Der Untergang des Abendliedes ♪♫

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Entschuldigen Sie bitte, wenn ausgerechnet diese morgendliche Textquelle vom Tagesende spricht. Mir kommt in der dunklen Jahreszeit der Abend ganz entschieden zu kurz. Sechzehn oder auch siebzehn Uhr ist einfach kein Zeit für einen gediegenen Abend mit allem drum und dran. Wer würde um die angestammte Kaffeezeit auf die Idee kommen, „Die Blümelein, sie schlafen“ zu singen? Gut, es sind der Pflänzchen im Dezember/Januar nur wenige, die outdoor auf ihren Stängelein mit ihren Köpfen nicken.

Aufs ganze Jahr gesehen leiden wir aber doch generell an einem Abenddefizit. Nehmen wir, so frage ich Sie und mich, diese Übergangszeit zwischen Tag und Nacht überhaupt noch wahr und ernst? Zumindest ausgesprochene Städter werden da überhaupt nichts vermissen, weil wir uns, zumindest in der Arbeitswelt, schon etwas länger nicht mehr am Lauf der Sonne orientieren und rund um die Uhr alles taghell ausleuchten.

Wer weiß denn schon noch, was „orientieren“ eigentlich heißt? Orient, Morgenland, da kommt das Licht her! Schon zu Adenauers Zeiten aber mussten wir lernen, dass aus östlicher Richtung vor allen Dingen Gefahr droht: der Russe kommt, meine Damen und Herren! Die viel beschworene gelbe Gefahr hat sogar noch tiefere Wurzeln. Das alles ist seitdem im Prinzip so geblieben oder hat sich in unseren Tagen sogar noch verstärkt.

Nun aber wird uns obendrein, und das nicht nur zur Winterszeit, auch jene Grauzone zwischen hell und dunkel, der gute alte Abend, entzogen. Das einst so gepriesenen Abendland ist rund um die Uhr taghell erleuchtet.
Dabei wäre am Ende des Tages so dringend Entspannung angesagt. Den Tag auslaufen lassen, ein Abendlied singen: Abend wird es wieder, kein schöner Land, Abendstille überall, weiß du wie viel …? –

Aber das ist völlig indiskutabel. Das spiegelt ja eine längst versunkene Welt. Wer kann denn noch eins dieser Lieder überhaupt zu Ende singen?

Abendliedersatz gibt’s allerdings reichlich: Fernsehsendungen, bei denen man so richtig "abschalten" kann, beruhigende Medikamente oder aber morgenländische Meditationsübungen mit wenig Text.
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4 Kommentare
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Rüdiger Pinnig aus Neukirchen-Vluyn | 17.01.2018 | 12:47  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 18.01.2018 | 13:33  
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Rüdiger Pinnig aus Neukirchen-Vluyn | 18.01.2018 | 14:10  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 18.01.2018 | 16:20  
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