Bürger kämpfen mit Videoclips und viel Informationen um die Natur
Linderhausen: Leben braucht Landschaft

Dr. Ilona Kryl (Vorsitzende) und Frederik Sebastian Diergarten (zweiter Vorsitzender) engagieren sich mit einem Team für Linderhausen. Foto: Pielorz
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  • Dr. Ilona Kryl (Vorsitzende) und Frederik Sebastian Diergarten (zweiter Vorsitzender) engagieren sich mit einem Team für Linderhausen. Foto: Pielorz
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Der Bürgerverein Linderhausen setzt sich seit 1981 mit aktuell sechzig Mitgliedern für die Belange und Interessen der Bürger von Linderhausen ein. Schon anfängliche Aktivitäten richteten sich beispielsweise gegen die Errichtung eines Gewerbegebietes oder eine nachteilige zergliedernde Straßenführung. Linderhausen mit seinen aktuell etwa 5000 Bewohnern verlor als ursprünglich selbstständige Landgemeinde durch die Kommunalreform 1970 ihre Eigenständigkeit und ist heute größtenteils ein Stadtteil von Schwelm. Kleinere Gebiete gingen damals nach Sprockhövel, Wuppertal und Gevelsberg. Im Bürgerverein treffen sich Interessierte und Ehemalige der früheren Landgemeinde. Ihr Ziel ist vor allem der Erhalt der Natur, aber auch die Heimatpflege.

Zu den aktuellen Projekten gehört die Auseinandersetzung mit dem sich in Planung und Abstimmung befindlichen Regionalplan Ruhr. Grundsätzlicher Inhalt eines solchen Planes: In Grundzügen wird darin festgelegt, wo im Ruhrgebiet Bebauung stattfinden soll, wo Gewerbe angesiedelt werden darf, Verkehrswege entstehen und Grünflächen erhalten bleiben sollen. Seit einigen Jahren arbeitet der RVR an den Plänen und eigentlich sollten sie längst fertig sein. Doch daraus wurde nichts, gab es doch massive Proteste. Allein 5000 Einwände mussten nach der Vorstellung der ersten Pläne abgearbeitet werden. Die Schwierigkeit ist dabei oft die gleiche, unabhängig der Orte: die Kommunen brauchen die Ausweitung neuer Gewerbeflächen, um selbst zu wachsen und attraktiv zu bleiben und nicht jede Kommune verfügt über eine Brachfläche, die dadurch eine neue Nutzung bekommt. Zum anderen gelten Regionen wie der Ennepe-Ruhr-Kreis als attraktiver Grüngürtel und sollen auch als solcher erhalten bleiben. Jede Stadt hat ein massives Eigeninteresse und sieht zu, wie sie sich selbst mit der eigenen Flächennutzung am besten entwickeln kann. Und die kommunale Ansicht von Verwaltung und Politik steht nicht immer im Einklang mit den Bürgerinteressen.
Der Bürgerverein Linderhausen hat sich bereits in der Vergangenheit gegen zwei geplante Gewerbe- und Industriegebiete positioniert. Ursprünglich war von einer 103 Hektar großen Fläche im Dreieck A 1, Berghausen und Autobahnkreuz Wuppertal-Nord die Rede. Hinzu kam eine knapp 40 Hektar große Erweiterungsfläche weiter nördlich im Bereich Gangelshausen. Sie liegt hauptsächlich auf Sprockhöveler Gebiet. Der Rat der Stadt Schwelm hatte der Ausweisung der Flächen im Februar 2019 unter heftigem Protest von Anwohnern mehrheitlich seine Zustimmung erteilt. Dann jedoch gab es eine Planänderung. Nun geht es um ein 43 Hektar großes Areal östlich der Hattinger Straße im Rahmen eines regionalen Kooperationsstandortes. Insgesamt 24 solcher Standorte im RVR-Gebiet wurden benannt,a uf denen flächenintensive Gewerbe- und Industriegebiete angesiedelt werden können. Dazu gehört auch das Gebiet im Schwelmer Norden. Es überschneidet sich nördlich der Gevelsberger Straße nur noch in kleinen Bereichen mit der ehemals angedachten Fläche und umfasst südlich der Gevelsberger Straße den Bereich der städtischen Gewerbefläche, die nie bebaut wurde. Mit der Ausweisung dieser Fläche würde der Kooperationsstandort bis an den Siedlungsrand von Linderhausen heranrücken. Die Linderhauser haben mit Infoveranstaltungen und einer Online-Petition in der Vergangenheit gezeigt, dass sie „ihre“ Natur behalten möchten. Der Schwelmer Stadtrat hat bereits deutlich gemacht, dass er diesmal den Weg nicht mitgehen wird und das vom RVFR ins Auge gefasste Gebiet für die gewerbliche Nutzung ablehnt. Dr. Ilona Kryl, seit 2006 Vorsitzende des Bürgervereines, macht deutlich: „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Industrie- und Gewerbeflächen. Aber Linderhausen ist eine Landgemeinde und zu diesem Aspekt gehört Land und nicht Gewerbe. Die Menschen, die hierherziehen, entscheiden sich bewusst für das Leben auf dem Land in Nachbarschaft mit Natur und Landwirtschaft. Deshalb möchten wir hier keine weiteren Gewerbegebiete haben.“

