Festrede von Bürgermeister Claus Jacobi zum Stadtjubiläum

Ich begrüße Sie alle miteinander sehr, sehr herzlich und zeige mich begeistert, dass unsere Aula bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Und nicht nur hier drängen sich die Festgäste, sondern auch in der benachbarten, gerade gestern erst eingeweihten Mensa unseres Schulzentrums schauen weitere Geburtstagsgäste via Videoübertragung zu. So groß ist der Zuspruch zu unserem Programm.
Der Grund für diesen Zuspruch scheint mir ein ganz besonderes Ereignis des heutigen Tages zu sein, das seit seiner Ankündigung große Aufmerksamkeit und freudigeErwartung erregt hat: Der Besuch und die Festrede unseres Ehrengastes, Frau Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.
Es ist alles andere als selbstverständlich, meine Damen und Herren, dass die Regierungschefin des mit Abstand größten Bundeslandes, die im „Nebenamt“ ja noch Bundesratspräsidentin ist, einer 32.000-Einwohnerstadt höchstpersönlich zum 125. Geburtstag gratuliert. Und umso erwähnenswerter ist der Umstand, dass Hannelore Kraft nach ihrem Amtsantritt im Juli letzten Jahres gerade einmal zehn Arbeitstage benötigt hat, um ihren Besuch hier und heute verbindlich durch einen Anruf der Staatskanzlei im Rathaus anzukündigen und nun ungeachtet aller drängenden Düsseldorfer Termine auch tatsächlich da ist.
Frau Ministerpräsidentin, liebe Hannelore,
die Menschen in Gevelsberg wissen Deine große Verbundenheit zu dieser Stadt zu schätzen, die Du nicht erst seit Deinem Amt als Ministerpräsidentin pflegst. Wir hier an der Ennepe mögen Deine menschliche Nähe, Deine Bodenständigkeit und die Natürlichkeit, mit der Du auf die Menschen zugehst. Deshalb sind wir auch alle sehr stolz, Dich als Ehrengast heute bei uns zu haben und begrüßen Dich mit einem ganz besonderen Applaus an diesem Abend!
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich vor der sich gleich anschließenden Festrede unserer Ministerpräsidentin noch einige Worte zur historischen, ebenso aber auch zur aktuellen Bedeutung des 125. Jubiläums unserer Stadt sagen.
Ein kommunales Gemeinwesen benötigt unverzichtbar die Besinnung auf seine historischen Wurzeln und den Rückblick auf seine soziale, politische und ökonomische Entwicklung, um eine geschlossene bürgerschaftliche Identität entwickeln und ein von allen empfundenes Gemeinschaftsgefühl teilen zu können.
Dass Gevelsberg wie kaum eine andere Stadt ein solches, von nahezu allen Bürgerinnen und Bürgern geteiltes und tief empfundenes Gemeinschaftsgefühl hat, das wissen wir. Und wir werden auch nicht müde, es zu betonen und uns daran zu freuen.
Aber wo kommt es eigentlich her?
Zur Ergründung dieser Frage müssen wir wohl kurz bis an den Anfang des eigentlichen Stadtwerdungsprozesses zurückkehren, in die Siebziger und Achtziger Jahre des Vorvergangenen, des 19. Jahrhunderts.
Mitte der 1870er und 1880er Jahre hatte sich in dem, was am 1. Februar 1886 unser heutiges Gevelsberg werden sollte, eine prosperierende, frühindustrielle Gesellschaft entwickelt. Gevelsberg war in dieser Zeit im Begriff, sich wirtschaftlich, sozial und vor allem demografisch spürbar positiv aus dem Kreise der übrigen „Landgemeinden“ des Amtes Ennepe herauszuheben und so gaben die Gemeindeverordneten kurzerhand 1884 eine Austrittserklärung ab, um sich aus dem Amte Ennepe zu verabschieden.
Und mit soviel separatistischem Selbstbewusstsein gestärkt, machte man sich dann am 15. November desselben Jahres auch gleich noch daran, beim Innenministerium der königlich-preußischen Regierung die Verleihung der Stadtrechte zu beantragen.
Ich sehe jetzt übrigens, meine Damen und Herren, Stirnrunzeln bei einigen Festgästen in der ersten Reihe, darf aber dem Landrat versichern, dass Gevelsberg aktuell weder daran denkt, aus dem heutigen Ennepe-Ruhr-Kreis auszutreten, noch, liebe Kollegen Baumann und Wiggenhagen, sich in irgendeiner Weise über die beiden anderen Gemeinden entlang der Ennepe, Ennepetal und Breckerfeld, erheben möchte.
