Detektiv der Geschichte

Andreas Wachtel. Foto: Schypulla
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„Sie denken jetzt bestimmt, dass ich ein bisschen durchgeknallt bin”, lacht Andreas Wachtel und fügt auch gleich an, dass er verstehen könnte, wenn es so wäre. Schließlich beschäftigt sich der Oer-Erkenschwicker in seiner Freizeit mit einem wahrhaft abgehobenem Hobby: der strategischen Luftkriegsführung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Der Propeller im Büro von Andreas Wachtel, den die meisten Stadtspiegel-Leser in seiner Funktion als Geschäftsführer der Vestischen Kinder-und Jugendklinik Datteln kennen, zeugt davon, dass sich einiges in seinem Leben um das Thema Flugzeuge dreht. So weit nicht besonders ungewöhnlich. Allerdings gilt das erste Interesse des 49-Jährigen nicht etwa dem fliegenden Objekt, sondern den abgestürzten oder sogar abgeschossenen Bombern während des Zweiten Weltkrieges. Eine Leidenschaft, die vor fast 30 Jahren ausgerechnet bei einem Urlaub auf Texel geweckt wurde, als Andreas Wachtel, der schon im frühen Jugendalter fleißig an Flugzeugmodellen gebastelt hatte, auf einen Fliegerfriedhof des Britischen Bombercommands stieß. „Da stellte ich mir die Frage, unter welchen Umständen die dort begrabenen Piloten zu Tode gekommen sind und habe in diesem Zusammenhang auch damit begonnen, mich mit der Historie und der strategischen Luftkriegsführung des Zweiten Weltkrieges auseinanderzusetzen“, erzählt er.
Über 55.000 Angehörige des britischen Bombercommands ließen im Zuge des schrecklichen Krieges ihr Leben. Und noch längst sind die unzähligen Wracks nicht alle gefunden, die entweder bereits auf der einstigen Anflugroute nach Deutschland über Holland oder aber im deutschen Luftraum abgestürzt sind. „Das kann noch ein ganzes Weilchen dauern”, weiß Andreas Wachtel, der zumeist auf Texel, wo damals alles begann, ganze Urlaube mit der Suche nach Flugzeugtrümmern verbringt.
Denn für den Hobby-Historiker sind die Unglücksmaschinen bedeutend mehr als bloßes Altmetall: sie erzählen (eine) Geschichte. „Warum ich mich gerade auf die Bomber aus England versteift habe, weiß ich gar nicht so genau. Fest steht jedenfalls, dass die Soldaten der britischen Luftwaffe als einzige keinerlei Ehrungen erhalten haben, obwohl sie eine ganz entscheidende Rolle im Krieg gespielt haben”, sagt Andreas Wachtel. Schon kleinste Indizien reichen ihm, um mit Hilfe von Wrackteilen Rückschlüsse auf das jeweilige Modell zu ziehen. Dass sämtliche Teile der englischen Bomber mit Seriennummern versehen waren, erleichtert die Nachforschungen dabei enorm. In akribischer Recherchearbeit setzt er das Trümmerpuzzle nach und nach zusammen. Während die Nummern Aufschluss über den jeweiligen Flugzeugtyp geben, verraten Zeitungsarchive etwaige Zeitzeugen-Beobachtungen von gesichteten Abstürzen. Einschlägige Literatur gibt schließlich Auskunft über die Namen derjenigen, die als Besatzung an Bord waren - im Idealfall. Oftmals muss auch Kommissar Zufall helfen, um das Schicksal der britischen Flieger aufzudröseln.
Den Dank für so viel Mühen erhält Andreas Wachtel oftmals von den Familie oder Freunden der Todesopfer. „Für viele ist es einfach etwas Erleichterndes, Informationen darüber zu erhalten, was mit einer ihnen nahe stehenden Person wirklich geschehen ist“, weiß Andreas Wachtel.
Etwa 20 bis 30 Leute aus allen Ecken der Welt betreiben ein ähnliches Hobby wie er, tauschen sich aus und helfen sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen. „Viele von ihnen habe ich noch nie zu Gesicht bekommen, aber uns verbindet dasselbe Interesse“, sagt Andreas Wachtel, der seine Mühen auch als eine Art geschichtliche Wiedergutmachung sieht. „Wenn wir wirklich einen ordentlichen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen, dann müssen wir viel dafür aufarbeiten“, findet er. abei hat er jedoch nie eine Anfeindung auf Seiten der Hinterbliebenen erlebt, weil er ein Deutscher ist. „Die Engländer können sehr gut differenzieren und wissen ja, dass meine Generation an den Vorkommnissen vollkommen schuldlos ist“, sagt Andreas Wachtel, der Mitautor von vier Büchern zum strategischen Luftkrieg ist. „Ich habe bis jetzt viele positive Reaktionen von Angehörigen erhalten und das ist ja auch das Schöne an dem Hobby: Es beschäftigt sich mit den Lebenden und nicht mit den Toten.“

Andreas Wachtel. Foto: Schypulla

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