Schulleiter sagt "Adios" und wandert aus
15 Jahre warten auf neue Räume? Ihm reicht's

Ein Jahr ist es her, da begleiteten wir die Oberstudienrätin Anja Deufel an einem ihrer letzten Arbeitstage. Nun sagt auch ihr ehemaliger Schulleiter Hanno Grannemann "Adios" - er wandert nach Teneriffa aus. Diesen Schritt geht er, weil er sich in seiner Funktion nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Und er ist nicht allein: Laut Zahlen der Landesregierung haben 2024 fast 700 Lehrkräfte in NRW den Schuldienst verlassen.  | Foto: Dabitsch
2Bilder
  • Ein Jahr ist es her, da begleiteten wir die Oberstudienrätin Anja Deufel an einem ihrer letzten Arbeitstage. Nun sagt auch ihr ehemaliger Schulleiter Hanno Grannemann "Adios" - er wandert nach Teneriffa aus. Diesen Schritt geht er, weil er sich in seiner Funktion nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Und er ist nicht allein: Laut Zahlen der Landesregierung haben 2024 fast 700 Lehrkräfte in NRW den Schuldienst verlassen.
  • Foto: Dabitsch
  • hochgeladen von Miriam Dabitsch (Redakteurin)

Hanno Grannemann ist wehmütig: Am Freitag war sein letzter Arbeitstag als Schulleiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums (HHG) Mettmann. Der Abschied fiel ihm schwer. Aber er hat die Entscheidung, dem deutschen Schulsystem den Rücken zu kehren, nicht leichtfertig getroffen.

Der 52-Jährige wandert aus. Ihn erwartet eine Schulleiterstelle an der deutschen Auslandsschule in Santa Cruz auf Teneriffa. Und so steht in den Sommerferien Packen auf dem Programm bei den Grannemanns, denn die ganze Familie zieht nach Spanien um.

Schulleiter war tief frustriert

Der Bewerbung vorausgegangen war eine tiefe Frustration des Pädagogen. Es war Anfang 2024, als die Anmeldungen für die fünften Klassen an den Mettmanner Schulen eingingen. 158 Anmeldungen gab es am Heinrich-Heine-Gymnasium, der Schule, die Hanno Grannemann seit nunmehr einem Jahrzehnt leitete. "Es waren die Früchte unserer guten Arbeit", ist er überzeugt. Gemeinsam mit seinem "sehr engagierten Kollegium" hatte der Schulleiter in den vergangenen Jahren hart an der Reputation der Schule gearbeitet. "Das AG-Konzept wurde verbessert, der Ganztag neu strukturiert, neue Fachbereiche aufgebaut, ein Sprinterzweig für leistungsstarke Schüler eingerichtet", nennt Grannemann Beispiele für die Weiterentwicklung des HHG. Die Folge: Nunmehr im dritten Jahr in Folge und auch in mehreren weiteren Jahren zuvor wies das Gymnasium mehr Anmeldungen auf als Plätze vorhanden sind.

Mehr Anmeldungen als Plätze, aber keine Mehrklassenbildung

Aber der Wunsch, die Schule um einen weiteren Zug auszubauen, wurde und wird negativ vom Schulträger, der Stadt Mettmann, bzw. der oberen Schulaufsicht beschieden - weil "spezifische gesetzliche Voraussetzungen nicht vorlagen", heißt es von der Pressestelle der Stadt Mettmann. "In den Jahren davor kam man zu einer anderen Einschätzung und es konnten Mehrklassen gebildet werden", entgegnet Grannemann. "Ich musste mich für meine gute Arbeit rechtfertigen. Das hat mich tief getroffen", sagt er.

"Wirtschaftlich nicht empfehlenswert"

Tatsächlich ist ein Wachstum des HHG von offizieller Seite nicht gewünscht: "Das HHG ist baulich für drei Züge vorgesehen. Das KHG für vier Züge. Eine Erhöhung der Zügigkeit des HHG würde bei einem Bedarf von acht Zügen gleichzeitig eine Verringerung der Zügigkeit des KHG bedeuten. Würde auf das aktuelle Wahlverhalten der Eltern eingegangen, hieße das, das baulich dreizügige HHG um zwei Züge verbindlich weiter auszubauen und gleichzeitig im baulich vierzügigen KHG ein Viertel der Räume leer stehen zu lassen. Es ist unter Einsatz großer Finanzmittel durchaus möglich, vorhandene Raumkapazitäten nicht zu nutzen und stattdessen Räume an anderer Stelle neu zu schaffen. Ein solches Vorgehen ist jedoch wirtschaftlich nicht empfehlenswert", heißt es in den FAQs zum Masterplan Schule, den der Rat der Stadt Mettmann im April verabschiedet hat.

Kein Schüler darf wegen fehlender Gymnasialempfehlung abgelehnt werden

"Was das für die Kinder und Eltern bedeutet, denen ich absagen muss, weil nicht genügend Plätze zur Verfügung stehen, darüber spricht niemand", sagt Grannemann. Die Vergabe der Plätze erfolgt übrigens über das Losverfahren, der Schulleiter darf beispielsweise keine Kinder ablehnen, weil sie keine Gymnasialempfehlung vorweisen können. "Das sind echte Schicksale, die mir da unter den abgelehnten Familien begegnet sind." Er erzählt von einer Einser-Kandidatin, die in der Nähe der Schule wohnt, aber eine Absage erhalten hat und nun quer durch die Stadt fahren muss, obwohl ihre Wunschschule direkt vor der Haustür liegt.

