Dieter Nuhr auf weisen Wegen
Ist heute alles schlimmer geworden in der Welt? Eine Antwort von Dieter Nuhr

Das neue Programm des Comedian Dieter Nuhr wurde am 9.Januar ausgestrahlt. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, warum viele Menschen der Meinung sind, alles in der Welt sei ja so schlimm geworden. Diese Meinung wird auch hier im Lokalkompass oftmals geäußert. Dieser Meinung begegnet Dieter Nuhr mit beeindruckenden Worten, die darüber hinaus beweisen, welches Alleinstellungsmerkmal er unter den deuten Comedian besitzt. Hier ein Auszug seiner nicht zuletzt politischen Statements:

"So viel ist besser geworden, aber das weiß bei uns keine Sau, weil - es meldet ja keiner. Katastrophen bringen Auflage, Klickzahlen, Quote - und deshalb leben wir hier in Dauerpanik.
Warum sind wir hier ständig hysterisch? Natürlich haben wir Probleme. Natürlich müssen wir die lösen. Aber das Riesenproblem ist, dass wir bei jeder Katstrophe dabei sind, egal, was passiert auf dieser Welt. Man sieht ein Foto, meist sogar einen Film. Und das darf man nicht vergessen: was wir mit den Augen sehen, erscheint uns nah. Das haben wir in Millionen Jahren Evolution gelernt. Was wir sehen, das ist in der Nähe. Das sagt das Gehirn. In Sichtweite, wie man so schön sagt. 
Und wir sehen heute alles: Krieg, Terror, Verbrechen. Und irgendwann denkt man: Überall sind Psychos, ich werde auch bald erschossen! Nein! Die Mühe wird sich niemand machen. Machen Sie sich keine Sorgen! 

Warum also diese überzogene Angst? Weil die Menschen in den Medien sehen, es wird überall geschossen. Und dann haben sie Angst. Aus einem ganz einfachen Grund: Weil die, die nicht erschossen werden, in den Medien nicht vorkommen. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass gemeldet wurde: In Luckenwalde wurde eine 57jährige Bäckerfachangestellte auf ihrem Heimweg durch einen dunklen Wald nicht erschossen. Hab ich noch nie gehört. Und deshalb kommt das in unserer Wahrnehmung nicht an.

Die meisten Menschen werden nicht erschossen, weil wir Frieden haben. Meine Generation ist die erste europäische Generation überhaupt, die - toi, toi, toi - ein ganzes Leben ohne Krieg erlebt. Das hat es noch nie gegeben. Seit über 70 Jahren ist Frieden in Mitteleuropa. Das hat's hier noch nie gegeben. Seit es Menschen gibt, haben sie sich gegenseitig massakriert. Und erst seit wir die europäische Gemeinschaft haben, ist es damit vorbei. Und übrigens nur innerhalb der EU. Schon am Rand wird es schwierig: Ukraine, Syrien, früheres Jugoslawien. Inzwischen begreifen immer mehr Leute, dass das der Sinn der europäischen Gemeinschaft ist, der Sinn der ganzen Globalisierung, dass die Menschen Handel treiben - und sich deshalb nicht erschießen. Einfach weil es dem Geschäft schadet, wenn man seine Kundschaft erschießt. Das ist eine sehr einfache Logik. Deshalb ist Globalisierung Friedenspolitik. Freihandel ist Friedenspolitik. Jetzt, wo Trump da ist, fangen die Leute an, das zu begreifen. Wenn wir wieder Protektion haben und nationale Wirtschaften usw., wenn wir alles abschaffen ..., dann haben wir wieder den zusand wie 1914. Da kann ich persönlich drauf verzichten. Globalisierung ist das Einzige, was Krieg verhindert. Weil den Arabern der Hafen von New York gehört - und den Chinesen gehört halb London - und dann wirft man da keine Bomben drauf. Einfach, weil sonst zu Hause der eigene Aktienkurs einsinkt. Deshalb ist Frieden.

Wir haben seit über 70 Jahren Frieden. Aber wenn Sie Nachrichten gucken, da denken Sie, wir leben an der Front. Nur Katastrophenbilder - und unser Gehirn hat es nicht gelernt, mit dieser Bilderflut umzugehen. Das ist das Problem. Das muss man sich klarmachen. Noch vor 200 Jahren hatte der normale Mensch in seinem ganzen Leben kein einziges Bild gesehen außer den Bildern, die in seinem Dorf in der Kirche hingen. Und heute haben wir überall Bilder, bewegte Bilder. Fast alle diese Bider zeigen Unfälle, zeigen Kriege - und deshalb sind wir paranoid. Weil unser Hirn sagt: So ist die Welt. Aber so ist sie nicht. Es ist eine Täuschung, weil wir die Welt nicht mehr aus eigener Anschauung wahrnehmen so wie früher. 95 Prozent unserer Wahrnehmung kam aus eigener Anschauung und Erzählungen von Freunden und Bekannten. Heute kommen 95 Prozent aus den Medien. Und das darf man nicht vergessen.

Die Medien zeigen ausschließlich die Abweichung vom Normalen. Nur was besonders ist, kommt in den Medien. Wenn man die Welt dann durch die Medien wahrnimmt, sieht man immer nur die Abweichung vom Nomalen. Dann hält man irgendwann die Abweichung für die Normalität. Und dann ist man gaga. Und diesen Zustand haben wir erreicht. Das ist der Grund für unsere Dauerhysterie. Die Bilder machen uns bekloppt."

Autor:

Helmut Feldhaus aus Rheinberg

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