Festrede von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

ich danke Ihnen ganz herzlich für die Einladung nach Gevelsberg.
Ich bin gern gekommen, um bei diesem festlichen Anlass dabei zu sein.
Mein Glückwunsch – und das im Namen der gesamten Landesregierung – an Gevelsberg zum 125. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte.
Kaum ein Mensch hat bislang solch eine Zahl erreicht, aber für eine Stadt sind 125 ein geradezu knackiges Alter: Den Kinderschuhen längst entwachsen, die ungestümen Jahre der Jugend überstanden, und jetzt, fest gegründet und stabil, mal ganz gelassen die nächsten 125 in den Blick nehmen.
Ich glaube, das kann Gevelsberg wirklich. Denn hier weht ein guter Geist. Ein Geist, der ermutigt.
Mir ist das bei der Vorbereitung auf diesen Abend durch eine aufschlussreiche Geschichte deutlich geworden.

Da gibt es auf der Internetseite von Gevelsberg das Stadtlogo, bestehend aus mehreren Dreiecken. Das Logo stellt in stilisierter Form ein örtliches Kunstwerk dar. Es ist die sogenannte „Stadtharfe“, die am Eingang zur Innenstadt steht.
Daran, wie dieses Kunstwerk dorthin gekommen ist, lässt sich dieser besondere Gevelsberger Geist gut erkennen.
Das Stadtzeichen geht nämlich auf die Spende von Wasyl Seniw zurück. Wasyl Seniw wurde 1918 in der Ukraine geboren und ist im Zweiten Weltkrieg als so genannnter Fremdarbeiter nach Deutschland gekommen. Hier ist er nach dem Krieg geblieben, in Gevelsberg, hat als Schmied weiter gearbeitet, hat bescheiden gelebt und dann kam er eines Tages zu dem damaligen Gevelsberger Stadtdirektor Volker Stein. Und zwar mit 200.000 Mark.
Die hatte er gespart. Und die wollte er spenden. Für die Stadt Gevelsberg. Weil die ihn so freundlich aufgenommen hatte. Für ein Kunstwerk sollte das Geld verwendet werden und so ist es dann auch gemacht worden. Als es eingeweiht wurde, am 20. April 1989, ist auch Johannes Rau gekommen. Denn das war eine Geschichte, die ihn beeindruckt hat.
Aus dem Kunstwerk mitten in Gevelsberg hat die Stadt ihr Logo abgeleitet. Ich glaube, der Geist, der in dieser Geschichte deutlich wird, der prägt auch Ihre Stadt insgesamt: Eine Stadt, die offen ist, die freundlich ist, die Integrationskraft hat, die von den Menschen eben als ihre eigene Stadt begriffen wird und für die sie darum auch gerne etwas tun.
So wie Wasyil Seniw es getan hat, aber so wie viele, viele andere Gevelsbergerinnen und Gevelsberger es auch getan haben und weiter tun. In ganz unterschiedlichen Feldern: Überall zeigt sich das Bild einer aktiven, engagierten Bürgerschaft:

Darum haben Sie hier ein Kulturleben, von dem andere Städte gleicher Größenordnung nur träumen können. Mit einer „Konzertgesellschaft Gevelsberg“, die von viel Engagement und erstaunlich großzügigen Spenden getragen wird und seit mehr als 60 Jahren ein großartiges Programm bietet: In wenigen Tagen ein deutsch-italienisches Kinderkonzert.
Sie haben die „Chorgemeinschaft Gevelsberg“, die ebenfalls schon seit nunmehr 125 Jahren für gut organisierte Vielstimmigkeit sorgt. (Das ist der Unterschied zur Politik, die ist oft nur vielstimmig.)
Es gibt den Städtischen Musikverein, der seinen 90sten Geburtstag feiert, den Gevelsberger Heimatverein, der ist allerdings ein Jungspund von gerade einmal 65 Jahren, sie haben den Autorenkreis Ruhr-Mark – und sicher weitere Akteure, die zum Kulturleben der Stadt beitragen.

