Humor
Philosophische Gedanken einer Wildgans

Unter uns lag der Fluss, Ziel der ersehnten Flugreise und spann sich reflektierend wie ein silbernes Band entlang der grünen Ebene.
Nach reiflichen Überlegungen hatten wir uns zu diesem Gewässer entschlossen, auch, weil die Älteren unserer Gruppe schon oft dort gewesen waren und die Reise dorthin im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug absolvierten. Sie mussten nicht darüber nachdenken.
Natürlich hatte man in der Heimat ausführlich über das Pro und Kontra diskutiert und es hatten sich mehrere Fraktionen gebildet. Da waren die, die es machen wollten, weil sie es immer so machten, und jene, die opponierten, nach besseren Möglichkeiten suchten und Gehör verlangten.
Die Mehrheit aber war einverstanden gewesen oder hatte sich der Stimme enthalten, weil sie wenig oder keine Meinung hatte. Das war leider eine nicht zu übersehende Größe, die den ganzen Prozess doch irgendwie steuerte.
Nun ja, schließlich siegte ganz demokratisch eben diese schweigende Mehrheit, obwohl ich sagen muss, dass einige der Parteien bestochen zu sein schienen und sich aus mir unerklärlichen Gründen angepasst hatten.
Dass ich mich aus dem absurden Debakel heraushielt, wurde mir als unpolitisch vorgehalten. Wenn aber Politik für die Machtinteressen einiger weniger veranstaltet wurde, hatte ich einfach keine Lust dazu.
Nun segelten wir schon eine Weile zum neuen Heim. Beim Näherkommen gefiel uns, was wir da sahen. Der Fluss, auf den wir uns geeinigt hatten, hatte fast eine Art von Gemütlichkeit, denn seine ehemalige Gerissenheit war mit Buhnen und allerlei Uferbegradigungen von den Menschen gezähmt worden, wie sie ja jeden Wald und jede Wiese und alles, deren sie habhaft werden können, zu ihrem Wohl gestalteten und benutzten.
Ein alter Eisbär hatte einmal erzählt, dass das Eis in seiner Gegend früher viel dichter und größer gewesen sei und dass es an den Menschen liege, aber wie, wusste er nicht. Seine Geschichte wurde bei uns gerne erzählt, weil wir die lauten Menschen auch nicht besonders mochten, aber keiner konnte erklären, was es mit dem Schwinden des Eises auf sich hatte.
Im Moment störte mich die alte Erzählung nicht. Ich war froh, endlich angekommen zu sein, brachte mir dieses Fleckchen Erde und Wasser doch einige Annehmlichkeiten eines geschützten Aufenthaltes.
Ich segelte tiefer, dem Ufer entgegen, setzte mit meinen Flügeln bremsend auf dem Wasser auf und war hoch erfreut, neben einem zischenden Wehr

eine behaglich komfortable Insel vorzufinden, mit üppigen Bäumen und Gestrüpp bewachsen, ein idealer Ort, meinen wohlverdienten Urlaub zu genießen.
Meine Kollegen waren vor mir angekommen und hatten sich schon niedergelassen. Ich muss sagen, viel Platz war jetzt nicht mehr vorhanden. Jeder Kumpane legte nämlich enormen Wert auf ein Nest mit vielsagender Aussicht am Uferbereich und nur die Schwächeren wurden auf unattraktivere Zonen im Inneren der Insel verwiesen. Das war typisch für die Horde, jeder dachte zuerst an sich, dann nochmal an sich, und dann kamen die anderen.
Ich suchte unter den mit großen Flügelschlägen Ankommenden meine Gefährtin, die auf dem letzten Stück der Reise etwas zurück geblieben war. Sie sah mich nicht gerade freundlich an. Ich hatte mich beim Flug etwas von ihr entfernt, aber, ehrlich gesagt, da gab es auf der Reise einen Zeitpunkt, an dem ich ihr beim besten Willen nicht mehr zuhören konnte.
Statt zu schnattern, sagte sie jetzt gar nichts, was eine gefährliche Angelegenheit war.
Ich musste es wieder gut machen und bot ihr einen besonders schönen Platz zum Nestbau an. Er gefiel ihr nicht. Sie wollte eine vielsagende Aussicht am Ufer, wie es sich, wie sie meinte, in höheren Kreisen gehörte. Ich stritt ab, dass sie aus höheren Kreisen stammte und wir hatten einen Riesenstreit. Zum Schluss fanden wir einen Kompromiss, ein Nest mit vielsagender Seitenansicht zum Ufer. Das passte ihr zwar nicht, aber sie ließ sich darauf ein.
Zu unserem Schreck hatte ein Nachbarpaar sich so unverschämt nahe an unseren Nestbereich begeben und dort sein Nest gebaut, dass unsere Aussicht nun endgültig versperrt war.
Ich weiß nicht was meine Gefährtin dachte, aber etwas Schönes war es wohl nicht.
Die Damen begannen, sich mit feindseligen Blicken zu mustern. Da ihre Aktion des reinen Blickkontakts nichts zuwege brachte, wurde gekrächzt, geschrien und mit den Flügeln geschlagen. Schon waren die beiden in einem nicht gerade damenhaften Kampf verstrickt, den wir Gatten, nicht ohne ein paar Federn zu lassen, beenden mussten.
Von diesem Tag an war die nachbarschaftliche Feindschaft manifestiert. Man würdigte sich keines Blickes, saß auf seinen Eiern und brütete und jeder wünschte eine größere Anzahl an Nachgeborenen wegen der Größe seines Standes.
Der Fluss war angenehm.Ruhig und glatt spiegelte sich das Wiesenufer in ihm. Manchmal fuhren Menschen auf schmalen Holzbrettern vorbei und strengten sich dabei sehr an.

