Positive Zwischenbilanz
Ratinger Landwirt hat Erntehelfer im Weltall

Ein moderner Landwirt mit Laptop und Traktor: Johannes Paas jun. auf dem Schimmershof.
  • Ein moderner Landwirt mit Laptop und Traktor: Johannes Paas jun. auf dem Schimmershof.
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„Piep, piep, piep.“ So lauteten die akustischen Signale, die Sputnik, der erste künstliche Satellit, am 4. Oktober 1957 an die Erde sendete. Inzwischen schwirren dessen Ur-Enkel durchs All. Und die haben deutlich mehr auf dem Kasten. Einige helfen neuerdings sogar Landwirten wie Johannes Paas jun. bessere Ernteergebnisse zu erzielen. Wir sprachen mit dem Orts- und stellvertretenden Kreisvorsitzenden der hiesigen Bauernschaft über High Tech, das geplante Glyphosat-Verbot, Biobauern und natürlich über die aktuellen Erträge.

Ratinger Wochenblatt: Herr Paas, zuerst die wichtigste Frage: Wie sieht ihre Zwischenbilanz bei der Ernte aus?

Johannes Paas jun.: Hier im Kreis sind wir einigermaßen zufrieden. Die Ergebnisse variieren allerdings, je nachdem, wo es geregnet hat, und wo nicht. Das war wieder sehr verschieden. Die Erträge der frühen Kulturen wie der Gerste waren aber gut oder sogar sehr gut.

Trotz des extrem trockenen Wetters gab es da keine Verluste?

Bei den frühen Kulturen nicht, denn die waren bei der Abreife schon so weit, dass ihnen die Trockenheit und Hitze nichts mehr ausgemacht hat. Sommerkulturen wie Sommergerste, Sommerhafer oder auch die Kartoffeln haben sich jedoch sehr schwer getan, weil sie ab März kaum Regen bekommen haben. Hier hatten wir Einbußen bis zu 20 Prozent.

Und was erwarten Sie für den Herbst?

Die Zuckerrüben und der Mais haben stark gelitten. Aber da hoffen wir, dass die bis zur Ernte im September und Oktober noch aufholen. Wenn das klappt, rechnen wir - wie beim Weizen - mit durchschnittlichen Erträgen.

Insgesamt fällt ihre Bilanz also positiv aus?

Ja, sehr, zumal die Böden vom vergangenen Jahr ja noch ausgetrocknet waren. Landwirte in Nord- und Ostdeutschland haben mir erzählt, dass sie damit noch viel stärker zu kämpfen hatten. Bei uns regnet es glücklicherweise etwas mehr.

"Ich frage mich: Arbeiten wir nachhaltig genug? Und: Welche Innovationen kann ich nutzen?"

Trotzdem halten Sie ständig Ausschau nach Optimierungsmöglichkeiten.

Natürlich, gerade als junger Landwirt hinterfrage ich mich immer: Wie gehen wir mit der Natur um? Arbeiten wir nachhaltig genug? Und: Welche Innovationen kann ich nutzen? Vor einigen Tagen war ich deswegen zum Beispiel noch in Weimar bei einem Landtechnikhersteller.

Worum ging es bei dem Treffen?

Die Frage, die der Hersteller und wir Landwirte uns stellen, lautet: Wie müsste eine Maschine aussehen, wenn wir viel weniger oder gar kein Glyphosat mehr einsetzen. Das finde ich spannend, da neue Wege zu finden.

Das geplante Glyphosat-Verbot ist gerade ein großes Thema?

Generell schon, bei uns im Kreis aber weniger, denn hier kommt es kaum zum Einsatz. Für Problemfälle wie Problem-Unkräuter ist das Pflanzenschutzmittel aber ein extrem effektiver Wirkstoff, den ich auch nicht missen möchte, den wir aber seit einigen Jahren viel sensibler einsetzen als früher. Wenn überhaupt, wird Glyphosat vor der Saat eingesetzt und nur an den wirklich problematischen Stellen.

Sie sind gegen das Verbot?

Aus meiner Sicht bräuchten wir es nicht. Der Hauptnutzer ist ohnehin die Deutsche Bahn, die damit alle ihre Strecken spritzt. Aber davon spricht niemand.

Trotzdem überlegt die Branche, was nach Glyphosat kommt…

Darum ging es in Weimar. Da haben wir Landwirte unsere Wünsche geäußert und einen ersten Prototyp getestet. Das war ein spannender Austausch, denn es war auch jemand von der Agrargenossenschaft dabei, der 5000 Hektar in Thüringen hat, aber auch ein Biobauer.