Das ist eine ganze Menge. Und natürlich haben Sie in der Stadt ebenso ein reiches Angebot an Sportmöglichkeiten aufgebaut, wobei die Behinderten-Sportgemeinschaft Gevelsberg sich dafür einsetzt, dass wirklich alle ihren Sport finden.
In Gevelsberg lässt es sich also leben, und dafür sorgen die Gevelsbergerinnen und Gevelsberger in hohem Maße selbst.

Weil ich sehe, dass bei diesen Worten, bei dem Wort „selbst“, der Bürgermeister, der Regierungspräsident und der Landrat ein wenig unruhig werden, füge ich hinzu: Dafür sorgt hier natürlich auch die Politik!
Im Ernst: Ohne deren Tatkraft wäre vieles nicht so gut gelungen.
So wie es Ihrem Kämmerer auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Das ist ein beachtlicher Erfolg (Info: Auch wenn dafür die Ausgleichsrücklage in Anspruch genommen werden musste.). Wenn ich mich im Land umschaue, steht Gevelsberg gut da.
Ohne Begleitung der Politik wären Sie auch mit der Strukturkrise nicht fertig geworden, nachdem vor allem in den 1980er und 90er Jahren namhafte Unternehmen ihre Werke in Gevelsberg geschlossen hatten. Das hat der Stadt und den hier lebenden Menschen schwer zu schaffen gemacht. Denn Unternehmen wie Bauknecht/Krefft, Schmermund, Niepmann und Peddinghaus haben das Leben in Gevelsberg geprägt. Dass Gevelsberg nach diesen tiefen Einschnitten heute einen gesunden und florierenden Mittelstand hat, lässt sich leicht feststellen und beschreiben. Aber dahinter verbirgt sich eine gewaltige Leistung! Eine Leistung, die zuerst die Wirtschaft und die Beschäftigten selbst erbracht haben, die aber von der Politik tatkräftig unterstützt wurde.
Und sicher stünde es auch um das Thema „Bildung“ schlechter, wenn es von der Politik hier in Gevelsberg nicht bereits so lange ins Zentrum gerückt worden wäre.

Ich denke dabei an die VHS der Stadt und ihre wichtige Rolle für die Bildung und für das soziale Leben – über die Grenzen Gevelsbergs hinaus.
Und statt Haushaltsmittel in Prestigeprojekten zu versenken, wie es andere Städte getan haben, hat Gevelsberg seine Rolle als Schulträger ernst genommen und stark auf Investitionen in die Schulen gesetzt.
Hier am Veranstaltungsort, dem Schulzentrum West, ist gerade eine neue Mensa eingerichtet worden, damit der Ganztagsbetrieb laufen kann. Die Mensa wurde nur einen Tag zuvor, am 31. Januar 2011, offiziell eingeweiht. Am Tag des Festaktes ist die erste „normale“ Inbetriebnahme. Außerdem wird der Festakt per Video in die neue Mensa übertragen, so dass mehr Menschen daran teilnehmen können. Die Bau- und Einrichtungskosten, 1,64 Mio. €, wurden durch Mittel des Konjunkturpaketes II erbracht.

Es passt für mich genau ins Bild einer Stadt, die in Wirtschaft und Bildung so aktiv ist, dass Sie hier den „Gevelsberger Ausbildungspakt“ geschlossen haben.
Das ist ein gemeinsames Projekt heimischer Firmen und der städtischen Hauptschule. Mit dem „Gevelsberger Ausbildungspakt“ verpflichten sich die Partner ein Ausbildungsangebot zu unterbreiten. Sie machen dieses Angebot allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Schülerinnen und Schülern der Hauptschule Gevelsberg. Diese Garantie hat die Form eines Vertrages zwischen den jeweiligen Absolventen, der Schule und der Stadt Gevelsberg.
Ich finde das großartig, und es trifft das Ziel, das sich auch die neue Landesregierung gesetzt hat: Kein Kind mehr zurückzulassen.
Das ist der Kern von sozialer Präventionspolitik und ich bin sicher, dass wir nur mit diesem Ansatz eine gute Zukunft haben.
Denn es ist doch so: Wir entscheiden heute darüber,
ob wir künftig mehr Schulabbrecher haben werden, oder weniger,
ob wir in zehn oder zwanzig Jahren mehr Kinder unter die Obhut der Jugendämter stellen müssen, oder weniger,
ob wir mehr junge Menschen im Justizvollzug haben, oder weniger,
ob mehr Menschen ihre Perspektive auf die Sozialsysteme richten müssen statt auf beruflichen Aufstieg setzen zu können, oder weniger.
Und damit entscheiden wir auch darüber, ob in zehn oder zwanzig Jahren ein noch größerer Teil aller öffentlichen Haushalte für soziale Reparaturkosten gebunden ist.

