienst aufrechterhalten können. Natürlich kommt es aufgrund des erhöhten Anrufer-Aufkommens jetzt öfter zu Wartezeiten, ehe die Leitung wieder frei ist.
Die Mitarbeiterinnen im Telefondienst sitzen in getrennten Büros, so dass der in Corona-Zeiten geboten Sicherheitsabstand immer gegeben ist. Deshalb gibt es für die ehrenamtlich Mitarbeitenden der Telefonseelsorge zurzeit auch keine Gruppen-Supervision, sondern nur einzelne 1:1-Beratungsgespräche, die meine hauptamtliche Leitungs-Kollegin, die Diplom-Sozialpädagogin und Gestaltungstherapeutin Rosemarie Schettler und ich natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand führen.
Es ist gerade jetzt besonders wichtig, dass wir die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter der Telefonseelsorge psychologisch stärken, mit ihnen ihre Erfahrungen reflektieren und sie so auch entlasten. Leider mussten wir corona-bedingt jetzt einen Informationsabend absagen, mit dem wir Menschen erreichen wollten, die an einer ehrenamtlichen Mitarbeit an der aus Kirchensteuermitteln der katholischen und evangelischen Kirche finanzierten Telefonseelsorge interessiert sind. Dennoch soll im August ein neuer Ausbildungskurs beginnen. Denn wir brauchen immer wieder neue Mitarbeiter, da jedes Jahr etwa zehn Prozent unseres ehrenamtlichen Teams gesundheits- oder altersbedingt ausscheidet. Interessenten sollten uns auf jeden Fall unter den Rufnummern: 0203/29513331 oder: 0203/22657 oder per E-Mail an: buero@telefonseelsorge-duisburg.de kontaktieren. Weitere Informationen bietet unsere Internetseite: www.telefonseelsorge-muelheim.de. 

Zur Internetseite der Telefonseelsorge

Autor:

Thomas Emons aus Mülheim an der Ruhr

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