Zigarren für Waisenkinder

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(Foto: Quoka.de)
Lesedauer: 5 Minuten bis 2 Stunden, je nach dem...

In der hier wiedergegebenen heiteren Geschichte von August Ludwig (1867 – 1951) steht eine merkwürdige Sammeldose im Mittelpunkt, deren Sinn sich dem heutigen Leser nicht ohne weiteres erschließen wird. Es ist da von einem Häuschen des Fechtvereins für Zigarrenspitzen mit seitlichem Münzeinwurf die Rede.
Dass eine Zigarre hinten abgeschnitten werden muss, um sie rauchen zu können, weiß auch der Nichtraucher. Man kann sich auch ein Kästchen mit einer Schneideeinrichtung vorstellen, in dem diese Abschnitte gesammelt werden, und das außerdem noch einen Münzeinwurf aufweist. Was aber ausgerechnet ein sportlicher Fechtverein, ja eine „Reichsfechtschule“, damit zu tun haben soll, dazu muss man sich wirklich schlau machen.


„Reichsfechtschule, der Name eines am 13. Okt. 1880 gegründeten und über ganz Deutschland verbreiteten Vereins, der bezweckt, durch Sammlung freiwilliger Beiträge aller Art (kleine Geldbeträge, Zigarrenabschnitte, Briefmarken etc., also fechten in der Vulgärbedeutung von betteln gebraucht) Mittel zu schaffen zur Errichtung und Unterhaltung von Waisenhäusern im Deutschen Reiche.“ (Wikipedia)
„Albert Bürklin, und der Verleger Moritz Schauenburg verwirklichten diesen Plan, indem sie zunächst die Leser des »Hinkenden Boten« darüber informierten und den Vorschlag machten, Zigarrenabschnitte zu sammeln, um sie zur Herstellung von Schnupftabak zu verkaufen. Außerdem schlugen sie vor, dass jeder Bürger in Deutschland jährlich einen Pfennig spenden sollte. Legendär wurde der Reim »Einen Pfennig nur im Jahr für das Waisenhaus in Lahr…Nach acht Jahren war so viel Geld beisammen, dass 1885 das Erste Deutsche Reichswaisenhaus eröffnen konnte.“
(Baden online)
„1880 /10 In den Wirtschaften hängen Kästchen zum Einsammeln von abgeschnittenen Zigarrenspitzen und kleinen Geldbeträgen für die Armen. Darin sollen auch abgestempelte Briefmarken gesammelt werden. Ertrag in 3 Monaten: 7,35 M. 2 1/2 Pfd. Zigarrenabschnitte.“ (Alte Zeitung)

Das Bild entspricht nicht ganz dem im Text genannten Modell. Es zeigt aber, dass ein großer Zigarrenabschneider in den Jahren um 1880 in den Gastwirtschaften des Reiches zur Standardeinrichtung gehörte.



Ä Gedankenlaser

August Ludwig(*1867): „Quatschgenkuchen un Muskräppelchen“

Dr Schlosser Schlosser – e huß Schlosser un war ooch Schlosser – setzte sich schunne bei Labzeiten onger Spiritus. Wenn de Leute früh in‘ Acker machten, kamb e schunne, ä Paar Schlompen an‘ Beenen, ä Riemen öm de Hosen un n Rock fix öbbergeströffelt, un segelte off n „Halben Mond“ zu – das warre seine Stammkneipe . , denn ih’r e nech ä Paar Pfafferminzchen genahmigt hatt, hatt’e lostge Fönger.
Sei Kumpan war dr rute Thun. Se paßten fost besamm wie ä Paar Appelschimmel, bluß ee Ongerschied war: Schlosser war früh in dr Kneipe dr erschte un Thon dr letzte.
Ämal an Silvester hatten se sich rötg in‘ Freipunsch neingele’t un waren alle beede gehörig in Trötte. Off n Tösche stand das Häuschen von Fachtvereene, wu de Zigarrenspötzchen neinkommen un wu an dr Seite ä Schlötz zn Gelle drahn ös. Da meente dr Rute, dar Schlötz wär väl ze kleene, da gingk je nechämal ä Taler nein! §Was, kee Taler“, sa’t’n r gleich ä Stöcker viere, „probier sch dach ämal!“ „No, ihr Lompse denkt wull, ech hätte keenen Taler?“ sa’te Thon; un e hatte ooch keenen. Da rufft‘ ede Wärt’n: „Olga, gäb ämal ä Taler har, de kreist’n gleich wedder!“ Die vermut’te sich nischt Büses, hullte eenen aus dr Ficke raus un le’te n off n Tösch. Dr Rute nahmb n un probierte. Herrje, aber wie r en kaum ä linschen in Schlötze drönne hatte, schlugk en se Schlosser off de Pfute – plomps, lagk sr Taler drönne! Nunne aber das Hallo!
De ganze Stube wulle s’ch schagk lache, und r Rute wulle n Schlosser an die Gorgel. Mr dröckten n aber immer wedder nedder, un da le’t e sich off s Schömpfen. In su ä Momange tütt mr an besten, mr dröckt sich, denn wenn r sich zwee su von kleene off kennen, da kreit mr manches ze hüren, was mr gar nech wösse well. Un hernachenfodern se een’n wull noch vär s Amt als Zeugen, un mr sall wagen su ä Dracke, dar een‘ gar nischt ahngieht häntrate un gabele. Ech gingk also meiner Wage.
N annern Tag nach der Frühkärche kömmt dr Schlosser be n Pfarre, dar noch Friedensröchter ös, un well seinen Freund verklage, weil e n beleidigt hätte. Dr Pfarre spröcht n ins Gewössen, äb n se mät nischt Bessern s neue Jahr ahntrate künnen wie mät Zank und Streit, un da läßt e sich ooch römbräne, daß n se sich nochmöttige in Pfarre seiner Stobe versöhne wüllen.
Om ä Uhrer dreie kommen se alle beede ahngetraten, natürlich jeder mät änner Zigarre in Maule, - annersch tun se s nech. Se mussen s'ch hänsetze, un dr Pfarre macht n noch ämal gehörig de Talge; ze guter Letzt spröcht e, heute, wu alle Leute sich Glöcke wünschten, da süllen s’ch dach oochde Hand zr Versöhnung ga‘.
Da stieht dr Schlosser off, hölt de Hand hä nun sa’t: „No, August, da wull me uns wedder vertro‘, un ech wünsche dr alles, was de mir wünsch’t!“
„Was“, spröcht dr Rute, „fängst de ‘enn schunne wedder ahn?“
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1 Kommentar
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 27.03.2017 | 16:25  
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