Wir müssen wieder lernen, längere Zeiträume in den Blick zu nehmen. Vielleicht ist ein Stadtjubiläum zum 125. eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern.
Dann muss man auch nicht jede Zeitströmung mitmachen. Vor ein paar Jahren konnte beispielsweise die Privatisierung öffentlicher Leistungen gar nicht weit genug gehen. Allmählich kommt wieder klarer zum Bewusstsein, dass nicht alle Leistungen für Privatisierung geeignet sind. Vieles können die eigenen Stadtwerke z. B. besser.
In Gevelsberg haben Sie ja da eine gute Tradition. Denn nachdem Ihnen 1886 die Stadtrechte verliehen worden waren, dauerte es nicht lang, bis Ihre junge Stadt über die eigenen Grenzen hinaus auf sich aufmerksam machte: 1890 wurde hier nämlich eines der ersten kommunalen Elektrizitätswerke in Deutschland errichtet. Und Gevelsberg zählte bald darauf zu den ersten deutschen Städten [wohl nach Nürnberg und Berlin], die eine elektrische Straßenbeleuchtung hatte.

Ich finde das bemerkenswert. Aber die Gevelsbergerinnen und Gevelsberger waren wohl schon immer ihrer Zeit voraus. In jedem Falle war eine solche Innovation für die damalige Zeit aufsehenerregend und ich kann mir gut vorstellen, welchen Gewinn an Sicherheit und Lebensqualität das für die Bürgerinnen und Bürger bedeutete, und wie stolz sie darauf waren.
Für mich ist klar, dass die Stadtwerke und kommunalen Unternehmen auch heute unverzichtbar sind. Stadtwerke und kommunale Unternehmen sind wichtige Partner der Bürgerinnen und Bürger. Ohne sie stände das öffentliche Leben in unseren Städten und Gemeinden weitgehend still.

Dass sich die Menschen in dieser sympathischen Stadt wohl fühlen, hat also viele Gründe: eine solide wirtschaftliche Basis, eine tatkräftige Politik, die auf die richtigen Schwerpunkte setzt. Es ist sicher auch die landschaftlich reizvolle Lage, die Sie hier genießen können.
Es hat vor allem aber damit zu tun, dass das Leben in Gevelsberg in besonderer Weise von Bürgersinn und Gemeinschaftsgeist getragen wird. Und dass Sie alles tun, damit dieser Gemeinschaftsgeist erhalten bleibt.

Darum haben Sie im Jahr 2001 das „Aktionsbündnis Zivilcourage“ gegründet. Bestehend aus Politik, weiterführenden Schulen und andere Bildungseinrichtungen, den Kirchen, den Gewerkschaften und vielen Vereine. Das Bündnis organisiert jährlich eine „Aktionswoche gegen rechte Gewalt“. So treten Sie all denen deutlich entgegen, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft zerstören wollen. Das ist ein beispielhaftes Engagement.

Ich habe an Wasyl Seniw erinnert. Er kam als Fremder, mehr noch, er wurde gezwungen zu kommen, aber er ist geblieben, weil er in Gevelsberg seine Heimat gefunden hat. Und er hat ihr zurückgegeben, was er konnte.
Wenn Sie diesen Geist der Gastfreundschaft, der Offenheit, des Bürgersinnes und der Großzügigkeit weiter pflegen, dann können Sie wirklich sehr zuversichtlich in die Zukunft sehen.
Ich danke Ihnen allen für den freundlichen Empfang, ich wünsche Ihnen eine fröhliche Feier zum Geburtstag der Stadt und natürlich wünsche ich Gevelsberg für die nächsten 25, 50 und auch 125 Jahre alles erdenklich Gute.

Autor:

Lokalkompass Schwelm aus Schwelm

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