Klimawandel
Erwärmende Grüße aus Sibirien an die Welt, die nicht das Herz erwärmen, stattdessen das Gemüt erhitzen

Frühsommerliches, trockenes und warmes Wetter zur Unzeit im Frühjahr 2020. Es hielt das Damoklesschwert des fortschreitenden Klimawandels im öffentlichen Bewusstsein, wenn auch nur in einer Nische, da Corona fast die gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Zurzeit befinden wir uns in einer Phase wechselhafter sommerlich gemäßigter Wetterlagen, die das Damoklesschwert hinter einem Nebel verschwinden lässt. Wir wähnen uns wie ein Kleinkind, für das verschwunden ist, was es nicht mehr sieht. Ist es aber nicht. 

Tausende von Jahren hat der Boden den Atem angehalten und alles bei sich gehalten, was in seiner Lunge an Gasen schlummerte. Doch inzwischen atmet er aus. Die Treibhausgase Kohlendioxid und Methan entweichen seiner Lunge und reichern die Atmosphäre an. Ein Alarmsignal. Für die Menschen ein Verlust, Treibhausgasemissionen selbst zu steuern. Die Geister, die er rief, er wird sie womöglich nicht mehr los. Hat er damit sein Schicksal aus der Hand gegeben, einen Motor angeworfen, der inzwischen automatisch läuft? 

Wovon ist hier die Rede?

Wir sprechen von Sibirien, dem Eisschrank Russlands. Weites Land vom Uralgebirge im Westen bis hin zum Tausende Kilometer entfernten Pazifik im Osten mit seinen Randmeeren. Das Land von Taiga und Tundra. Äußerst dünn besiedelt, da menschenfeindlich. Permafrostboden fast überall seit der letzten Eiszeit vor Tausenden von Jahren. Schon unter Stalin begann Russland, den Eisschrank industriell zu knacken. Bei allem blieb Sibirien aber konsequent eins: Ein Eisschrank. Doch seit Jahren schwächelt der Eisschrank und könnte schon bald seinen Geist als solcher aufgeben. 

In der jakutischen Kleinstadt Werchojansk, der Stadt im Nordosten Sibiriens, einem Synonym für extreme Kälte, stiegen die Temperaturen vor wenigen Wochen auf 38°Celsius.
In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres 2020 war es nach Auskunft von Metereologen in Sibirien sieben Grad wärmer als üblich. Überdurchschnittlich warme Perioden haben keine, wie ebenfalls üblich, kurze Verfallsdauer, sondern halten sich über Monate. Forscher stehen vor einem Rätsel.
Die Erwärmung der Atmosphäre über Sibirien, begünstigt durch das Zurückweichen der arktischen Eisflächen, so dass nicht mehr so viel Sonnenenergie als Licht in den Weltraum reflektiert werden kann, führt zu einem immer tiefer greifenden Auftauen der Permafrostböden. Der Boden gerät in Bewegung, wird plastisch. Häuser, vermeintlich sicher auf einem Eisbodenfundament erbaut, sacken ab, geraten in Schieflage, drohen zusammenzustürzen oder einfach im aufgeweichten Boden zu versinken. Pipelines stehen nicht mehr auf sicheren Füßen. Die Umweltkatastrophe von Norilsk vor kurzem hätte sich ohne das Nachgeben des Erdreichs kaum ereignet. 

Im Permafrostboden wird seit Jahrtausenden organisches Material in vereistem Zustand konserviert. Doch jetzt, da der Boden bis in größere Tiefen auftaut, kann das Material zersetzt werden. Gase wie Kohlendioxid und Methan werden frei, steigen auf und entweichen in die Atmosphäre. Vor den Küsten Sibiriens kann man inzwischen regelrechte Methanbrunnen anhand der Blasen an der Meeresoberfläche beobachten. Die Erwärmung macht vor den untermeerischen Permafrostböden nämlich genauso wenig halt. Die größere Gefahr geht allerdings von den kontinentalen Permafrostböden aus mit ihrer ungeheuren Ausdehnung, so dass noch schwer abzuschätzen ist, in welchen Ausmaßen und mit welchen Folgen die Freisetzung von Methan und Kohlendioxid geschehen wird. Jedenfalls beschleunigen die eigendynamischen Ereignisse in den Permafrostböden die Erwärmung der Erdatmosphäre, und das nicht nur über Sibirien.

Und was noch hinzukommt, sind die zunehmenden Waldbrände in Sibirien. Greenpeace geht für 2019 von einer Brandfläche größer als Süddeutschland aus. Ende Juni 2020 allein stand eine Fläche so groß wie das Saarland in Flammen. 

Erwärmende Grüße aus Sibirien an die Welt!

Autor:

Helmut Feldhaus aus Rheinberg

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