politisches Absurdistan im Osten von Hessen ...
Wieviel SED steckt eigentlich in Frau Lieberknecht?

Kommentar von Stephan Leifeld

Als ich das heute Abend gelesen habe, musste ich die Augen reiben. Zu später Stunde flackert über meinen Monitor die Schlagzeile "Ramelow schlägt Lieberknecht als Ministerpräsidentin von Thüringen vor" ...

Die Süddeutsche Zeitung berichtet das - und es sieht nicht nach Satire oder Glosse aus.
Ich lese also diesen Artikel und recherchiere weiter im Netz, ob andere Medien diese Idee bestätigen.

Weitere Medien berichten aber übereinstimmend auch im Fernsehen: Ramelow habe am Montag Abend beim Zusammentreffen der Linken, Grünen, SPD und CDU, diesen Vorschlag unterbreitet. Offenbar kennt der Bodo meinen Kommentar zu diesem Thema nicht,

wieviel SED in der CDU steckt

denke ich beinahe amüsiert. Hat ja eine gewisse Logik, den geschäftsführenden Ministerpräsidenten der kleinsten Fraktion im Thüringer Landtag, ablösen zu lassen, durch eine Repräsentantin der Partei, die sich laut Umfragen aktuell in Richtung zu ähnlichen Prozentwerten bewegen.

Hauptsache für Thüringen, es kommt niemand ans Ruder, mit einem deutlich besseren Wahl- und Umfrageergebnis? Absurdistan scheint ein neues Bundesland der BRD (die ich in diesem Fall nur abgekürzt habe, weil ich sprachlich die Wiederholung von -land vermeiden wollte)... oberflächlich betrachtet.

Im nächsten Augenblick bin ich dann aber hin- und hergerissen, ob die Wahl Kemmerichs mit Stimmen der AfD nun besser / schlechter ist, als eine Wahl Lieberknechts mit den Stimmen der Linken. Mein Computer will dabei stets per Autokorrektur Liebknecht schreiben. Doch der hat damit ganz sicher nichts gemein, was aktuell in der Gegend unweit von Weimar so abgeht. Und ich steige tiefer ein, gedanklich, in dieses Demokratie-Debakel... bis zu einer sich aufdrängenden Frage, angesichts der Moralapostel der Union in Sachen Mauerschützenpartei:

Wieviel SED steckt eigentlich in Christine Lieberknecht?

Christine Lieberknecht ist 1981 in die Blockpartei der Ost-CDU eingetreten. Bekanntermaßen freiwillig und ohne Druck. Von einer Tätigkeit als IM der Stasi ist nichts bekannt. Bis 1989 wirkte die ehemalige und nun designierte Ministerpräsidentin gleichermaßen als Pastorin und in der DDR-Politik mit. Nach der Wende war sie am Aufbau der CDU in Thüringen ebenso beteiligt, wie an dem Aufbau des Landes selbst. 

Seit März 1991 gehörte Lieberknecht auch dem Thüringer Landtag an. Sie rückte für Michael Krapp nach, der zum Staatssekretär als Chef der Thüringer Staatskanzlei ernannt wurde und deshalb sein Mandat niederlegte. Sie wird sogar Ministerin im Kabinett Duchač. Wenn ich mich recht entsinne, sogar als einzige Frau in dieser Männerriege. 

Als dann gegen Ministerpräsident Josef Duchač Vorwürfe laut wurden, er habe während der Zeit der DDR für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet, trat Lieberknecht aus Protest von ihrem Ministeramt zurück und löste so Duchačs Rücktritt am 23. Januar 1992 aus. Lieberknecht gab ein paar Monate später auch den Posten einer stellvertretenden Vorsitzenden der CDU Thüringen ab. Sie war dann zunächst mehrfach kooptiertes Mitglied im CDU-Landesvorstand, bis sie 2009 zur Landesvorsitzenden gewählt wurde. Seit 2009 ist Christine Lieberknecht auch im Vorstand der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob dieser Verein auch die Komplizenschaft der anderen Blockparteien der DDR "aufarbeitet". 

Einerseits also könnte der Vorschlag Ramelows eine Person sein, die als Interimspräsidentin in dem Bundesland Thüringen ein gewisses Maß an Respekt und Rückhalt genießt - über Parteigrenzen hinweg. Andererseits könnte diese Idee aber auch der Anfang vom Ende der Ost-CDU sein, weiter ihre historische Rolle in der Zeit des DDR-Unrechtssystems zu verleugnen. Interessanter Schachzug, wie ich finde. Entbehrt er jedoch nicht einer gewissen Komik, wenn die CDU darauf eingeht.

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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