Kämpfen als Kunst erlernen
Kampfkunst und Gewaltprävention

Jeder Mensch verfügt über ein eigenes Potential an geistiger und körperlicher Kraft. Diese Kraft kann trainiert werden. Dabei kann ein hohes geistiges Potential fehlende körperliche Kraft ersetzen - nicht aber umgekehrt. Also Techniken, das richtige Atmen, die Konzentration auf seinen Mittelpunkt und der Wille zu einer gelassenen Verteidigung sind der Weg, erfolgreich die negativen Energien des Angreifers zu kontrollieren. Eine eskalierte Situation erhält somit ihr Gleichgewicht zurück.

Für ganzheitliche Bewegungsabläufe

Kampfkunst soll teilnehmende Kinder, Jugendliche - aber auch Erwachsene - in ganzheitliche Bewegungsabläufe unterweisen. Die Fallschule ist dabei Grundlage für Körpererfahrung und bietet Selbstvertrauen bei plötzlichen Gefahrensituationen auch im Alltag. Die Schüler lernen schließlich reine Selbstverteidigung. Dabei bleibt stets im Blick die Verhältnismäßigkeit von Notwehr - und Gewalt. Deshalb soll auch der Geist trainiert werden: Kampfkünstler haben so im Laufe der Zeit eine Ausstrahlung, die oft alleine ausreichend ist, Eskalation von Gewalt zu verhindern.

Die Ausbildung des geistigen Potentials in Verbindung mit richtigem Atmen (Konzentration) ermöglicht es, Techniken ähnlich dem Judo, Aikido und Jiu-Jitsu von frühester Kindheit bis ins hohe Alter zu praktizieren. Oft erreicht man zufriedenstellende Vollkommenheit der Bewegungsabläufe erst dann, wenn man die altersbedingt tiefere Gelassenheit an den Tag legt ...

Im japanischen bedeutet das Wort HARA übersetzt Bauch. Knapp unter dem Bauchnabel nehmen Kampfsportler an, ist das Zentrum der geistigen und körperlichen Kraft.

Die Mitte im Bewusstsein ist “DO - Der Weg”.

So lernt beim traditionellen Judo der Schüler der Aggression mit Hara zu begegnen. In dem die Macht gespürt wird - also die eigene, tiefe Kraft, kann einer Aggression entspannt begegnet werden. Der Ansatz beim Hara-Ki-Judo zeigt einen Weg, in dem man sich nicht von blinder Wut leiten lässt. Es werden keine Angriffstechniken gelehrt. Die Fokussierung liegt hier nicht auf dem Wettkampf, wie beim Sportjudo.

Nur Verteidigungstechniken: Kreis- und spiralförmige Bewegungen erleichtern, sich effektiv zu wehren. Die Kraft kommt aus Konzentration und Bewegung - der Verteidiger darf dem Angreifer körper- lich unterlegen sein - und gleicht dies mit Ruhe und Willenskraft wieder aus.

Kodokan-Gründer Kano wollte auch eine geistige, ethische Fortentwicklung seiner Schüler. Judo sollte immer mehr als nur Sport sein, mehr als Selbstverteidigung. “Seine” Judoka sollten künstlerisch tätig sein, wie die alten Samurai. Sie sollten rhetorisch gewandt sein - eine Diskussion führen können, wie Schwert oder Pinsel.

Kano nannte seinen Stil Kodokan

Gehört haben die meisten Leser sicher schon die Begriffe “Jujutsu” oder “Judo”. Wirklich unterscheiden können diese Stile, Schulen (ryu) oder Wege (do) aber nur diejenigen, die als Schüler oder Meister aktiv sind bzw. waren.

Während der Feudalzeit im japanischen Mittelalter wurden viele unterschiedliche Kampfkünste ausgeübt. Unbewaffnete und auch bewaffnete Systeme waren dabei. Das sogenannte Jujutsu war dabei eine der effizientesten “Schulen”. Von 1603 - 1868 wurde es quasi in ganz Japan unterrichtet.

Mit dem radikalen Schritt Japans von der Feudalzeit in die moderne, industrialisierte Gesellschaft 1869 - 1909, musste sich die komplette Gesellschaft Japans neu ausrichten. Im Vergleich dazu, hatte die europäische “Welt” etwa zehn Mal soviel Zeit für einen vergleichbaren Schritt gehabt... Zu dieser Zeit also soll Jigoro Kano an der Tokyo Daigaku Universität den deutschen Medizinprofessor Erwin Bälz getroffen haben. Durch diesen ermuntert, forschte Kano in diversen Jujutsu-Schulen nach dem gemeinsamen Leitprinzip. Zunächst wollte Kano “nur” damit ein einheitliches und kommunizierbares Prinzip darstellen. Doch im oft unsachlich geführten Dialog der Altmeister mit ihm, entstand dann ein neuer Weg. Sein Kodokan-Judo war geboren.

