Satire
Das Aquarell - Die End-Scheidung

Satire: Die End – Scheidung

Eins - Das Aquarell
Wenn plötzlich eine überschaubar kurze Mail mit den Worten: „Welches Wort von – Ich liebe dich nicht - hast du nicht verstanden?“ auf dem Computer erscheint und meine Antwort jenseits aller Vernunft mir diktiert:
„Logisch natürlich – das Wort: nicht.“ dann, ja dann ist man hoffnungslos verliebt.
Man sollte sich nicht seinen Gefühlen hingeben! Man sollte bedenken, dass dieser Prinz nicht der einzige auf der Welt ist. Man sollte, man sollte, man
sollte… Aber man tat nicht. Jedenfalls ich nicht. Was hatte dieser Kerl an sich, das mich so umhaute?
Hübsch war er nicht, nett war er nicht. Und was dann?
Er provozierte. Faszinierte. Inspirierte zum Spiel, zum Wortspiel und ich genoss es. Dabei waren die Treffen zu Anfang mehr als schwach gewesen. Er äußerte
Statements. Ich will nicht sagen, er war eingebildet. Nein, er besaß ein
eindrucksvolles außerordentlich überdurchschnittliches Selbstbewusstsein, das er meistbietend zur Schau trug.
Und ich war eingeschüchtert, gleichzeitig von ihm gereizt. Die Vorstellung, mit welcher Wucht zum Beispiel Elefanten oder Nashörner auf einander losgingen, schien mir als diese Tatsache ein gern zu erlebendes Abenteuer zu sein. Meine Ratio war zur Größe eines Kleinkindes geschrumpft.
Unmöglich, nicht an ihn zu denken.
Ich testete eine andere Beziehung und dachte an ihn. Ich heulte jemandem so lange die Ohren voll, bis er den rettenden Engel spielte. Da seine himmlischen Ambitionen nicht von Erfolg gekrönt waren, beschimpfte er mich nachhaltig teuflisch. Auf andere Männer verteilte ich direkt und unverblümt exklusive
Meinungen zu völlig uninteressanten Themen, die sie nicht hören wollten. Ich trieb alle in die Flucht.
Ein Freund sagte: „ Männer wollen etwas Liebes und nicht so einen Haudegen
wie dich!“
Wieso sollte ich lieb sein? Um mich herum hatten sich Zwiebelhäute gebildet und alle verbrannten sich daran die Augen. Ich wunderte mich dann immer. Mein Herz war besetzt, ließ niemanden herein.
„So wie du bist, kriegst du nie einen Mann!“ sagte ein Künstlerfreund auf einem
Stadtteilfest, auf dem wir zusammen einen Kunststand hatten.
Nie einen Mann?
Es bedrückte mich etwas, doch zu ändern wusste ich es nicht.
Für das unwillige Alphatier hatte ich einmal ein Aquarell gemalt. Nein, eigentlich war es komplizierter gewesen. Esoterisch. Sehr esoterisch. In einem meditativen Müßiggang auf meiner Couch träumte ich von ihm, konzentrierte mich esoterisch gut und sandte ihm eine Botschaft mit wunderbaren Gedanken
liebender Energie, denn ich hatte gehört, dass Energien im Universum nicht verloren gingen, genau wie Schwingungen.
Also schwang ich mich liebevoll auf im träumenden Müßiggang. Vor meinen Augen entstand ein Bild: - eine Rose oder Blume und ein Lächeln.
Ich setzte mich an den Tisch und malte die Blume und einen dicken lächelnden Mund im warmen Rotton auf leicht hellblauem Grund, etwas verstärkt mit dunkelblauer Pastellkreide.
Nun ja, die Blume ließ etwas zu wünschen übrig, aber der Mund war gelungen. Er lud zum Lächeln ein. Stolz hängte ich es in mein Wohnzimmer. Auf das Bild zu schauen, an den mich verweigernden Idioten zu denken, erwies sich als keine gute Idee.