Bürgerverein kreativ und aktiv

Um das deutlich zu machen, war ursprünglich vor dem Hintergrund der RVR-Pläne eine große Podiumsdiskussion mit Politik, Bürgern und Fachleuten geplant. Die Corona-Pandemie machte dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Doch die Linderhauser sind ein pfiffiges Landvölkchen und haben deshalb 27 (!) Filmclips erarbeitet, in dem sie politische Vertreter ebenso zu Wort kommen lassen wie Experten, die interessante Ausführungen zu Natur und Klima machen. „Die Filmclips sind ein Beitrag zur Heimatkunde. Wir haben über 15 Vereine in Linderhausen und eine große Identität mit unserem Dorf. Ländliche Struktur trifft hier auf gute Verkehrsanbindung. Die Natur ist uns wichtig. BUND, Biologische Station, Landwirtschaft und viele weitere Bausteine zeigen, wie wir hier leben und das wollen wir so erhalten. Natur und Klima machen ja nicht an Stadtgrenzen halt, sondern betreffen uns alle. In den Clips steckt viel Informatives drin.“ Die Filmclips stehen auf der Seite des Bürgervereins unter www.linderhausen.de
Die Natur erhalten, so hofft man in Linderhausen, begreift auch der RVR. Das Beteiligungsverfahren endet erst nach der Kommunalwahl am 13. September. Nach Auswertung und Abwägung ist frühestens in der ersten Jahreshälfte 2021 mit einer Entscheidung zu den künftigen regionalen Kooperationsstandorten und einer Ausweisung der potenziellen Ansiedlungsflächen zu rechnen.
Noch ein Projekt hat der Bürgerverein Linderhausen im Blick: der geplante Ausbau und die Sanierung des Autobahnkreuzes Wuppertal-Nord. Mindestens 75 Millionen Euro Kosten, zehn Jahre Baustelle, darunter zahlreiche Brückensanierungen – und vor allem erhebliche Kollisionen mit dem Naturschutz führen auch hier zu Protesten und Ablehnungen. Als Ausgleichsmaßnahme für den Flächenverbrauch ist eine Aufforstung entlang der A 43 und südlich von Ennepetal gedacht. Darüber hinaus will man Renaturierungsmaßnahmen im Bereich der Stefansbecke vornehmen. Die Orchideenwiese bleibt, sie steht unter Naturschutz. Für den Autobahnbau ist allerdings der Bund zuständig. Hier besitzt das Autobahnkreuz Wuppertal Nord hohe Priorität, vor allem wegen der Ampelanlagen. Straßen NRW handelt auf Weisung des Bundes. Doch die Linderhauser sind wie ein kleines gallisches Dorf und leisten Widerstand, wenn er ihnen notwendig erscheint.

Dr. Ilona Kryl (Vorsitzende) und Frederik Sebastian Diergarten (zweiter Vorsitzender) engagieren sich mit einem Team für Linderhausen. Foto: Pielorz
So sieht die Linderhauser Landschaft aus und so soll sie bleiben. Foto: Bürgerverein Linderhausen
Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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