Wochen-Anzeiger vor 9 Jahren: Das Grabmal einer ehemaligen Zwergengruft

Der Gedenkstein für die ehemalige Zwergengruft auf dem Friedhof an der Mattlerstraße.
  • Der Gedenkstein für die ehemalige Zwergengruft auf dem Friedhof an der Mattlerstraße.
  • hochgeladen von Axel Weiß

„Als ‚Liliputaner‘ durch das Kaiserreich reisten. Wochen-Anzeiger auf Spurensuche“
So begann der Text, der im Rahmen einer Serie über „Friedhöfe als Spiegel der Stadtgeschichte“ in Oberhausen erschien (Wochen-Anzeiger, Nr. 39, vom 14.5.2003). Ihm vorausgegangen war die Veröffentlichung eines Fotos, welches einen Grabstein mit folgender Inschrift zeigte: „Grabmal einer ehemaligen Zwergengruft“. Verständlich, dass viele Leserinnen und Leser des Wochen-Anzeigers wissen wollten, welche Geschichte sich dahinter verbarg.

Der WA schickte also seinen Mitarbeiter Lothar Rambo los, und zwar auf den evangelischen Friedhof der Kirchengemeinde Holten an der Mattlerstraße. Was Herr Rambo im Oberhausener Norden, hart an der Grenze zu Duisburg, zu Tage förderte, ist ein denkwürdiges Stück (Lokal-)Geschichte und lässt einen Blick auf eine Zeit zu, deren Auffassung von Vergnügen uns heute befremdlich ist (na ja, schön wär's …)

Bei dem Grab handelt es sich um die Ruhestätte der Familie Dörfler, – sogenannte kleinwüchsige Leute, die als „Original-Liliputaner“ mit einer Zirkus-Show das deutsche Kaiserreich bespielten.
Gewissenhaft rollt Lothar Rambos Recherche das Leben der Artisten vor uns auf: Balthasar Dörfler, geboren in Solz (Regierungsbezirk Kassel) verschlug es Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit seiner Familie nach Biefang (heute zu Oberhausen). Er ist nicht alt geworden: Mit 41 Jahren (drei Monaten und 27 Tagen, so weiß es das Sterberegister) fiel für ihn „der letzte Vorhang“, Todesursache war eine Lungenentzündung.
Die gemauerte Gruft auf dem Friedhof an der Mattlerstraße wurde seine letzte Ruhestätte. Indes: The Show must go on, dachten sich Ehefrau Antonia und Tochter Angelika, die unter dem Namen „Princesse Poupée et maman“ weiter machten.

Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre schließlich starben auch Antonia, Emilia und Karolina Dörfler, woraufhin Tochter Angelika Biefang den Rücken kehrte und nach Minden zog, von wo die „Original-Liliputaner“ ursprünglich stammten.

Die in der Mitte des Friedhofs gelegene Gruft fiel für viele Jahre dem Vergessen anheim; erst 1982 rückte sie wieder in den Blickpunkt: als nämlich die Feuerwehr dort ein Wespennest entfernen musste. Man stieß auf das Grabmal und säuberte es, hervor kam ein Stein, auf dem auf einer ovalen Platte, hinter Glas, eine Fotografie der Eheleute Dörfler angebracht war.

Zum Andenken an die Dörflers, die zu den aktivsten Mitgliedern der Kirchengemeinde Holten gehörten, steht heute nunmehr am Eingang des Friedhofs der Stein mit folgender Inschrift:

Das Gedächtnis der Gerechten bleibt im Segen. Sal.10, V.7.
Lerne leiden ohne Klagen –
Niemand durfte Dir das sagen;
Eignes Leid, es galt Dir nicht.
Nächstenliebe nur und Pflicht.

Autor:

Axel Weiß aus Oberhausen

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