Längst überfällige Worte, welche der Polarisierung in unserer Gesellschaft hätten vorbeugen können
Joachim Gauck: Bemerkenswertes Plädoyer für mehr Toleranz und zugleich Intoleranz

Manch jemand würde einen Shitstorm in unserer Gesellschaft erleben, würde er das äußern, was Joachim Gauck, ehemaliger Bundespräsident, in seinem Buch "Toleranz - einfach schwer" und in verschiedenen Interviews über eine für ihn erforderliche neue Toleranz- und Intoleranzkultur verbreitet. Ich empfinde Gaucks Worte einerseits bemerkenswert, andererseits längst überfällig. Schade, dass er sie nicht schon 2015 gesprochen hat.

Hier Auszüge aus einem Interview mit dem Journalisten Fabian Busch (web.de):

"Es ging mir darum, den Toleranzbegriff zur Debatte zu stellen, für einen erweiterten politischen Debattenraum und für eine kämpferische Toleranz zu werben." 

"Ich kann eine Meinung bekämpfen – sie aber gleichzeitig als Teil des Diskurses in einer offenen Gesellschaft betrachten. Es gibt auch in rechten Parteien und Bewegungen Menschen, die vielleicht stockkonservativ oder sogar reaktionär, deswegen aber noch nicht verfassungsfeindlich sind." 

"Denen sollte man kritisch oder auch ablehnend, aber noch nicht mit Intoleranz begegnen. Allerdings kann Intoleranz angebracht sein – und zwar, wenn es nicht mehr um rechts oder links geht, sondern um rechtsradikal, linksradikal oder islamistisch." 

"Die Grenze ist überschritten, wenn jemand die Basis des Grundgesetzes verlässt, wenn jemand die Rechtsordnung nicht mehr achtet. Aufforderungen zu Hass, Frauenverachtung, Homophobie, Antisemitismus darf man nicht ertragen. Ein Beispiel: Nicht wenige zugewanderte Frauen aus Afrika sind von Genitalverstümmelung betroffen. Traditionen wie diese muss man nicht akzeptieren, da wäre Verständnis der falsche Weg. Mein Buch ist der Versuch, die Debatte über das Thema Toleranz ernst zu nehmen und zu erweitern." 

"...  enthält mein Buch eben auch ein Plädoyer für Intoleranz. Wenn man den Intoleranten jeden Raum gewährt, den die Toleranz schafft, dann schafft sich die Demokratie selbst ab, das Recht verliert seine herrschende Rolle und die Menschenwürde wird negiert." 

"Schon als Bundespräsident war mein Anliegen, dass wir in der Mitte der Gesellschaft über Probleme diskutieren. Die Mitte wird im Zusammenhang mit Zuwanderung nicht ausschließlich über die sicherlich vorhandene Bereicherung sprechen. Sie sollte auch die Diskussion über Probleme nicht den Rändern überlassen."

Auf die Frage, ob man bei einer Straftat die Herkunft des Täters nennen sollte, antwortet Gauck:

"Ja, denn Rechtsradikale hätten sofort mit Propaganda begonnen, wenn verschwiegen worden wäre, dass es sich hier um einen Migranten handelt. Gleichzeitig sollten wir einer pauschalen Denunziation von Ausländern als tendenziellen Verbrechern entschlossen entgegenwirken. Und: wie weit der kulturelle Hintergrund eines Täters in Zusammenhang mit der Tat steht, wird die seriöse gerichtliche Untersuchung erweisen."

"Ich bin Deutschland von Herzen zugetan, weil es demokratisch und rechtsstaatlich geworden ist. Wenn aber jemand anti-europäische Gedanken vorträgt, wenn jemand zu strikt nationalem Denken zurückkehren will, dann ist das für mich Unfug und zukunftslos.
Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Mein Verstand sagt mir jedoch: Ich kann Menschen, die in dieser Sache anders denken als ich, nicht einfach aus dem politischen Diskurs herausnehmen, sondern muss mich mit deren Meinung demokratisch auseinandersetzen.
Das kann natürlich schwerfallen – deshalb ist Toleranz manchmal eine richtige Leistung, eine Zumutung sogar. Aber missliebige Meinungen einfach auszusortieren, passt nicht zur Idee der offenen Gesellschaft."

Autor:

Helmut Feldhaus aus Rheinberg

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