Paasmühle, die Wildvogel-Auffangstation im Ennepe-Ruhr-Kreis
Flug in die Freiheit

Thorsten Kestner mit einem Uhu. Manchmal ist ein Filmteam dabei, wie hier Claus Barteczko von Ruhrkanal. Foto: Pielorz
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  • Thorsten Kestner mit einem Uhu. Manchmal ist ein Filmteam dabei, wie hier Claus Barteczko von Ruhrkanal. Foto: Pielorz
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Auf mehr als 15 000 Quadratmetern pflegt der 2011 gegründete Verein Paasmühle e.V. in Sprockhövel weit mehr als 1000 Tiere pro Jahr. Vor allem sind es Eulen, Greif- und Wasservögel. Der Verein ist als Wildvogel-Auffangstation erster Ansprechpartner für Feuerwehr, Polizei, Tierheime und Tierärzte im gesamten Ruhrgebiet und weit darüber hinaus, wenn es um die fachgerechte Betreuung von verletzten Vögeln geht. „Es lohnt sich für die Tierärzte oder Kliniken oft nicht, schwer verletzte Wildvögel zu pflegen“, sagt Architekt Thorsten Kestner, der seit mehr als dreißig Jahren schon Zeit, Leidenschaft und Geld für die Wildvögel aufbringt und die Paasmühle aufbaute. Für die dort arbeitenden Ehrenamtler spielt nur die Liebe zu den Tieren eine Rolle.
Ein verletzter Schwan, der im Hülsenbecker Tal in Ennepetal aufgegriffen wird – ein Uhu, der in der Müllumladestation in Gevelsberg entdeckt wird – beide kommen in die Paasmühle und werden dort gesund gepflegt. Das Schönste für Thorsten Kestner ist es, die Tiere gesund in die Freiheit zu entlassen. Oder, mit seinen Worten: „Vögel sehen wir am liebsten von hinten.“ Damit das aber geschehen kann, stehen viel Arbeit und noch mehr Leidenschaft auf dem Programm. „Die Paasmühle ist kein Streichelzoo. Hier leben Wildtiere und viele von ihnen sind aufgrund von Verletzungen nur zu einem (unfreiwilligen) Besuch hier. Aber natürlich gibt es auch einige Dauergäste - beispielsweise in der Gefangenschaft geborene Tiere“, erzählt Kestner. Das ganze Jahr werden Vögel in die Wildvogelstation gebracht. Fast jeden Tag kommen Bussarde, Reiher, Uhus oder andere verletzte Wildtiere. Ein kleiner „Vorteil” in den Corona-Pandemie-Zeiten: „Die Leute wollen nicht mehr so viel quatschen. Also, ich unterhalte mich ja gerne, aber - wenn man an einem Tag sechs verletzte Tiere bekommt und alle sechs Menschen, die sie herbringen, wollen sich eine halbe Stunde unterhalten - na ja, das geht auf die Zeit und die Tiere haben da nix von”, meint Kestner. Und er, da macht er keinen Hehl draus, will sich viel lieber um die Tiere kümmern. „Die Corona-Pandemie hat schon im Frühjahr die Freilassung der Schwäne verhindert und jetzt kommen wir auch nicht weiter”, erzählt er. Für solche Aktionen sind viele Menschen mit helfenden Händen erforderlich und die sollen sich ja in der Pandemie nicht treffen. Außerdem lockt die Veranstaltung jedes Mal viele Zuschauer an die Seen. Soll man ja auch nicht machen. Also bleiben die Schwäne wo sie sind - in der Paasmühle. So 400 bis 500 Tiere, darunter etwa fünfzig bis sechzig Schwäne, tummeln sich derzeit auf dem großen Gelände. Und alle haben Hunger. „Na ja, so 100 Kilo Körner am Tag und so acht Kilo Fleisch brauchen wir schon - kommt halt was zusammen.” Das es keine richtigen Winter mehr gibt, ist zumindest für die Schwäne nicht schlecht: „Früher haben wir in der kalten Jahreszeit regelmäßig Schwäne aus Gewässern retten müssen, die festgefroren waren. Wir haben die Seen im Umkreis regelmäßig abgesucht. Das machen wir schon einige Jahre nicht mehr.”

