Unverhoffte Entdeckungen
Mord-Gedenkstätte an alter Hebebrücke

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Eine Rhein-Radtour mit den Enkeln war vorzubereiten, und so fuhren wir vorab mit dem Auto einige Problempunkte ab. Wir waren länger nicht an der Hubbrücke in Homberg gewesen und wollten schau‘n, ob sie noch immer gesperrt ist. Denn das würde einen Umweg bedeuten. Das bis vor kurzem funktionierende Duisburger Industriedenkmal in Firmenbesitz wurde bereits 1931 gebaut. Es überquert die Wasserrinne zum Rheinpreußenhafen (1906) und ist deshalb für Fußgänger wie Radfahrer, die am Rhein bleiben wollen, unersetzlich. Jetzt ist wohl der Bodenbelag marode, und es wird mit der Stadt über die Zukunft des sehens- und gehenswerten Stücks verhandelt.
Wir liefen etwas enttäuscht ein paar Schritte zum Rhein hinunter und ließen Oskar etwas durch die Wiesen schnüffeln. Er steuerte Richtung Hafeneinfahrt, wo ich plötzlich, ebenso undeutlich wie ungläubig, Grablichter und Blumen wahrnehme. Als wir näher kommen, sehen wir ein paar graue Treppenstufen am Hang, die wohl irgendeine Funktion in der Hafenanlage gehabt hatten, jetzt umfunktioniert zu einer privaten Gedenkstätte mit vielen Blumen, einem Kreuz, Fotos und Texte in Bilderrahmen. Ich lese die Jahreszahl 2014 und den Namen Kai Mlodecki und vor allem: MORD!
Wir dirigieren Oskar schnell in Richtung Rhein und laufen dort noch ein bisschen, bis wir, in diffusen Gedanken versunken, den Rückweg zum Auto einschlagen.
Auch wenn wir dann wieder über die geplante Radtour sprachen und eine alternative Route herausfanden, es ließ mich nicht los. Was war da unten passiert?
Mit ein paar Suchbegriffen findet man die Story. Sie läuft unter „Hells Angels“ und „Der Rocker aus dem Rhein“.
Kai Mlodecki, damals 32 Jahre alt, ist vermutlich Ende Januar oder Anfang Februar 2014 getötet worden. Ein Angler fischte Anfang Februar einen Arm aus dem Rhein. Anhand der Tätowierungen konnte man ihn dem verschwundenen Opfer zuordnen. Zwei Monate später wurde dann noch der Torso des Toten an der Stelle aus dem Hafenbecken in Duisburg-Homberg geborgen, an der die Familie diese kleine Gedenkstätte eingerichtet hat. Die übrigen Teile des Körpers bleiben bis heute verschwunden.
Als Kai Mlodecki starb, sei er seit sieben Monaten bei den Hells Angels gewesen, erfährt die Zeitung von der Mutter. Ihr Sohn habe als „Chauffeur und Beschützer“ der Prostituierten an der Flaßhofstraße im Oberhausener Rotlichtviertel gearbeitet. Das Polizeifoto findet sie untypisch, er sei doch so ein lieber, sozialverträglicher Junge gewesen. Sie erinnere sich noch gut an ein Gespräch am Frühstückstisch, als sie schon vom Kontakt zu diesen Rockern erfahren hatte. Da habe sie ihn gefragt: „Sag mal, Kai, bist du bei den No Angels?“ – Er habe gelacht: „Mama, das heißt Hells Angels!“
Der Fall ist weiterhin ungeklärt, und alle Deutungsversuche reine Spekulation. Aber er bewegt einen. Gedenkkreuze und Blumen an Straßen sieht man leider relativ häufig und man hat sich fast daran gewöhnt. An Mord-Gedenkstätten noch nicht so. Hoffentlich bleibt es auch dabei.

Autor:

Franz B. Firla aus Mülheim an der Ruhr

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