"Wir werden bald eine Hybrid-Landwirtschaft haben und nicht mehr unterscheiden zwischen Bio und konventionell"

Das heißt, da sitzen ganz unterschiedliche Interessen an einem Tisch?

Einerseits schon, gleichzeitig bin ich mir 100-prozentig sicher, dass wir bald eine Hybrid-Landwirtschaft haben, dass wir also gar nicht mehr unterscheiden werden zwischen Bio und konventionell.

Sie glauben, es wird einen Mittelweg geben?

Genau, beide werden voneinander lernen, schließlich geht es auch in Zukunft darum, gute und gesunde Lebensmittel zu produzieren.

Haben Sie dafür ein aktuelles Beispiel?

Ja, ich habe dieses Jahr erstmals auf zehn Prozent meiner Ackerfläche - in Breitscheid und in Homberg - die rheinische Ackerbohne angebaut. Das ist eine gentechnikfreie Eiweißpflanze, mit der man die Fruchtfolge erhöhen kann. Sie wird bislang vor allem für die Tierfütterung verwendet, aber erste Bäckereien bieten auch schon eiweißhaltige Brote aus Ackerbohnen an. Dieses ökologische Kreislaufdenken, das können wir vom Biobauern lernen.

Die Landtechnik wird immer intelligenter

Welche wichtigen Entwicklungen gibt es noch in der Landwirtschaft?

Richtungweisend wird im November wieder die Agritechnica sein. Das ist die weltgrößte Fachmesse für Landtechnik, die alle zwei Jahre in Hannover stattfindet.

Ist schon absehbar, wohin die Reise geht?

Aktuell werden die Landmaschinen immer intelligenter und ressourcenschonender. In den Jahren davor ging es viel um den Einsatz von Robotertechnik und natürlich um Digitalisierung.

Dazu gehören auch die eingangs erwähnten Satellitenbilder…

Ja, da hat es in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben. Vor allem seit 2015 bzw. 2017 die Erdbeobachtungssatelliten Sentinel 2A und 2B den Globus umkreisen. Mit bearbeiteten Aufnahmen ihrer Multispektralkameras kann ich meine Felder inzwischen in Kacheln von fünf mal fünf Metern aufrastern.

Wieso ist das hilfreich?

Nun, dadurch bekomme ich zum Beispiel einen sehr guten Überblick über die Biomasse, also darüber, wie viel Bewuchs ich habe, oder über die Feuchtigkeit der Böden. So kann ich genau erkennen, wo es auf einem Acker eine natürliche Quelle oder einen Kieskopf mit hohem Sandanteil gibt. An solchen Stellen brauche ich gar nicht mehr düngen, spritzen oder säen, denn an diesen Stellen wächst ohnehin nicht mehr, weil der Boden da einfach keine Nährstoffe halten kann. Ich sehe das auch als Beitrag zum Umweltschutz, weil ich meine Mittel gezielter einsetze.

Kann man denn alles auf den Satellitenbildern erkennen?

Nein, aber wenn ich nicht weiß, was los ist, lasse ich eine Bodenanalyse machen, etwa um zu sehen, ob die Nährstoffe ausgewogen sind. Seit fünf Jahren muss ich zum Beispiel – je nach Kultur – Schwefel nachdüngen. Früher gab es davon genug in der Luft. Aber heute muss ich ihn künstlich hinzufügen, sonst können die Pflanzen den Stickstoff nicht so gut verwerten.

Sind Ihre Erntehelfer aus dem Weltall für Sie inzwischen unverzichtbar?

Für mich sind sie auf jeden Fall eine große Unterstützung, um schnell reagieren zu können. Automatisch geht das aber auch nicht, denn wenn ich an einer Stelle mehr Stickstoff hinzufügen möchte, brauche ich auch Maschinen, die das richtig dosieren und umsetzen. Dafür habe ich jetzt zum Beispiel einen neuen Düngerstreuer angeschafft. Für den muss wiederum der Programmierer die Daten entsprechend aufbereiten. Das muss alles aufeinander abgestimmt sein.

Glauben Sie denn, dass ihr Großvater es leichter hatte?

Das weiß ich nicht, aber klar: Mein Opa hatte seine drei Felder rund um den Schimmershof. Der wusste natürlich, wo seine „nasse Stelle“ war. Mein Vater hatte aber schon 30 Felder und wir bewirtschaften heute 60 Parzellen in der gesamten Region. Um diese Flächen effizient bewirtschaften zu können, brauche ich einfach mehr Überblick. Und darin investiere ich viel Zeit.

Autor:

Thomas Zimmermann aus Ratingen

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