Pflegenotstand
Krankenpfleger packt aus: "Zwei Pfleger sind nachts für 35 Patienten zuständig"

Der 54-jährige examinierte Krankenpfleger Andreas Erdmann aus Oberhausen liebt seinen Beruf trotz aller Missstände.
  • Der 54-jährige examinierte Krankenpfleger Andreas Erdmann aus Oberhausen liebt seinen Beruf trotz aller Missstände.
  • Foto: KKO
  • hochgeladen von Christian Schaffeld

Andreas Erdmann arbeitet seit 25 Jahren als examinierter Krankenpfleger auf der chirurgischen Station des St. Clemens Hospitals in Oberhausen. Warum der 54-Jährige über eine Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rund ums Thema Pflege nur schmunzeln kann, verrät er unserem Volontär Christian Schaffeld im Gespräch.


Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptprobleme in der Pflege?

Das Problem ist, dass die Pflege immer weiter verdichtet wird. Dadurch kommt der Kontakt mit den Patienten viel zu kurz. Zudem nimmt die Dokumentationsarbeit im Krankenhaus immer mehr zu.


Das heißt?

Bis 2004 gab es den Pflegesatz. Seitdem werden die Kosten über eine Fallpauschale abgewickelt. Mit ihr kam auch die Dokumentationsarbeit auf uns zu. Es können seitdem nämlich nur Tätigkeiten abgerechnet werden, die dokumentiert wurden. Geschieht das nicht, gibt es kein Geld vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Neben Blutabnehmen muss ich sogar selbstverständliche Dinge schriftlich festhalten. Wenn ein Patient neu aufgenommen wird, muss ich ihm erklären, wo er die Klingel findet, um einen Pfleger zu rufen. Den Vorgang muss ich dokumentieren. Das nimmt natürlich Zeit in Anspruch.


Das bedeutet also, dass es nur darum geht, Geld zu verdienen?

Auch als gemeinnütziges katholisches Unternehmen müssen wir kostendeckend arbeiten. Sollten wir Gewinne erwirtschaften, werden diese, im Gegensatz zu privaten Trägern, ausschließlich in den Bestand und die Fortentwicklung der Einrichtungen investiert. Früher sind Patienten mit einem Leistenbruch eine Woche bei uns stationär behandelt worden, heute werden diese Operationen meist ambulant durchgeführt. Wir müssen die Betten möglichst fallpauschalenkonform wieder freigeben, um die erbrachten Leistungen abrechnen zu können.


Das klingt stressig. Was denken Sie also über die Aussage von Bundesgesundheitsminister Spahn, der sagte: "Wenn jeder Mensch in der Pflege auch nur eine Stunde mehr arbeitet, wäre uns schon viel geholfen"?

Über die Aussage kann ich nur schmunzeln. Wenn Kollegen krankheitsbedingt ausfallen, machen wir natürlich mehr Überstunden. Der Job ist anstrengend. Auf meiner Station arbeiten in der Nachtschicht zwei Personen, die für durchschnittlich 35 Patienten zuständig sind. Oft ist die Zeit knapp.


Womit wir beim Personalnotstand sind...

Richtig! Die Personalsituation muss sich verbessern. Auch die Abläufe könnten besser sein. Wichtig ist hier die Kommunikation zwischen den Entscheidern.


Inwiefern?

Das Gleichgewicht bei Entscheidungen muss intakt bleiben. Die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegern muss auf Augenhöhe geschehen.


Macht die Politik denn genug?

Als ich vor 25 Jahren in der Pflege angefangen habe, warb die Politik mit dem Slogan: 'Ich bin wichtig'. Was sich seitdem verändert hat, ist bekannt. Ich wünsche mir einfach mehr Anerkennung für den Beruf. Gut ist allerdings, dass der Diskurs durch die Politik jetzt da ist und ich hoffe, dass sich etwas ändert. Wir warten zum Beispiel alle ganz gespannt auf die Neugestaltung der Ausbildung.

Was läuft denn bereits gut in der Pflege und speziell in Ihrem Haus?

Vieles läuft durch Engagement gut. Wir machen viele Dinge, die nicht refinanziert werden. Mir macht der Job großen Spaß, da er interessant und sehr abwechslungsreich ist. Zudem hat man gegenüber den Patienten eine hohe Verantwortung.
Besonders gut finde ich, dass im KKO, zu dem auch das St. Clemens Hospital gehört, bereits bei der Neuaufnahme eines Patienten ein Screening gegen den MRSA-Keim gemacht wird. Das schützt nicht nur die Patienten, sondern auch uns Pfleger.


Abschließende Frage: Warum ist der Beruf für junge Menschen interessant?

Er bietet einfach viele Möglichkeiten. Neben der einjährigen Assistenten-Ausbildung oder der dreijährigen Pflegeausbildung kann man auch ein Studium in dem Bereich absolvieren. Zudem gibt es flexible Arbeitszeiten. Mütter können bei uns als Springer arbeiten, sodass die Frühschicht nicht um sechs Uhr, sondern erst um acht Uhr anfängt. Darüber hinaus gibt es viele Fortbildungsmöglichkeiten.

Lesen Sie auch unser Interview mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.
Alle Artikel unserer verlagsweiten Pflegeserie finden Sie hier.

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