Eine neue Ruhe-Kultur für Mensch und Umwelt
Wer hat eigentlich gesagt, dass es fünf Werktage geben muss?

Gedanken von Stephan Leifeld

Heute vormittag haben wir mit Freunden gefrühstückt. Dabei kam natürlich auch das Thema Zeit. Wir stellten übereinstimmend fest, dass die Arbeit viel Zeit in Anspruch nimmt. Und der Weg dahin. Dann der Weg nach Hause. Straßenverkehr, Stau, rote Ampeln.

Das Wochenende ist zunächst auf zwei Tage begrenzt. Dazu macht man, wenn man erwerbstätig ist, womöglich samstags die Einkäufe. Bleibt also vom Wochenende eigentlich nur noch der Sonntag. Dieser Tag vor dem Montag ist aber so schnell um. Verbraucht. Mit ausgedehntem Frühstück bleibt entweder kaum Zeit für ein Mittagessen, oder die Kaffee-Zeit schiebt sich beinahe Richtung Abendessen. Was kann man an so einem Tag tun, denke ich nach: Spazierengehen. Spielen mit den Kindern. Morgens lange Kuscheln. Hmm, dann wird das mit dem Frühstück eng. Etwaige Haustiere wollen vielleicht auch noch raus, brauchen also ebenfalls Zeit. Hygiene, Körperpflege, braucht ebenfalls ... Zeit. So "rinnt" der Ruhetag wie der Sand durch die Uhr.

Sonntag soll man ruhen, sagt wer...

Oder war es der Samstag? Da gibt es religiös und kulturell wohl unterschiedliche Auslegungen. Aber die Zeit zum Ruhen nehmen viele Menschen an, sei sogar von Gott gegeben. Diese Idee nachzuvollziehen, finde ich insgesamt als sehr schwierig. Hatten doch die Römer in der Antike eine Neun-Tage-Woche. Gut, die hatten zunächst auch andere Götter. Aber den einen Gott, der Juden, Muslime und Christen, als Schöpfer der Welt, soll es dennoch "vorher" gegeben haben. Das Nundinum der Römer war etwa bis 45 vor Christus die gültige Zeitrechnung. Dann setzte sich immer mehr die 7-Tage-Woche durch, mit dem julianischen Kalender. Also einem Konzept aus der Zeit von Julius Cäsar. Kaiser Konstantin, etwa 321 nach Christus, setzte das dann verbindlich um. Als Gesetz. Gott müsste es da aber schon, nach der Vorstellung der meisten Menschen, bereits deutlich mehr als 321 Jahre gegeben haben...

Also könnte der Ruhetag auch einen anderen Sinn haben, denke ich.

Schließlich ist der November auch schon so lange nicht mehr der neunte Monat. Der Oktober nicht der Achte. Das hat sich alles geändert im Laufe der Zeit. 

Dann könnte man das also auch mit dem Wochenende ändern, denke ich. 

Ich kann mich an meine Jugend erinnern. Damals gingen die Gewerkschaften für die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich auf die Straße. Meine Jugend war in den Achtzigern. Die meisten Musiker, die ich liebend gerne gehört habe, sind in den letzten Jahren verstorben. Aber es gibt immer noch viele Menschen, die weit mehr als 35 Stunden tatsächlich arbeiten. Und der "volle Lohnausgleich" hat meines Erachtens auch nicht geklappt. Sonst gäbe es kaum so viele Multijobber in unserem Land. 

Dann schießt mir Greta Thunberg durch den Kopf. Ich erinnere mich, dass ich auch einmal so jung gewesen bin. Damals habe ich eine Schülerzeitung herausgegeben. Alle sechs Wochen, mit 52 Seiten, 1000 Exemplare. Wir konnten sogar Wettbewerbe von Sparkassen und Tageszeitungen für uns gewinnen. Wir wollten damals soviel: Abschaltung von Atomkraftwerken, wegen Tschernobyl. Abrüstung. Nie wieder Krieg. Ende von Apartheit in Süd-Afrika. Die Freilassung von Nelson Mandela. Aber wir wollten immer auch eine intakte Umwelt...

Heute nennt man das Work-Life-Balance

Lebensqualität ist auch unser Thema gewesen. Wir stellten uns eine Zukunft vor, in der computergesteuerte Technik unseren Alltag erleichtern würde. Es sollte mehr Zeit zum Leben geben. Das diese Computer für ihre permanente Rechenleistung immens viel Strom verbrauchen, war nicht allen gleichermaßen klar. Aber wir konnten ja auch die Entwicklung sehen vom C64 bis zum ersten PC. 

Ich trinke einen weiteren Kaffee. Dabei beobachte ich meine Kinder und unsere Tiere. Schließlich schießt es mir durch den Kopf: Das geht alles zusammen...

Wie wäre eine Vier-Tage-Woche, frage ich mich.

Vier Werktage, drei Ruhetage. Das Auto könnte mehr in der Garage stehen, müsste weniger Kraftstoff brauchen - also die Umwelt entlasten - und das Portemonnaie. Der Sonntag könnte einen coolen Zwillingsbruder bekommen. Die ganze Zeit mit Familie, Haustieren, Essen, Hygiene, einfach alles, könnte sich entzerren. Weniger Stau, weniger Stress, für alle.

Als ich das meiner Frau erzähle, fragt die mich nach der Finanzierung und der praktischen Umsetzung. Dabei muss der Sonntag doch nicht wirklich immer ein Sonntag sein, also im Kalendersinn, antworte ich. Schließlich können kleine Kinder und der Hund auch keinen Kalender. Sie freuen sich einfach so, wenn ich Zeit habe, als Vater oder Hundehalter. Und die Feuerwehr arbeitet doch auch jeden Tag, bekommt aber Freizeit als Ausgleich. Das ist auch nicht wirklich immer ein Sonntag. 

So stelle ich mir eine zukünftige Welt vor:
Die Erwerbstätigen gehen dann nur noch vier Tage die Woche arbeiten, genießen drei Tage dann ihr Leben. Möglicherweise erspart das im Verhältnis zu heutigem Verkehrsaufkommen aller Erwerbstätigen auch nur 20% an CO2. Aber welche Technik schafft das heute schon, so schnell wie diese Entscheidung für eine öko-soziale Wende unserer Welt das schaffen könnte? ...Wenn es dann noch eine mutige Finanztransaktionssteuer geben könnte, die die Reichen dieser Welt endlich einmal zur Kasse bitten würde - könnte man so vielleicht parallel ein Bedingungsloses Grundeinkommen schaffen, für alle Menschen auf der Welt. Die Bezos, Gates, Zuckerbergs, dieser Welt würden es kaum bemerken, so reich wie sie sind. Aber alle anderen würden es merken, wie zufrieden, gesund und glücklich sie sein können. Mit nur einem einzigen Tag mehr in der Woche. 

Und - wenn laut Brecht - Ruhe eine Bürgerpflicht sein soll, muss es auch ein Recht dafür geben.
Deshalb gebe ich jetzt an dieser Stelle Ruhe...

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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