Serie "Patient 'Pflege'": Interview mit Pflegedirektor Berthold Böttcher, Klinikum Vest Recklinghausen
"Zeit für Veränderung"

Berthold Böttcher, Pflegedirektor am Klinikum Vest, Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen.
  • Berthold Böttcher, Pflegedirektor am Klinikum Vest, Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen.
  • Foto: Foto: Klinikum Vest
  • hochgeladen von Mirella Turrek

Unzählige Überstunden, enormer Stress, zu wenig Bezahlung für zu viel physische und psychische Belastung - das sind die Schlagworte, die man mit einem Beruf in der Pflege in Verbindung bringt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte den Berufsstand attraktiver machen und außerdem 13.000 neue Stellen schaffen. Doch reicht das aus, um dem Pflegenotstand entgegenzutreten? Wer ist in der Verantwortung? Und wie kann man junge Menschen für den Beruf begeistern? Wir haben mit Berthold Böttcher, Pflegedirektor am Klinikum Vest, Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen, gesprochen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, dem Pflegenotstand entgegenzuwirken. Macht die Politik Ihrer Meinung nach genug?

Berthold Böttcher: "Die Politik ist nicht alleine verantwortlich. Wir sind auch gefordert, etwas dazu zu tun. Mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG) sind wir bereits auf einem guten Weg. Meine Sorge ist: Wie lange hat das Bestand? Wir haben das alles Anfang der 90er Jahre schon einmal erlebt. Es wurde Pflegepersonal aus dem Ausland angeworben, vorwiegend aus Korea, den Philippinen und den Balkan-ländern. Und jetzt stehen wir wieder vor dem gleichen Problem. Deshalb sage ich: Der eingeschlagene Weg ist gut. Aber wir müssen dran bleiben. Und damit meine ich alle, die Politik, die Berufsverbände, die Träger der Kranken- und Pflegeeinrichtungen und auch die Mitarbeiter vor Ort selbst dürfen jetzt ihre Motivation nicht verlieren."

Die Mitarbeiter in der Pflege beklagen zahlreiche Überstunden und eine enorme Flexibilität, die von ihnen gefordert wird. Wenn am freien Sonntag der Arbeitgeber anruft, weil auf der Station wieder einmal zu wenig Personal ist, muss das Privatleben hinten anstehen. Da ist es verständlich, dass die Motivation sinkt. Wie kann man diesen Missstand verbessern?

"Die Rahmenbedingungen sind mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz gesteckt. Die Gesetze und Verordnungen sind beschlossen. Somit sind wir auf einem guten Weg. Das Krankenhaus muss ein Pflegebudget erstellen und den Pflegebedarf anmelden. Das heißt, wir müssen mitteilen, wieviel Personal benötigt wird und dieses wird finanziert. Eine festgelegte Personal-Untergrenze darf nicht unterschritten werden. Im Klinikum Vest haben wir seit langen bereits einen Springerpool eingeführt. Dieser wird gerade durch Neueinstellung vergrößert. Somit soll vermieden werden, dass die Kollegen aus ihrer Freizeit geholt werden."

Das hört sich gut an. Dafür braucht man aber erstmal ausreichend Personal. Was kann man tun, um den Beruf der Krankenpflege für junge Menschen attraktiver zu machen?

"Letztendlich geht es ums Geld. Etwas ausschließlich aus Berufung zu tun, ist heutzutage nicht mehr zeitgemäß. Um den Pflegeberuf für junge Menschen attraktiv zu gestalten, muss er besser bezahlt werden. Weiterhin muss man den jungen Menschen, die sich weiterentwickeln möchten, Perspektiven bieten. Fort- und Weiterbildungen sind ein wichtiger Punkt. Außerdem muss man dem negativen Image des Berufes entgegenwirken. Eine Arbeit in der Pflege ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Die Pflegekraft ist maßgeblich mit verantwortlich für den Gesundungsprozess der Patienten. Es geht um viel mehr, als die grundpflegerische Versorgung (Körperpflege) des Patienten und die Medikamentengabe. Dieses lernen die Auszubilden in unserer Krankenpflegeschule. "

Wobei das ja ebenfalls wichtige Aufgaben sind, für die dem Personal oft einfach die Zeit fehlt. Wenn ein einziger Pfleger für 17 Patienten zuständig ist, hat er natürlich keine Zeit, der alten Dame beim Essen zu helfen. Was kann man konkret tun?

"Zusätzlich zu dem vorgesehenen Fachpersonal Hilfskräfte einstellen, die den Patienten unterstützen, zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme. Dieses wird in den gesetzlichen Vorgaben nur unzureichend berücksichtigt."

Also denken Sie, dass man das Schlimmste noch abwenden kann? Oder ist es bereits zu spät?

"Es ist zwei nach zwölf. Die Politik muss es jetzt wirklich ernst meinen. Sie muss das, was sie auf den Weg gebracht hat, überwachen und keine Kompromisse zulassen. Die Arbeit in der Pflege muss mit großen Kampagnen beworben werden. Wir werben zum Beispiel in Kinos für den Pflegeberuf. Das Berufsbild muss in ein anderes Licht gerückt werden. Und: Wenn uns die Pflege etwas wert ist, muss diese finanziert werden. Es geht uns alle an."

Also sind nicht Einzelne in der Verantwortung, sondern alle müssen an einem Strang ziehen.

"So ist es. Wir alle möchten eine gute Pflege. Gute Pflege muss die oberste Priorität sein. In anderen Ländern hat die Pflege einen ganz anderen Stellenwert, als in Deutschland. Wir brauchen Runde Tische, an denen Lösungen erarbeitet werden. Lösungen gibt es immer. Wichtig ist, dass sie langfristig sind. Unsere Gesetze sind ein hervorragender Grundstock. Meiner Meinung nach wird alles immer viel zu viel zerredet. Wir sollten auf der Grundbasis und mit den Mitarbeitern zusammen aufbauen. Was wir jetzt erarbeiten, wird in 15 Jahren Früchte tragen."

Ein abschließender Satz an Bundesgesundheitsminister Spahn:

"Weiter so! Es ist zum letzten Jahr hin schon positiver geworden. Die Politik ist nun gefordert, das einzufordern, was sie auf den Weg gebracht hat. Dran bleiben!"

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