Mahnwache gegen AfD in Orsoy
Subjektive Wahrnehmung einer Demo gegen AfD - eindrucksvoll und doch gespenstisch

Für 19:00 Uhr heute Abend hatte der AfD-Kreisverband einen Vortragsabend mit dem Bundestagsabgeordneten Roland Hartwig im Orsoyer Hof am Hafendamm anberaumt. Die Nachricht war wenige Tage zuvor durchgesickert, was den Rheinberger SPD-Ratsherr Peter Tullius bewogen hatte, innerhalb der 48-Stunden-Frist noch schnell eine Mahnwache anzumelden, zu der er die Bevölkerung aufrief. Als jemand, der die AfD - besonders deren Entwicklung - sehr argwöhnisch betrachtet, war meine Teilnahme an der Mahnwache keine Frage. Also fuhr ich hin und war zunächst vor Parkplatzprobleme gestellt.

Ich stellte mich zu den Demonstranten, die sich gegenüber dem Orsoyer Hof auf der anderen Straßenseite versammelt hatten, sichtete die Transparente und stellte fest: Der Aufruf des SPD-Ratsherren hatte Wirkung gezeigt: 200-300 Demonstranten. Eindrucksvoll. Ich als vor wenigen Jahren zugezogener Rheinberger, auch wenn kein Orsoyer, kam schnell ins Gespräch mit einigen Demonstranten, hauptsächlich Menschen der mittleren und älteren Generationen. Von Antifa keine Spur. Es waren keine gewohnheitsmäßigen Demonstranten. Den Menschen schien ihre Teilnahme an der Mahnwache einfach ein ernsthaftes Anliegen zu sein, so wie mir auch. Sogar der Sportausschuss der Stadt hatte seine Sitzung schnell zu einem Ende gebracht, um an der Demo teilnehmen zu können, wie Bürgermeister Frank Tatzel, nachdem Ratsherr Tullius alle Herbeigeeilten begrüßt hatte, in seinem Grußwort erwähnte.

Und dann harrte man der Dinge, die da kommen würden. Urplötzlich erschien vor dem Orsoyer Hof ein 47jähriger Mann, der die Deutschlandfahne demonstrativ der Mahnwache entgegenstreckte und vorwurfsvolle Worte herüberrief und sofort Nazi-raus-Rufe erntete. Ich überquerte die Straße und begann ein Gespräch mit dem vermeintlichen Patrioten mit der Frage, ob ich mit jemanden aus der AfD sprechen könnte. (Im Lokalkompass habe ich schon oft genug betont, dass das Gespräch gesucht werden muss, um Menschen von ihrem Irrweg abbringen zu können - und das versuche ich auch.) Er gehöre nicht der AfD an, vernahm ich. Wir unterhielten uns trotzdem kurz, und zwar in aller Ruhe. Er deutete die Mahnwache nicht zuletzt als Reaktion auf Thüringen, dem ich widersprach. Ich machte auf das Erstarken des Flügels, deren zunehmenden Goutierung innerhalb der AfD und auf die Äußerungen des Flügel-Anführers Björn Höcke aufmerksam, die inzwischen die Bezeichnung "Faschist" gerichtlich legitimieren. Ich sagte ihm, Höcke wolle die Demokratie demolieren. Mein Gesprächspartner entgegnete, die gegenüberstehenden Demonstranten würden das doch tun. Er, der mir sein Geburtsjahr verriet, habe selbst sich vor vielen Jahren in Orsoy gegen die NPD gestellt. Ich versuchte, ihm in der gebotenen Kürze klarzumachen, dass die AfD mehr ist als Kritik an der vergangenen Politik, die m.E. zuweilen tatsächlich das Maß verloren hatte, was aber längst korrigiert wurde und wird. Ob ich ein wenig Nachdenklichkeit bewirken konnte? Ich weiß es nicht. Aggressivität verspürte ich nicht. Ich bat meinen Gesprächspartner noch, ob er im Orsoyer Hof jemanden von der AfD fände, der bereit wäre zu einem Gespräch mit mir. Ich wechselte wieder die Straßenseite und unterhielt mich mit Menschen, unter ihnen eine Frau, die als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, über die Nazizeit, über Flüchtlinge, über Trump und manches mehr. Ein AfD-Gesprächspartner wurde mir nicht vermittelt. Meinen Gesprächspartner sah ich an dem Abend nicht mehr.

Ein Pickup fuhr vor und parkte jetzt auf dem Bürgersteig vor dem Orsoyer Hof. Neunkirchener Kennzeichen. Die nicht zu übersehende Polizei griff ein. Der Pickup fuhr wieder weg. Der AfD-Referent? Ich weiß es nicht.

Gelegentlich betraten Menschen den Orsoyer Hof, Restaurant und Hotel, aber nicht besonders viele. Diesen Menschen - ob Afd'ler oder nicht - folgten Nazi-raus-Rufe. Niemand der Eintretenden zeigte sich irritiert oder protestierte.

Im zweiten Obergeschoss des Hotels öffnete sich ein Fenster, Musik erschallte, Kahlköpfige waren zu sehen. Kurz darauf traten zwei von ihnen vor den Eingang des Hotels, zündeten sich, 15 Meter von der Mahnwache entfernt, breitbeinig in aller Ruhe eine Zigarette an. Im Hotel gibt's sicherlich eine andere Raucherzone. Wieder Nazi-raus-Rufe. Keine Reaktion bei den Kahlköpfigen. Ich überquerte einmal wieder die Straße und sprach sie an. AfD? Nein, sie seien auf Montage in der Region und hofften, dass bald Ruhe sei. Mir bleiben Zweifel.

Irgendwie eine skurrile Situation. Nach Auflösung der Mahnwache fahre ich nach Hause und setze mich an den Computer. Mich beschleicht die Frage: Hat die AfD-Veranstaltung überhaupt stattgefunden?  Schließlich wurde nach polizeilicher Anmeldung der Mahnwache berichtet, der AfD-Kreisverband hätte erwogen, seine Veranstatung zu verlegen. Warum bin ich nicht in den Orsoyer Hof reingegangen, um nachzufragen, werfe ich mir vor. Aber, denke ich, es gibt ja noch das Telefon. Ich wähle den Orsoyer Hof an. Eine junge Frauenstimme meldet sich. Ich frage, ob heute Abend die AfD-Veranstaltung stattfände bzw. stattgefunden habe. Ich werde mit "Augenblick" vertröstet und höre die Frauenstimme meine Frage an jemanden weiterleiten. Es wird aufgelegt.

Wie die RP berichtet, habe die AfD-Veranstaltung stattgefunden.

Autor:

Helmut Feldhaus aus Rheinberg

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