"Jetzt zählt das Wir" wirbt die Bundesregierung ...
DISTANZ IN DEN MAI ...

In einigen Teilen der Bevölkerung gibt es während dieser Krise so etwas wie Solidarität und gegenseitige Hilfe. Da helfen sich Menschen innerhalb ihrer Familien, aber auch innerhalb ihrer Mehrfamilienhäuser. Dorfgemeinschaften organisieren Einkaufshilfen. In anderen Teilen der Bevölkerung hingegen gibt es Menschen, die "nur wegen ein paar Alten" ihre Freiheiten und Grundrechte beschnitten sehen. Regelmäßig verabreden sich außerdem die Ministerpräsidenten der Länder mit der Kanzlerin, um für die Krisenlage die nächsten Schritte abzuklären. Die Bundesregierung wirbt dabei mit Slogan, wie "Danke, für Eure Solidarität!". Aus meinem Blickwinkel sieht das zum großen Teil aus, eher wie die berühmte "blanke Heuchelei"...

Bundeskanzlerin Merkel hat am letzten Donnerstag mit den Regierungschefinnen und -chefs der Länder über die Herausforderungen der Corona-Pandemie beraten. Bund und Länder haben sich demzufolge auf weitere Lockerungen verständigt: Gottesdienste sollen möglich sein und Spielplätze wieder öffnen.

Man müsse aber vorsichtig bleiben

so die Kanzlerin.

Man könnte in diesen Tagen den Eindruck gewinnen, das Seelenheil aller Deutschen hängt ab, von geöffneten Bau- und Möbelmärkten, von geöffneten Spielplätzen und der überdachten Alternative bei IKEA, und - wenn diese geschlossen haben, - von geöffneten Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Mein  W e l t bild ist da ein anderes, muss ich einräumen.
Wenn Gott im brennenden Dornbusch seinerzeit wirklich dem Moses geantwortet hat, dieser solle seinem Volk mitteilen, dass sein Name "ich bin der 'ich bin da'" lautet, braucht es aktuell keine geöffneten Gotteshäuser. Dann wäre dieser ja schließlich überall (und immer).

Immer bei uns allen Menschen, egal welcher Konfession. Denn Mohammed soll ja die Bibel als eine Vorlage für seinen Koran genutzt haben, als er dieses Werk etwa fünfhundert Jahre nach Christi Geburt verfasst hat. Und die Bibel basiert zu einem wesentlichen Teil mit dem Alten Testament auf der jüdischen Thora, mit den fünf Büchern Mose. Die Gläubigen dieser drei Weltreligionen verehren also denselben Gott, wenn man es genau nimmt. Dieser Gott ist zeitlich und örtlich nicht beschränkt, wenn man die gelehrten Worte auf eine Goldwaage legt. Demnach müssten die Gotteshäuser nicht geöffnet sein, um einen Dialog zwischen Mensch und Schöpfer zu erlauben. Glauben geht auch sonst wo. Deshalb eigentlich auch daheim. 

Aber stattdessen gibt es offenbar zuhause kein warmes Essen für Schulkinder, viel Gewalt zwischen Ehe- und Lebenspartnern, Neid und Missgunst zwischen Generationen. Unfassbar, angesichts der eigentlichen Probleme. Dann ist es anscheinend gut, wenn mancher Mann alternativ in den Baumarkt gehen kann, statt seine Frau zu verprügeln. D-i-s-tanz in den Mai 2020: Statt gemeinsam kuschelnderweise Beltane, also die Lust zu feiern, sind offenbar einige Handwerker lieber für sich alleine in der Garage. So oder so. Ich habe da ein anderes Weltbild, wie bereits erwähnt. 

Deshalb stelle ich mir auch einen anderen Sozialstaat vor.

Nicht diese institutionalisierte Solidarität auf Werbetafeln und bei YouTube. 
Zu meinem Weltbild gehört wirklicher Zusammenhalt. Zwischen allen Kulturen, zwischen allen Generationen, zwischen den Geschlechtern, vor allem aber auch zwischen allen Einkommensschichten. 

Die Normalität vor Corona ist eine Zeit, geprägt von einem ausufernden Markt, ohne jegliche staatliche Regelung. Das Kapital regelt alles besser als der Staat, habe ich so oft zu hören und zu lesen bekommen. Das haben sogar Menschen geäußert, die selber bei weitem nicht zu den Superreichen dieser Welt gehören. Als würden sie dafür einen Orden bekommen, oder einen Euro extra, als Mega-Schleimer des Kapitalismus. Denn diese Normalität ist die eigentliche Krise unserer Gesellschaft. Das Virus legt aktuell nur eine kleine nette Maske darüber...

Diese Krise hat gezeigt, dass wir Deutschen deshalb so gut im Vergleich abschneiden, was Leben und Tod angeht, weil wir einen handlungsfähigen Staat erlebt haben. Angela Merkel spielt aktuell ihre Erfahrung und Routine aus, im Umgang mit einem eigentlich ausgedünnten Apparat. Viele gesellschaftliche Bereiche wurden in den letzten Jahren zentralisiert und anschließend privatisiert. Als ganz gefährlich haben sich dabei die sogenannten Zertifizierungsverfahren gezeigt. 