Ich hängte es ins Schlafzimmer, doch dort hatte es den gleichen Effekt. Im Frühjahr hängte ich es ab. Es gab keine Mails, keinen Kontakt mehr. Nichts sollte sich in meinem Kopf noch manifestieren können. Und das Bild, dieses
idiotische Bild war die letzte Manifestation meiner bekloppten Gefühle.
Es musste weg!
Auf diesem Fest mit unserem Kunststand wollte ich es verkaufen, egal für welchen Preis. Der Mann war ja weg, warum sollte das Bild noch herumstehen?
Das Aquarell lehnte also gut positioniert an unserem Stand, aber interessierte keinen.
Doch mein Künstlerkollege und ich hatten viel Spaß und lernten viele nette Leute kennen, die sich an unserem Stand aufhielten.
Unter anderem zwei Polizisten.
Der eine, weich mit einer künstlerischen Ader, was er in kleinen Geschichten
und Gedichten veröffentlichte, der andere ruppig und jung. So hatte ich mir ein
Cop- Double immer vorgestellt, inspiriert vom Fernsehen: Einer knallhart und
der andere versucht es auf die seichte Tour. Ich sagte ihnen das.
Anscheinend wollte der Jüngere mein Urteil über die Polizei revidieren und erzählte eine nette Geschichte: „ Wir beide, mein Kollege und ich, standen einmal auf einer Brücke, als schrecklicher Wind aufkam, und guckten hinunter ins Wasser, und gleichzeitig – Plopp – fielen unsere Mützen ins Wasser.
Gleichzeitig – Plopp - Ganz blöd, denn wir mussten eine Meldung schreiben und einen neuen Antrag auf Kleidung stellen“
Er grinste. Ich erzählte ihm anrührend und Mitleid heischend die Geschichte des Bildes und versuchte, ihn zu überreden, das Bild zu verkaufen. „Sie kriegen 20 %“ aber es reizte ihn nicht. “Warum haben Sie es ihm denn nicht geschenkt?“ fragte er.
Geschenkt? Dann hätte der geistige Auslöser des Bildes doch sicherlich
entgegenkommend geäußert: „Welches Wort von – Ich will das Bild nicht – hast du nicht verstanden?“
Die Marketingleiterin war jung und hübsch, was mein Kollege eindeutig zur Kenntnis nahm, sie angrinste und jede Möglichkeit eines Gespräches suchte. Er erzählte ihr die leidige Geschichte des Bildes.
„Ja“ sagte sie „Sie können es auf der Bühne vor der Fressmeile verkaufen, vielleicht im Rahmen einer Versteigerung? Mit Megaphon?“
Wow! Klasse! Wir würden dem Publikum die Geschichte gefühlvoll tränenreich
vermitteln und dann Profit - trächtigen Gewinn einstreichen. Doch mittlerweile hatte mein Kollege zu viel Roten gebechert und fühlte sich nicht mehr in der Lage, auf die Bühne zu steigen.
„ Nee, tut mir leid. Jetzt bin ich zu besoffen. Das musst du selber machen.“
„Ich? Wie soll ich denn mit meiner eigenen Geschichte Mitleid erzeugen? So etwas funktioniert nicht. Dann kauft das keiner.“
Ich sah mich nach jemanden um, der vielleicht noch nüchtern war und mich
unterstützte, fand aber keinen. Mein Kollege säuselte, er wolle mir das Bild für 2,50 € abkaufen. „Spinnst du! Der Rahmen ist ja schon mehr wert.“
Um es kurz zu machen: Aus der wunderbaren Aktion wurde nichts.
Das Bild wanderte wieder in mein Schlafgemach, fachmännisch verpackt, damit ich es überhaupt nicht mehr anschauen musste...