Doch auch wenn Gevelsberg in den nunmehr 125 Jahren seines Bestehens keine weiteren separatistische Bestrebungen mehr angestellt hat und künftig auch nicht mehr anstellen wird: Unser mitunter etwas forsches Vorwärtsstreben in der Region ist ebenso ein Markenzeichen der Gevelsberger geblieben wie unser nicht immer bescheidenes, lokalpatriotisches Selbstbewusstsein.
Ist es nun aber gut für eine Stadt, ein nicht immer ganz so bescheidenes bürgerschaftliches Selbstbewusstsein zu pflegen?
Man müsste die Frage wohl mit „Nein, schlecht!“ beantworten, wenn unser starkes bürgerschaftliches Selbstbewusstsein nur blindem Stolz und einer selbstgefälligen Überheblichkeit entspränge.
So, wie aber Gevelsberg sein starkes bürgerschaftliches Selbstbewusstsein versteht und in den vielen Jahren und Zeitabschnitten seines Bestehens kultiviert hat, ist die Frage nach dem Stolz unserer Bürger auf ihre Stadt eindeutig mit „Ja, gut! zu beantworten.
Denn gerade in den letzten Jahren hat sich unser kommunales Gemeinschaftsgefühl und der Stolz auf das, was hier am Orte entstanden ist, doch zunehmend als ein fördernder Anspruch an die Zukunft erwiesen und ist schließlich so etwas wie ein Vehikel für das geworden, was Gevelsberg nach dem Lebensgefühl der hier lebenden Menschen auch in Zukunft sein möchte:
Eine Stadt, die zwei Dinge vielleicht immer ein Stückchen mehr als andernorts zusammenbringen will: Nämlich stark und innovativ in der eigenen Entwicklung zu sein, ohne den menschlichen Treibstoff dafür zu vergessen, soziale Gerechtigkeit und inneren Frieden.
In Gevelsberg hat diese Verbindung im Bewusstsein der Menschen quer durch alle sozialen Schichten immer hervorragend zusammen gepasst: Die Stadt nach vorn zu bringen, indem hart und erfolgreich in ihr gearbeitet wurde, das sollte immer zusammen gehen mit dem sozialen Anspruch der breiten Bevölkerung, hieran auch gerechten Anteil zu haben. Die ehemalige Industrie- und Arbeiterstadt Gevelsberg, die dies bis heute im Herzen der Menschen geblieben ist, war sich in der sozialen Betrachtung ökonomischer Prozesse immer einig, ohne je zu vergessen, dass auch nur dort geteilt werden kann, wo vorher etwas geschaffen wurde.
Aus diesem Grundverständnis ökonomischer und sozialer Zusammenhänge haben die Menschen in Gevelsberg und entlang der Ennepe schließlich ein gemeinsames gesellschaftliches Verständnis der Dinge abgeleitet: Dass ehrliche und mitunter harte Arbeit am Anfang jedes gesellschaftlichen Erfolges steht, diese aber nur dort zum Wohle aller dient, wo Menschen sich in solidarischem Respekt voreinander begegnen, gleich welcher Überzeugung und Herkunft auch immer sie sind.
Diese klare soziale Grundverabredung trägt uns Gevelsbergerinnen und Gevelsberger heute und in der Zukunft und sie macht es vielleicht aus, dass wir den Alltag unseres Gevelsberger Gemeinwesens so gerne leben und so selbstbewusst dafür eintreten.
Wenn ich nun schon dabei bin, den Gevelsberger Gemeinschaftsgeist zu beschwören, - und das darf man an einem runden Geburtstage auch einmal -, dann sollten wir im Überschwang der Gefühle gleichwohl die Dinge nicht vergessen, die uns in den nächsten 25 Jahre fordern und die wir meistern und beherzigen müssen, wenn wir das bleiben wollen, was wir sind:
Eine erfolgreiche und soziale Stadt Gevelsberg...
Ich nenne nur noch drei Wünsche, die ich an unser Gevelsberg für die nächsten 25 Jahre habe und von denen ich glaube, dass sie für die Zukunft unserer Stadt am wichtigsten sind:
Ich wünsche mir, liebe Festgäste, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, von Ihnen und von mir, dass wir nicht locker lassen, unser Gevelsberg immer mehr zu einem Ort zu machen, an dem Menschen gleich welcher Nationalität, Herkunft, Rasse, Schicht oder Religion friedvoll und ohne jede Diskriminierung zusammen leben können. Was uns in den letzten Jahrzehnten vielfach gelungen ist, aus ehemaligen „Gastarbeitern“ Mitbürgerinnen und Mitbürger zu machen, die heute eines mehr sind als alles andere – nämlich Gevelsbergerinnen und Gevelsberger – das sollte uns in den nächsten 25 Jahren Ansporn und Vorbild für das Zusammenleben aller Menschen in unserer Stadt sein.