Gesund pflegen und in die Freiheit entlassen

Zu den schönsten Aufgaben zählt aber die Freilassung eines Tieres. Beispielsweise von einem Bubo bubo, so der Gattungsname des Uhus. Er kam verletzt in die Paasmühle. „Wir mussten das Tier nicht operieren, aber er bekam einen Verband, der recht häufig gewechselt werden musste. Und selbstverständlich wurde der Vogel von einer Physiotherapeutin etwas durchbewegt, damit er jetzt auch wieder fliegen kann“, so Kestner, der sich mit einem ehrenamtlichen Team, zu dem auch Tierärzte gehören, um seine Patienten kümmert. Der große Tag, an dem es für den Uhu nach sieben Wochen in die Freiheit zurückgeht, beginnt in einer dunklen Kiste. Darin sitzt der gut einjährige Uhu mit einer beachtlichen Flügelspannweite von 1,70 Metern. Er ist etwas nervös. Schließlich weiß er ja nicht, dass es für ihn ein großer Tag ist. Also hat er etwas Stress – schließlich musste er für den Transport aus der Voliere heraus eingefangen und in eine dunkle Kiste gesteckt werden. Das dies alles zu seinem Besten geschieht kann der Uhu ja nicht wissen. Also, Kistendeckel auf, Uhu gepackt, ab in die Kiste und los geht es mit dem Auto. Direkt in der Nähe der Paasmühle wird das Tier nicht ausgesetzt. Es sucht sich weiter entfernt sein Revier. Beim Einfangen gilt: Erfahrung ist alles – man bleibt aber nicht immer von Kratzern verschont. Dementsprechend ist Thorsten Kestner genauso „gezeichnet“ wie seine Helfer. „Ja, damit muss man rechnen und aufpassen. Ganz verhindern kann man das nicht immer.“ Diesmal schon. Vielleicht spürt der Uhu ja doch, dass man es gut mit ihm meint. Auf der Wiese angekommen und aus der Transportkiste befreit, lässt er sich nicht lange bitten – hebt ab und fliegt in den nächstgelegenen Baum. Dort wird er jetzt etwas sitzen bleiben – Zeit, sich zu sammeln. Für Thorsten Kestner ist das alles Routine. Und trotzdem – wenn der Bubo bubo sich in die Lüfte erhebt, dann ist das immer noch ein erhabener Anblick der Freiheit.
Seit Jahrzehnten steckt Kestner sein Geld in die Pflege und Fürsorge für die Wildtiere. „Wenn es mir gut geht, geht es auch der Paasmühle gut”, bringt er es auf einen schlichten Nenner. Was weniger zusammen kommt, sind im Moment die Spenden. Da geht es der Paasmühle wie vielen anderen Vereinen. Alle Veranstaltungen in diesem Jahr konnten nicht stattfinden. Also gab es auch keine Einnahmen. „Aber ich habe viele Leute, die mir helfen”, so Kestner. Die Feuerwehr beispielsweise oder Gelsenwasser - da wird in heißen und trockenen Sommermonaten der Schwanenteich auf dem Gelände auch schon einmal mit Wasser gefüllt. Wenn es nicht von oben kommt, muss eben der Feuerwehrschlauch das erfrischende Nass bringen.
Vor der Corona-Pandemie (und hoffentlich auch wieder danach) gibt es neben einigen Veranstaltungen auch Möglichkeiten für Kinder und Menschen mit Handicap, die Tiere in der Paasmühle kennen zu lernen. Eng arbeitet man auch mit der bekannten Tierfotografin und „Eulenflüsterin“ Tanja Brandt zusammen. Sieht man auf www.ingoundelse.de.Tierfotografie ohne Gitter ist für viele (Hobby)Fotografen ein besonderes Highlight. Die Paasmühle bietet nach Terminrücksprache die Möglichkeit, Eulen, Greif- und Wasservögel zu shooten. Dies gilt selbstverständlich nur für bereits wieder gesunde Tiere, die kurz vor der Auswilderung stehen, oder für die Dauergäste.
Kontakt: Paasmühle e.V., Thorsten Kestner, Paasstraße 107, 45527 Hattingen; Telefon 02324/72849; E-Mail info@paasmuehle.de. Wer den Verein unterstützen möchte: Wildvogelstation Paasmühle, Sparkasse Witten, IBAN DE46 4525 0035 0108 5523 16

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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