Ach, ich vergaß zu erwähnen, dass der komplizierte Mann und ich seit heute
wieder Mailkontakt haben. Ob ich mir das einbilde?
War er nicht vielleicht mehr ein Bild und blieb für alle Zeiten ein Bild?
Wenn es diesen Mann aber nicht gegeben hätte, wie wäre dann das Aquarell
entstanden?
Das Aquarell gibt es, da bin ich sicher. Außerdem habe ich ja Zeugen, sogar einen Polizisten. Oder war der auch nicht echt?
Mancher Traum erscheint wie Realität, während uns manchmal die Realität wie ein Traum vorkommt. Die Grenzen der Phantasie sind fließend und nie eindeutig.
Im Grunde leben wir nicht real, nie real, denn wenn wir die Realität mit all ihren Facetten, ihrer Vielschichtigkeit von Ursache und Wirkung erfassen würden und nicht den Schutz unseres Traumes hätten, würden wir durch die
Überforderung unseres kleinen menschlichen Geistes verrückt.

Ehrlich gesagt, das ist ein dummer Schluss.
Aber die Geschichte geht ja noch weiter…

Zwei – Sonnenwende
Die neuen Mails mit dem Alphatier begannen nett. Als Opener machte ich ihm ein Kompliment über seine schönen Hände. Reiner Schleim! Er hatte es einmal stolz erwähnt. Seine Antwort: „Schönheit und ich sind nicht unbedingt ein
Traumgespann.“
Ich grinste. Ja, das wusste ich und relativierte: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“
Er wurde skeptisch, doch fand sofort zu seiner liebenswürdig sicheren Haltung zu sich selbst zurück und bezeichnete sich als „Zauberer von Oz“, der gerne
große Damen bezauberte.
„Aber manche Zaubertricks gehen auch nach hinten los. Nobody is perfect. Kleine Mädchen versuche ich eher mit einem Lolli wegzuschicken. Auf meine alten Tage brauche ich nicht noch eine Tochter.“
Das war eine Spitze auf mich, und erst später verstand ich.
„Und du zauberst Prinzen in Frösche?“ fragte er.
Oh, dieser Mistkerl!
Ich knickte ein:
„Meine Zaubereien gehen meist daneben. Frösche suchen sich einen tiefen Tümpel, aus dem sie dann nicht mehr hervorkommen.
Der Meister vom Himmel ist noch nicht auf mich gefallen.“
„Ich sehe die Dame. Arbeitet nachts an geheimnisvollen Tränken und Zaubern,
ich hoffe, nur Liebeselixiere und Schönheitswässerchen sowie Flüche für ewige
Jungfernschaft.“
Ich erzählte ihm stolz von der Geschichte: „Über ein Aquarell, einen verhinderten Liebhaber, zwei Polizisten und einen besoffenen Künstler.“
„Ah, ja, Künstler am Werk. Und wo kann der geneigte Leser dies zauberhafte Werk bewundern? Vielleicht verzaubert es mich ja auf der Stelle.“
„Was denn? Das Bild oder die Geschichte?“
„Geschichte und Bild. I want it all and I want it now.”
„ Mach mich nicht kirre. Aber ich kann dir ja eh nichts abschlagen.“
„Man nennt Dich auch Scheherazade!“
„Also gut, heute Abend.“
„Ich warte dann mal den Abend ab, bis sich der Vorhang hebt.“
Und mit einer mittelmäßig geistigen Verwirrtheit schickte ich ihm die Geschichte
und das Bild.
Tags drauf kam seine Mail: „ … aber das Bild war nett!“
Das war sein einziger Kommentar dazu? Das war alles! So ein blöder Spruch?
„Anerkennung zu geben scheint nicht gerade deine Stärke zu sein.“ schrieb ich
ziemlich angesäuert. „Im Übrigen kannst Du das Bild haben! Ist ja eh quasi Deines. Ich schenke es Dir!“
Wieder schrieb er einen knappen Satz: „Du bist ach nur blöd….“
Ich bemühte mich zunächst, die Angelegenheit humorvoll zu sehen, was mir nicht gelang, denn je mehr ich darüber nachdachte, desto größer wurde meine Wut.
Ich schrieb eine Mail, schrieb die nächste. Und noch eine. Da er nicht antwortete, wuchs mein Zorn, brüllte in mir wie eine tobende Hyäne. Ich tippte alles in die Tasten.
„Danke für deine Worte. Du scheinst ja eine hohe Meinung von mir zu haben. Das freut. Was glaubst Du eigentlich, wer du bist? Lässt mich vor Dir tanzen? Ich dachte, du seist ein guter Mensch! Du hast mich eines besseren gelehrt! Es gibt eben solche und solche. Das Bild ist zerrissen, entsorgt. Bin dabei, ein Neues für den Rahmen zu malen.“
Eigentlich hatte ich während meiner Rage auch den Satz: - Ich liebe Dich –
geschrieben, aber schnell wieder gelöscht.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
„Lass mich einfach in Ruhe du psychotische Kuh.“
Meine rosa Brille verrutschte, fiel auf den Boden und zersprang. Aus dem Thron, auf den ich ihn gehoben hatte, war ein Pinkel - Pott geworden. Das passte.
Damit kannte er sich ja aus. Natürlich konterte ich. Ich musste einfach kontern, auch wenn ich sicher war, es landete bei ihm im Spam.

