75 Jahre Weltkriegsende
Ratingens schwerer Neuanfang nach der "Stunde Null"

Das bisher unveröffentlichte Foto, das im Original sechs mal neun Zentimeter groß ist, zeigt die Begräbnisfeier am Fuße der Innenstadtkirche St. Peter und Paul, den Schattenriss eines zerbombten Gebäudes auf der Oberstraße sowie einen Jeep der amerikanischen Militärpolizei.
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  • Das bisher unveröffentlichte Foto, das im Original sechs mal neun Zentimeter groß ist, zeigt die Begräbnisfeier am Fuße der Innenstadtkirche St. Peter und Paul, den Schattenriss eines zerbombten Gebäudes auf der Oberstraße sowie einen Jeep der amerikanischen Militärpolizei.
  • Foto: Wim Holzhauer
  • hochgeladen von Thomas Zimmermann

Zum 75. Mal jährt sich am Freitag, 8. Mai, das Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch Ratingen war nach der "Stunde Null" von den Spuren des Krieges schwer gezeichnet. Ein bislang unveröffentlichtes Foto dokumentiert den Neuanfang. Es stammt von einem Niederländer, der von den Nationalsozialisten zwangsverpflichtet wurde, von 1942 bis 1945 im Ratinger Lichtspielhaus Capitol Filme vorzuführen. Heute befindet es sich im Archiv von Albert Köster, der bis vor einigen Jahren ein Kinomuseum auf der Oberstraße betrieben hat.

In den ersten Tagen und Wochen nach dem offiziellen Kriegsende war die Lage in Ratingen stark geprägt von drei Faktoren: von den verheerenden Zerstörungen, die die Stadt durch die Bombardierung am 22. März 1945 erlitten hatte, von der allgemeinen Lebensmittelknappheit und von teilweise anarchischen Zuständen.

Zwar hatte die amerikanische Militärregierung strenge Anordnungen erlassen und beispielsweise eine Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr verhängt. Die Amerikaner verfügten aber gerade über genügend Personal, um die öffentliche Ordnung im inneren Stadtbezirk sicherzustellen. Bauern einsam gelegener Gehöfte um Ratingen herum wurden dagegen zu jener Zeit verstärkt Opfer von Überfällen. Zudem drohten gegenseitige Verdächtigungen und Denunziationen das allgemeine Klima zu vergiften.

Sühne für ein Gestapo-Verbrechen

In dieser schwierigen Zeit wurde Dr. Franz Josef Gemmert am 11. Mai 1945 zum ersten Nachkriegsbürgermeister der Ratinger ernannt. Der Direktor der Brügelmann'schen Baumwollspinnerei, der als pflichtbewusst und politisch unbelastet galt, hatte der Ernennung erst "nach schweren Bedenken" zugestimmt.

Auf Anordnung der Amerikaner bestand seine erste Amtshandlung in der öffentlichen Sühnung eines Verbrechens, das sich am 6. April 1945 im Kalkumer Forst ereignet hatte. An diesem Tag, also nicht einmal zwei Wochen vor der Kapitulation Ratingens, waren elf Zwangsarbeiter, zehn Männer und eine Frau, ohne Gerichtsverfahren von Mitgliedern der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und Angehörigen der Düsseldorfer Kriminalpolizei exekutiert worden.

Tote "wie Tiere in der Erde verscharrt"

Die Ermordeten seien anschließend „wie Tiere in der Erde verscharrt“ worden, heißt es in einem Verwaltungsbericht. Die Amerikaner, die sich nach der kampflosen Übergabe der Ratinger sehr besonnen zeigten, setzten durch, dass stadtbekannte Nationalsozialisten die Leichname eigenhändig wieder ausgraben und auch bei der ehrenvollen Beisetzung vor St. Peter und Paul Hilfsdienste leisten mussten.

Unser Foto zeigt die Begräbnisfeier am 13. Mai. Das bislang unveröffentlichte Bild wurde von dem Niederländer Wim Holzhauer aus dem Dachgeschoss des Hauses Oberstraße 8 mit einer einfachen Agfa-Boxkamera geschossen. Der Niederländer war als zwangsverpflichteter Filmoperateur von 1942 bis 1945 im damaligen Ratinger Lichtspielhaus Capitol tätig.

Nachdem er 1946 seine Ratinger Frau Hedwig (geborene Treudt) in St. Peter und Paul geheiratet und im Auftrag der Briten noch einige Jahre Umerziehungsfilme im Capitol vorgeführt hatte, war er in seine Heimat zurückgekehrt. Nur weil sein Sohn zufällig im Internet auf das Ratinger Kinomuseum gestoßen war, hatte er im Alter von fast 90 Jahren 2007 Kontakt zu Albert Köster aufgenommen und ihm auch die besagte Aufnahme zukommen lassen.

Sogar die New York Times berichtete

Köster selbst, der bei Kriegsende acht Jahre alt war, kann sich noch gut an die Bestattung erinnern, über die damals sogar die New York Times berichtete. Vor Hunderten Trauergästen fand Bürgermeister Gemmert am 13. Mai 1945 die richtigen Worte. Die Opfer, die aus Russland, Polen und den Niederlanden stammten, nannte er in seiner Begräbnisrede „mit freiem Willen begabte Geschöpfe Gottes“, ihre Ermordung „roher Hundemenschen Walten“. „Mit Hilfe von außen unter unsäglichen Opfern“ sei die „innere Freiheit und Menschenwürde“ zurück gewonnen worden, ließ er außerdem in einer Bekanntmachung an die Bevölkerung erklären: "Sie beide müssen uns den Willen stärken und die Kraft vermehren, mit Gottes Hilfe den Weg zu einer besseren Zukunft zu bahnen.“

Autor:

Thomas Zimmermann aus Ratingen

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