Im Gespräch mit Schwelms neuem Bürgermeister, Stephan Langhard
"Kompromiss ist kein schlechtes Wort"

Bürgermeister Stephan Langhard vor dem Rathaus. Foto: Pielorz
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Stephan Langhard (53) war 34 Jahre Verwaltungsmitarbeiter in Ennepetal. Der gebürtige Gevelsberger Diplom-Verwaltungswirt leitete zuletzt den Fachbereich Bürgerdienste und Stadtentwicklung. Er kennt den Südkreis wie seine Westentasche und man kann schon sagen: Der Vater von drei Kindern und Gartenliebhaber hatte ein richtig schönes Leben. Zu seinen Stärken muss neben der Gelassenheit aber auch die Lust auf Abenteuer gehören – denn warum sonst hätte er sich als parteiloser Kandidat von der SPD für das Amt des Bürgermeisters in Schwelm nominieren lassen sollen? In der Stichwahl gelang ihm dann mit knapp 400 Stimmen Vorsprung der Sieg vor dem FDP-Kandidaten Philipp Beckmann. Jetzt ist Stephan Langhard mitten in der Corona-Pandemie Bürgermeister in der flächenmäßig kleinsten politischen Gemeinde in NRW. Doch die Herausforderungen sind groß.
Warum er sich das antut, dürften ihn viele Menschen bereits gefragt haben. Wir machen da keine Ausnahme. „Ich hatte ein wunderbares Arbeitsleben in Ennepetal. Aber ich habe mich auch gefragt, ob ich genau das bis zum Ende meines Arbeitslebens machen möchte oder ob da nicht noch etwas anderes kommen kann“, lächelt Stephan Langhard. Und als die Sozialdemokraten ihn fragten und seine drei Kinder ihn positiv unterstützten, „da habe ich mir gesagt, jetzt ist der Zeitpunkt richtig und mich auf das Abenteuer eingelassen.“
Leicht wird die Sache nicht. Stephan Langhard weiß, wie Verwaltung tickt. „Ich kann heute nach den ersten Wochen sagen: Mich hat die Aufgabe völlig umfangen. Ich habe keinen Tag bereut und auch überhaupt keine Zeit für Melancholie.“ Das ist gut so, denn gerade in der Pandemie gibt es genügend Meldungen, die einem depressive Gedanken in den Kopf pflanzen. Bereits im Wahlkampf hat Langhard seinen Schwerpunkt gesetzt. „Mir geht es um Nachhaltigkeit und das meine ich nicht nur im ökologischen Sinn.“ Sein Versprechen, sich das Rathausprojekt und die Zentralisierung der Verwaltung noch einmal anzusehen, hat er eingelöst und mit einem „Ja“ beantwortet. „Nach der Risikoanalyse des Rathausprojektes muss man einfach sagen, dass ein Baustopp zu einer großen zeitlichen Verzögerung geführt hätte und die Kosten für eine neue Planung nicht kalkulierbar sind. Ein Neubau ist wirtschaftlicher als die Nutzung der drei Altgebäude und mit einem begrünten Rathaus inklusive Photovoltaik können wir auch bei den Materialien nachhaltige Wege gehen. Wir müssen alle zusammen unsere Stadt voranbringen und dazu gehört dieses Projekt. Im Umgang mit den politischen Parteien erlebe ich zwar als Bürgermeister durchaus inhaltliche Unterschiede, aber auch einen gemeinsamen Willen in dieser Zielsetzung.“ Sein Statement hat er in Zeiten der Corona-Pandemie in einem Videoformat formuliert, um auf diese Art den Schwelmern seine Sicht zu erläutern. 2023 hofft er, werde die Verwaltung umziehen können. „Dabei soll es aber mehr werden als ein Umzug, denn wir wollen die Bürger mitnehmen in einen offenen und transparenten Dialog.“ Es sei nicht nur ein bloßes Verrücken von Schreibtischen. Und – trotz Pandemie – wolle man auch nicht alles im Homeoffice umsetzen. „Natürlich können wir vielen Mitarbeitern, die das möchten, das auch anbieten. Aber es muss doch Präsenz und Transparenz für die Bürger geben. Und die Struktur einer Führung auf Distanz ist eben eine ganz andere.“

Nachhaltige Stadtplanung

Zu seinem Thema Nachhaltigkeit gehört ein Mobilitätskonzept. Radfahren gewinnt dabei an Priorität. „Wir können in Schwelm vieles fußläufig erreichen. Und beim Radfahren stelle ich mir schon mehr vor als einfach Radstreifen neben der Fahrbahn. Die Nutzung von E-Bike und Pedelec zeigt doch, dass ältere Mitbürger keine Scheu zeigen, sich auf den Drahtesel zu schwingen.“ Trotzdem weiß das Schwelmer Stadtoberhaupt um die hohe Fahrzeugquote im EN-Kreis, die aktuell mit 260.000 Fahrzeugen im Verhältnis zu 2019 noch einmal um 1,5 Prozent gestiegen ist.
Der Verwaltungsmensch ist nur die eine Seite der menschlichen Medaille von Stephan Langhard. „Ich habe mein Handwerk gelernt und es hilft zu wissen, wie ein Betrieb funktioniert, wenn man ihn verändern möchte. Ich sehe mich in der Rolle als Bürgermeister nicht als Verwalter, sondern als Gestalter. Trotz der Corona-Pandemie und mit entsprechenden Auflagen habe ich mich bemüht, zu Beginn meiner Amtszeit möglichst viele Mitarbeiter und Bürger persönlich zu treffen. Persönliche Gesprächsatmosphäre ist mir wichtig.“ Langhard findet es gut, wenn man „frei von der Leber weg“ mit ihm spricht. „Im respektvollen Umgang muss man inhaltlich seine Meinung sagen und sich selbst treu bleiben. Im politischen Prozess muss man oft einen Kompromiss finden, aber für mich ist das kein Schimpfwort.“
Auf diesem Weg ist Gelassenheit eine unverzichtbare Tugend. „Eine Lebenswahrheit ist für mich, nach dem Zitat des amerikanischen Theologen, Philosoph und Politikwissenschaftler Reinhold Niebuhr: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.“
Seit zwanzig Jahren lebt der Gevelsberger in Schwelm. Über dreißig Jahre arbeitete er in Ennepetal. Man merkt Stephan Langhard an, dass er sich auf persönliche Gespräche mit den Schwelmern freut und es kaum erwarten kann, neben der Online-Präsenz endlich auch auf Veranstaltungen mit den Schwelmern über „seine Stadt“ zu diskutieren.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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