Mein Doktor ist sehr überzeugt
von seinem großen Geist
und liebt ganz gern zumeist
wenn sich in Demut vor ihm beugt…

… ein liebevolles treues Weib.
Im Haus geht er ihr nicht zu Hand,
zu groß ist dazu sein Verstand
- und außerdem zu dick sein Leib.

Bei Meetings trifft er die Noblessen
der generösen Ärzteschaft,
und er sinniert mit Leidenschaft:
- Wann gibt es endlich was zu essen?

Der Würdenträger, sehr beleibt
versucht es mit Karriere,
doch da gibt es Barriere
- auf einmal ist er unbeweibt.

Die Damenwelt verführt er oft
sagt er, als Urologe
mit süßem Dialoge
- doch hat er es stets mehr erhofft.

Auch in dem allergrößten Streit
ist er ganz heiter wonnig,
gemütlich und nett sonnig
- denn dann ist er vom Whisky breit.

Ich will nicht meckern als Patient,
Herr Doktor mir verzeih,
ich wünsche viel Gedeih
- dem unaussprechlichen Talent.

Ich hatte die Schnauze voll, wollte keinen mehr becircen.
„Circe war die Göttin, die Männer in Schweine verwandelte. Man stellte feministisch betrachtet fest, es machte keinen Unterschied.“
Ja, wenn sich der Herr Doktor da so sicher war, war das wohl eine Art der Selbsterkenntnis.
Unschön wurde es beendet, aber wenn es nicht unschön gewesen wäre, wäre es ja nicht beendet worden.
Nun beherrschte die Sommersonnenwende den nördlichen Erdkreis. Wolkendecken verhüllten einen milchigen Mond. Sonnenwende. Wende. Wendepunkt des Jahres, der lichten Jahreszeit.
Der Künstlerfreund lud mich zum Atelierfest ein. Leute feierten mit
Gitarrenmusik und Saxophon, einige lasen aus ihren Werken.
Ich war still, ruhig wie die Leere des fahlen Mondlichtes, ohne Erwartung auf…
Ja, worauf eigentlich? Es musste das Alter sein. Das Alter machte gelassen.
Nichts zu wollen, nichts zu wünschen, nichts verlieren zu haben...
War das Freiheit?

Es war doch unbedeutend Wort,
(doch was sind Worte gegen Herzen)
Ich sollte einfach darüber scherzen,
doch – flugs – ging mein Vertrauen fort.

Nur ein klein bisschen, keine Frage,
nicht wichtig, nein, sogar banal,
verursachte die große Qual
des Leid an diesem jenem Tage.

Ein winzig Wort, gesagt in Eile,
an dem ich mich jetzt so verzehre,
errichte die Gefühlsbarriere,
unauflösbar scheint sie, mittlerweile.

Mal ehrlich, hat es denn Gewicht,
um mich dermaßen zu betreffen?
Geriet doch nur ins Hintertreffen
mit kleinem Wort:
Ich lieb dich nicht.

Autor:

Ingrid Dressel aus Oberhausen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.