Deutschland sei ein föderales Land, es werde immer regionale Unterschiede geben,

betonte die Kanzlerin am Donnerstag nach der Schaltkonferenz mit den Regierungschefinnen und -chefs der Länder, gegenüber der Presse. "Da es weder ein Medikament noch einen Impfstoff gegen das Virus gebe, gehe es immer wieder darum, die Ausbreitung soweit zu verlangsamen, dass Gesundheitssystem und Krankenhäuser die Erkrankungen bewältigen und jedem Patienten die bestmögliche medizinische Versorgung bieten könnten", betonte die Kanzlerin. Also geht es darum, wenn die Maßnahmen aufrechterhalten bleiben und erst langsam gelockert werden. 

Jens Spahn und andere Politiker, die sich momentan medial so gerne feiern lassen, haben insgeheim noch 2019 die Absicht gehabt, unseren Sozialstaat weiter zu dezimieren. Noch im letzten Jahr hat es Pläne für massive Krankenhausschließungen gegeben.

Allerdings gehören Wohnungsbau, Schulbildung und Gesundheit, ebenso wenig in die Hände von Renditespekulanten, wie auch Sicherheit und Ordnung. Nicht auszudenken, wenn Corona ein Jahr später eskaliert wäre - mit deutlich weniger Planstellen im Gesundheitsbereich und deutlich weniger Pflegebetten. Eine Politik, in der tatsächlich das "Wir" zählt, muss alle Menschen auffangen - zu jeder Zeit - auch außerhalb jeder Krise. 

Schauen wir doch der Normalität ins Auge - ohne durch die Corona-Brille nur zu blinzeln: Dann sehen wir eine gesetzliche Rente, die eigentlich nicht reicht. Deshalb wurde kurz vor Corona diskutiert, das Thema Mindestrente. Die Arbeitslosenversicherung trägt bei Erwerbslosigkeit nur noch ein ganzes Jahr, bevor man dann "Kunde" beim Jobcenter wird. Krank werden ist auch richtig teuer geworden, wissen sicher auch schon alle Leserinnen und Leser. Bei Kurzarbeitergeld tun sich die Politiker ebenso schwer, wie bei dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Einzig in der Frage ihrer eigenen Diäten herrscht dann wieder traute Einigkeit. Welche Ironie.

Hinzu kommt nämlich, dass die gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen während der aktuellen Krise eben genau diese Einkommensgruppen sind, die eher prekär als gut honoriert werden. Damit ist nicht nur die mangelhafte Bezahlung gemeint, sondern auch der gesellschaftliche Status. Mit warmen Worten und Händeklatschen können die keine Brötchen kaufen. Und wieviel Studierte schauen herab auf den Verkäufer an der Kasse, den Müllmann oder die Pflegerinnen im Hospiz.

Da würde ich mir wünschen, unsere Gesellschaft würde in der Masse ECHTE Solidarität zeigen, um an so einem Tag wie heute ein Zeichen zu setzen. Balkon-Konzerte gingen schließlich auch. Aber nun ein Symbol für die wenig Besitzenden - Fehlanzeige. Habe ich nicht gesehen... nicht einmal Koffer vor den Rathäusern heute, als Symbol für wachsende Obdachlosigkeit in Deutschland. Vor zwei Tagen hingegen, wegen Urlaub, da war das noch ein Thema mit den Koffern.

Keine Ahnung, wer von meinen Leserinnen und Lesern alt genug ist, sich an PostBEAMTE zu erinnern. Nicht so Hire-and-Fire-Schleudersitzinsassen von privaten Lieferdienstfahrzeugen. Auch hier hat der Niedriglohnsektor unsere Bundesrepublik so richtig in den Griff bekommen. Eben dieselben Politiker, die sich aktuell so gerne feiern lassen, in Aachen, Düsseldorf, Hamburg und Berlin, haben das ermöglicht. Dazu hat es nicht einmal Corona gebraucht. Das ging eher schleichend, wie Mundgeruch. Geld stinkt aber nicht.

Ich bleibe dabei, die Schulkinder müssen deshalb in den nächsten Tagen wieder in die Schule, weil die akademisch ausgebildeten, gut verdienenden Lehrer, in der Masse nicht geschafft haben, Digitale Bildung zu vermitteln. Einmal in der Woche, die paar Wochen bis zum Sommer. Weil einige Lehrer nicht einmal mit ihren Schülern digital kommunizieren können. ... Sie sind dafür sicher nicht alleine verantwortlich, sondern auch die Politiker in Bund und Ländern, die das haben so laufen lassen. Die Rechnung dafür präsentiert uns womöglich in den nächsten Wochen eine Pandemie, mit steigenden Neuinfektionen. Womöglich ist diese Rechnungslegung dabei dann sogar korrekt, denn der Souverän in Deutschland ist der gemeine Bürger. Denn natürlich ZÄHLT das Wir, in einer Demokratie, jedes Mal an der Urne. Wenn wir wählen, wenn wir sterben... Wir haben oft genug die Wahl.

Auch beim Kauf des Toilettenpapier. Ob wir uns jahrelang mit dem Zeugs eindecken - oder ob wir wirklich ein "Danke, für Solidarität" verdient haben. In dem Supermarkt meiner Wahl ist seit Wochen kein Mehl mehr zu kaufen. Das finde ich erbärmlich... (nicht logistisch)

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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