Nichts wird für unsere Zukunft im nächsten Vierteljahrhundert so entscheiden sein wie die Frage ob es uns gelingt, allen Menschen dieser Stadt, ob Migrantin oder Deutschstämmig, ob arm oder reich geboren, ob Christ oder Muslim, zu selbstbewussten, teilhabenden und an Chancen, Rechten und Pflichten gleichen Bürgerinnen und Bürgern zu machen. Das ist der erste, vielleicht sogar wichtigste Wunsch an die Entwicklung unserer Stadt, den wir alle miteinander bis zum nächsten runden Geburtstag zu erfüllen haben.
Der zweite Wunsch, den ich an uns alle miteinander habe:
Lassen Sie uns in unserem Ehrgeiz nicht nachlassen, aus Gevelsberg auch im nächsten Vierteljahrhundert den allerbesten Standort zu machen, den er seinen Bürgerinnen und Bürgern sein kann.
Gevelsberg hat in den letzten 25 Jahren gezeigt, was es kann. Städtebaulich und infrastrukturell sind wir eine der ersten Adressen in der Region geworden.
Unsere City ist städtebaulich eine der schönsten Flaniermeilen der Umgebung geworden, der Ennepebogen setzt Maßstäbe. Unseren Schulen, Kindergärten und Sportstätten sind wir nichts schuldig geblieben und die Stadtteile, die in der kommunalen Neuordnung zu uns gestoßen sind, werten mit ihren Einrichtungen und den dahinter stehenden Menschen die Lebensqualität in unserer Stadt zusätzlich noch einmal auf.
All das, was in den letzten Jahrzehnten aufgebaut und durch Generationen von Mitbürgerinnen und Mitbürgern an Infrastruktur geschaffen wurde, müssen wir für nachkommende Generationen erhalten. Und was für die Zukunftsfähigkeit unserer Kommune fehlt, muss trotz aller finanzieller Schwierigkeiten angemessen und mit Augenmaß ergänzt werden.
Für dieses ehrgeizige Ziel, Gevelsberg auch weiter ganz vorn zu sehen,braucht unsere Stadt uns alle!
Und mein dritter Wunsch für Gevelsberg, der ist mir wohl das größte Herzensanliegen. Ihn zu erfüllen, ist eigentlich auch ganz einfach, weil wir ihn alle in der Hand haben, und doch müssen wir am behutsamsten und sorgfältigsten mit ihm umgehen:
Es ist mein Wunsch, dass es dieser Stadt Gevelsberg gelingt, ihr menschliches öffentliches Klima zu erhalten, um das man uns oft beneidet. Nie haben in Gevelsberg in den letzten Jahrzehnten Menschen eine Chance gehabt, die das öffentliche Klima in unserer Stadt vergiften wollten, nie konnten Denunzianten oder Quertreiber einen Keil zwischen die Menschen unserer Stadt treiben.
Ob im Rat der Stadt Gevelsberg, ob in den Vereinen, Kirchen, Unternehmen oder Gewerkschaften unserer Stadt:
Immer war der öffentliche Diskurs zwischen den Menschen über alle Partei-, Glaubens- und Weltanschauungsunterschiede hinweg von dem unerschütterlichen Willen geprägt, zum Schluss jeder Debatte das Beste für Gevelsberg und jeden einzelnen in dieser Stadt zu tun.
Dieses tolerante und am Wohle aller orientierte Klima in Gevelsberg ist der größte Schatz, den es für die Zukunft unserer Stadt zu bewahren gilt. Für dieses große Ziel wünsche ich unserer Stadt und uns allen von Herzen Kraft und Gottes Segen!
Nun aber, verehrte Festgäste, ist der Abend gekommen, an dem wir einmal ausgelassen all das feiern dürfen, was Generationen vor uns aufgebaut haben und was wir nach all unseren Kräften zum Besten für diese Stadt gestaltet haben und gestalten werden. Und damit meine ich nicht nur Bürgermeister und Kommunalpolitiker, nicht nur Vereine, Verbände und Unternehmen, sondern allen voran die Bürgerinnen und Bürger, die in dieser Stadt leben, sie lieben und täglich für die eintreten.
Ich danke allen, die diesen Festakt in den letzten Wochen und Monaten so wunderbar vorbereitet haben, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dem VHS-Team und ganz besonders auch der Festschrift-Redaktion, die uns heute 125 Jahre Gevelsberg kompakt und unterhaltsam in die Hände legt.
Ich danke den Künstlern, Musikern und Akteuren, die uns heute Abend begeistern und anrühren werden und die dies alles aus tiefer Liebe zu unserer Heimatstadt tun.
Sie alle sagen uns:
Gevelsberg ist eine großartige Stadt,
die es heute zu feiern gilt!
Und darum sage ich jetzt einfach nur:
Herzlichen Glückwunsch,
Du unser geliebtes Gevelsberg!

Autor:

Lokalkompass Schwelm aus Schwelm

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