Warum sie das taten, war mir schleierhaft, denn sie mussten ja später auf dem Fluss wieder heraufkommen.
Menschen waren mir sowieso immer ein Rätsel gewesen. Wir flogen und brüteten und suchten Nahrung, um zu überleben, aber was Menschen taten, hatte mit einem schierem Überleben nichts zu tun. Sie machten, glaube ich, vieles aus Langeweile.
Abends wiegte uns das sanfte Rauschen des Wehrs an der Insel in einen geruhsamen Schlaf. Meine Gefährtin und ich kuschelten uns eng aneinander und fühlten uns in den Minuten oder Stunden des Friedens und Glücks richtig wohl.
Dann schlüpften unsere Jungen, Drei an der Zahl. Die Nachbarn hatten auch schon Nachwuchs, Vier an der Zahl.
Das war leider im Ansinnen meiner Frau nicht vorgesehen. Ich muss sagen, auch ich fühlte mich blamiert. Meine Gattin bekam einen Wutanfall. Sie klagte über unsere Gene und war kurz davor, mir die Schuld daran zu geben, doch ich konnte sie von der Anmut und Schönheit unserer drei Kleinen überzeugen, flauschige kleine Bälle, die immer Hunger hatten.
Als unsere Kinder die ersten Schwimmversuche unternahmen, hatte die stolze Mutter ihren seltsamen Standesdünkel abgelegt. Umgeben von ihren Küken bekam sie sogar Bewunderung von Menschenkindern, die die Küken so „süß“ fanden. Die Menschenkinder und auch unsere Kinder wussten ja nicht, was noch alles auf sie zukommen würde und das war gut so.
Nur selten schaute meine Gefährtin zu den Nachbarn hinüber, denn ihr eigenes Glück war ihr genug.
Sie war auch der Meinung, drei Kinder zu hüten sei viel besser als vier. Dann hätten die Kinder mehr Entwicklungschancen. Es sei gar nicht gut, viele Kinder in die Welt zu setzen, denn schließlich müsste jedes ja auch überleben.
Das Wehr neben der Insel rauschte sanft und gleichmäßig und rauschte uns oft in den Schlaf. Ob wir es wollten oder nicht, wir spürten dieses ewige Fließen des Flusses im unermüdlichen wandelnden Kreislauf, in den der Fluss wie alles Lebendige eingewoben war. Wenn aber alles wandelbar ist, so dachte ich, was passiert dann mit uns? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?
Meine Frau, die immer ganz praktisch veranlagt war, sagte, solche Gedanken seien unnütz und beschäftigten eigentlich nur Philosophen, die eh nichts anderes täten.
Ich solle mich um die Kinder kümmern, denn dann sähe ich ja, wie die Verwandlung von einem Nichts zu einem Etwas geschehe.
Sie hatte nicht Unrecht.
Meine Fragen, als ich mich in die Luft erhob und über den silbernen Fluss segelte, lösten sich mit dem Wind, als er mich leicht und frei schweben ließ.
Die Erde unter mir schien nur etwas Vergängliches zu sein und es störte mich nicht mehr. Ich war Eins mit dem Fliegen, dem Wind, dem Fluss und der Erde.
Plötzlich drang die Stimme meiner Gefährtin zu mir herauf:
„Wenn du schon da oben fliegst, dann suche auch etwas zu Essen für die Kleinen.“

Autor:

Ingrid Dressel aus Oberhausen

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