Da Kano selber sein Judo mit dem Zusatz Kodokan - also “Haus zum Studium des Wegs” bezeichnete - habe ich mich in den letzten zwanzig Jahren meines Weges oft gefragt, wohin die zerstrittenen Funktionäre und Verbände das Judo führen wollen. Jedenfalls habe ich Kano so verstanden, dass er zum Einen eine Art Leibeserziehung im Blick hatte - und zum Anderen eine Art Training des Geistes.

Kano seinerzeit: “Judo ist das Mittel, zu verstehen, wie man physische und spirituelle Macht und Stärke effektiv einsetzt. Eifriges Trainieren und strikte Disziplin, um Perfektion in Angriff und Abwehr zu erlangen, formt Körper und Seele, und hilft, die Essenz des Judo in jede Faser seines Wesens einströmen zu lassen. Auf diese Weise kann man etwas Wertvolles zur Welt beitragen. (...)”

Gunji Koizumi könnte man als Vater des europäischen Judo betrachten. Koizumi kam als junger Mann 1906 bereits nach England. Kurz zuvor waren japanische Kriegsschiffe in Kiel vor Anker gewesen. Der deutsche Kaiser war begeistert von den japanischen Kampfkünsten, die er in diesem Zusammenhang von “seinen” Gästen gezeigt bekam. Erich Rahn war dann einer der ersten Deutschen, die kurz darauf in Deutschland eine Jiu- Jitsu-Schulegründete. NachdemI.WeltkriegeröffneteKoizumi in England sein erstes Dojo. Zwei Jahre später erhielt er aus der Hand von Kano persönlich die Ernennung zum zweiten Dan und eine Mitgliedschaft im Kodokan-Rat.

Der Niederländer “Opa” Schutte und auch der Deutsche Alfred Rhode waren stark beeinflusst durch die Schulen von Rahn und Koizumi. Letzterer war begeistert, dass der Kodokan offensichtlich keinerlei ökonomische Interessen verfolgte - und was noch wichtiger war - durch den Kodokan gewährleistet war, dass Judo als budowissenschaftliche Lehre weiterentwickelt wurde. Etwa zu dieser Zeit - also in den dreißiger Jahren ließ sich Mikinosuke Kawaishi in Frankreich nieder. Noch eine Sichtweise auf das Judo war in Europa zuhause.

In den Jahren 1946, 1948 und 1952 gründeten sich dann in Frankreich, Holland und Deutschland jeweils in der chronologischen Abfolge die ersten nationalen Judoverbände, mit vertraglicher Genehmigung durch den Kodokan in Japan. Ihr Gründer Kano war in der Zwischenzeit an einer Lungenentzündung verstorben.

Das Judo in Europa wuchs und wuchs - zunächst sehr lebendig - ohne großen organisatorischen Aufwand. Es gab Treffen bei “Opa” Schutte im Wohnzimmer und auch die jährlichen Sommerlager, z.B. In Biarritz oder Ermelo. Meisterschüler Kanos, wie Tokio Hirano fanden durch diese Veranstaltungsform sogar ihren Weg nach Europa.

Judo hatte auch in Deutschland einen großen Stellenwert

Als dann in den 90er Jahren in Deutschland gestritten wurde, wer denn nun prüfberechtigt oder “der” nationale Verband wäre, wollte ich damit nichts zu tun haben. So habe ich nach der Essenz meines Wegesgesucht. Einer Art dritter Weg...

Die Streitereien zwischen dem ältesten Judo-Verband in Deutschland, dem DDK 1952 e.V. auf der einen Seite, und dem von dort für den Sportverkehr gegründeten DJB, uferten regelrecht aus. Der DJB hatte seinem Verband der Lehrer und Meister gekündigt, um selbst die Einnahmen aus Lehr- und Prüfungswesen zu erheben. Der Vertrag zwischen dem Kodokan und dem Deutschen Dan Kollegium wurde ignoriert. Pässe des Deutschen Judo Bundes erhielten ab dann die veränderte Inschrift, ab sofort gültig zu sein, durch verbandseigene Prüfungen. 