Kein Anspruch, eine bestimmte Schule besuchen zu dürfen

Dazu heißt es von Seiten der Pressestelle: "Der Elternwille bezieht sich schulrechtlich auf die freie Wahl der Schulform (zum Beispiel Gymnasium), jedoch nicht auf die konkrete ,Wunschschule'. Da es in Mettmann zwei Gymnasien gibt und das Konrad-Heresbach-Gymnaisum noch über ausreichend freie Kapazitäten verfügt hat, ist dem Elternwille im Sinne des Schulgesetzes Genüge getan worden. Einen Anspruch, eine ganz bestimmte Schule besuchen zu dürfen, gibt es nicht."

Hanno Grannemann zeigt die naturwissenschaftlichen Räume am Heinrich-Heine-Gymnasium in Mettmann. Lange schon wartet er auf die Sanierung.  | Foto: Dabitsch
  • Hanno Grannemann zeigt die naturwissenschaftlichen Räume am Heinrich-Heine-Gymnasium in Mettmann. Lange schon wartet er auf die Sanierung.
  • Foto: Dabitsch
  • hochgeladen von Miriam Dabitsch (Redakteurin)

Acht Jahre warten auf Glasfaseranschluss,
15 auf Sanierung von Räumen

Der verabschiedete Masterplan Schule sieht zudem den Neubau der Gesamtschule als "oberste Priorität", heißt es in einer Pressemeldung der Stadt Mettmann. "Wir warten seit nunmehr acht Jahren auf einen Glasfaseranschluss, auf die Sanierung und Erweiterung der naturwissenschaftlichen Räume seit mehr als 15 Jahren, da hat schon meine Vorgängerin für gekämpft." Im Masterplan Schule steht die Modernisierung der naturwissenschaftlichen Räume bis 2028, eine Erweiterung ist nicht erwähnt. Der Glasfaseranschluss soll nach Auskunft der Pressestelle der Stadt Mettmann nun im August aktiv geschaltet werden.

Klemmendes Schloss als Sinnbild für Sanierungsstau

Grannemann dreht den Schlüssel im Schloss, um die Tür zu einem der Räume zu öffnen, aber sie klemmt. Ein Kollege, der hier täglich unterrichtet, eilt zur Hilfe und zeigt dem Schulleiter den Trick, wie man die Tür aufbekommt. Besser hätte die Forderung nach Erneuerung nicht untermalt werden können. "Wie sollen sich so die Lehrkräfte und Schüler wertgeschätzt fühlen und mit Freude lernen?", fragt Grannemann. Es ist eine rhetorische Frage.

Vorfreude auf professionellere Strukturen auf Teneriffa

Als er im vergangenen Jahr merkte, dass ihm von Seiten der Verantwortlichen fast nur Gegenwind entgegenkam, beschloss er, sich beruflich umzuorientieren. Nach mehreren Auswahlverfahren hatte er die Stelle auf Teneriffa sicher. "Ich konnte mich gegen eine hohe Anzahl qualifizierter Bewerber durchsetzen, das hat mich sehr gefreut." Hanno Grannemann bleibt weiterhin Beamter, wird aber künftig nicht mehr vom Land NRW, sondern von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen bezahlt. Er freut sich auf "professionellere Strukturen" in der deutschen Schule auf Teneriffa. "Dort gibt es einen Schulvorstand, der ist vergleichbar mit dem deutschen Schulträger. Anders als hier, besteht der aus Freunden und Förderern, Eltern und ehemaligen Schülern - also Menschen, die ein Interesse an der Weiterentwicklung dieser Schule haben", sagt der 52-Jährige. Zudem steht die Schule finanziell besser da, weil die Eltern ein Schulgeld bezahlen. "Das ist vergleichbar mit einer privaten Ersatzschule in Deutschland." Er freut sich auf das, was kommt. Denn seinen Job, den hat er immer geliebt. Nur die Strukturen und Rahmenbedingungen in Mettmann, die haben ihn "verrückt gemacht".

Weitere Artikel aus der Serie "Blickpunkt Schule":

Ganz nah am Leben
Wie der Traum vom Lehrersein platzte
Endlich wieder unterrichten
Die unendliche Geschichte
Tschüss Schule!
Buch soll fehlendes Schulfach ersetzen
Ein Jahr ist es her, da begleiteten wir die Oberstudienrätin Anja Deufel an einem ihrer letzten Arbeitstage. Nun sagt auch ihr ehemaliger Schulleiter Hanno Grannemann "Adios" - er wandert nach Teneriffa aus. Diesen Schritt geht er, weil er sich in seiner Funktion nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Und er ist nicht allein: Laut Zahlen der Landesregierung haben 2024 fast 700 Lehrkräfte in NRW den Schuldienst verlassen.  | Foto: Dabitsch
Hanno Grannemann zeigt die naturwissenschaftlichen Räume am Heinrich-Heine-Gymnasium in Mettmann. Lange schon wartet er auf die Sanierung.  | Foto: Dabitsch
Redakteur:

Miriam Dabitsch (Redakteurin) aus Velbert

Miriam Dabitsch (Redakteurin) auf Facebook
Miriam Dabitsch (Redakteurin) auf Instagram
Miriam Dabitsch (Redakteurin) auf X (vormals Twitter)

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

272 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.