Judo als Gewaltprävention

Ich habe mich dann dafür interessiert, den dritten Weg zu verfolgen. Judo in Verbindung mit handlungsorientierter Gewaltprävention, zu einem schultauglichen Fach zu entwickeln. Kano hätte das vermutlich gefallen, dachte ich:

Es gibt Menschen, die halten Gewalt für ein Merkmal der Evolution. Wenn wir uns auf diesen Blickwinkel einlassen, bemerken wir vielleicht unterschiedliche Bereiche der Selbstbehauptung. Zum Einen die Verteidigung gegenüber Konkurrenten, was Nahrung, Lebensraum und Fortpflanzung angeht. Zum Anderen die Verteidigung der Stellung bzw. Ranges innerhalb einer gesellschaftlichen Ordnung. Konkurrenten in der Natur (z.B. Wolf) haben wir mittlerweile im Zoo ausgestellt oder behandeln sie grundsätzlich als “böse” in unseren Märchenerzählungen.. Derzeit verteidigen wir aber unseren natürlich verbliebenen Lebensraum mehr gegen Viren und Bakterien, als gegen Raubtiere. Selbst das Wetter haben wir uns zum Feind gemacht... 

Selbstbehauptung und Selbstverteidigung sind also nun eher Aspekte zwischenmenschlicher Konflikte geworden. Dabei ist aus meiner Sicht interessant, dass die meisten Krankheitserreger nicht durch die Pharmaindustrie beherrschbar geworden sind, sondern durch unser über Generationen erworbenes Immunsystem und durch Hygiene. Das möchte ich nachstehend nun auf das “Kämpfen” und “Streiten” übertragen.

Kampfkunst ist also im Gegensatz zu Kampfsport nicht Selbstzweck, sondern dient einer Immu- nisierung auch gegen körperlich gewordene Angriffe von Anderen. Ich vergleiche nun Protektoren aus dem Kampfsport-Sektor mit Impfungen. Tatsächliche Immunisierung sind dann eine friedvolle innere Haltung und Reflexe, um körperlicher Bedrohung ausweichen zu können. Kein Angriff - Keine Flucht!

Ich habe außerdem die Überzeugung, dass Selbstverteidigung nicht nur körperlich funktioniert. Es ist nicht immer eine Auseinandersetzung oder ein Kampf. Wenn man sich beispielsweise bedroht fühlt, obwohl der vermeintliche Aggressor noch einige Meter auf der anderen Straßenseite ist, braucht es für dieses Gefühl ja auch kein Handgemenge. Dann spürt man vielleicht dennoch Angst oder sogar eine Portion Aggression - den Willen zur Flucht oder zur Verteidigung.

Wenn wir aber wissen, wie unsere Körperhaltung schon einen vermeintlichen Angreifer abschreckt, uns für ein Opfer zu halten; wie wir uns in bestimmten Situationen formulieren müssen, um rhetorisch nicht zu unterliegen; oder wie wir ausweichen können, falls man uns körperlich attackiert... ist für unsere Selbstbehauptung schon der erste Schritt getan, frei von jeder Form des Gegenangriffs.

Und hier bietet Kampfkunst durch die Schulung sämtlicher nonverbaler Kommunikation, mittels eindeutiger Körpersprache eine gute Basis. Ein in sich ruhender Mensch, der die eigenen Stärken UND Schwächen kennt, wirkt nach außen nicht wie ein Opfer. Kampfkunst dient auch nicht dem Zweck zu obsiegen - so wie es bei Kampfsport ist, dass man dort den Wettkampferfolg sucht. So wird im Idealfall der in sich ruhende KampfKÜNSTLER eher im aufgezwungenen Kampf das Spiel einer Katze mit der Maus empfinden, als einen Kampf zweier Katzen. Selbst wenn die Maus in manchen Fällen der Katze körperlich überlegen wäre. Ein Kampfkünstler wehrt sich nur gegen den Angriff. Die innere Haltung gegenüber dem Angreifer bleibt neutral. Dadurch kommt es nicht zu Gegenangriffen und auch zu keinen Mehrfach-Gegenwehren, wie in zweifelhaften Kampfsportmagazinen in Overkillmanier abgedruckt zu finden ist. Oder wie es manche “Meister” verlangen, wenn der Gegner “zerstört” oder “fertig gemacht” werden soll. 

Hier erkennen Eltern auch verantwortungsbewusste und innerlich gereifte Trainer, wenn sie mit den Kindern eine entsprechende Schule oder Trainingshalle aufsuchen...

Vereine, Bildungsträger oder Einzelpersonen, die sich für eine entsprechende Ausbildung zum Friedenserzieher interessieren, können auch Kontakt aufnehmen, über die Webseite www.friedenserzieher.net

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

Webseite von Stephan Leifeld
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