Bildungsungerechtigkeit aushebeln
Talentscouts begleiten Schüler aus Nicht-Akademikerfamilien

Die beiden Talentscouts Adnan Kuspahic und Jana Stuberg sowie ihre Kollegen beraten Schüler bei ihrer Zukunft.
  • Die beiden Talentscouts Adnan Kuspahic und Jana Stuberg sowie ihre Kollegen beraten Schüler bei ihrer Zukunft.
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Nach dem Abitur ein Studium beginnen? Was für einige junge Leute selbstverständlich ist, stellt für andere eine Hürde dar, denn sie haben niemanden in der Familie, der bereits studiert hat und sie unterstützen kann. Hier setzt das Programm Talentscouting an. An der Ruhr-Universität und der Hochschule Bochum gibt es insgesamt mehr als ein Dutzend Talentscouts, die Schüler aus Nicht-Akademikerfamilien beraten.

„Ziel ist es, die Bildungsungerechtigkeit auszuhebeln“, erläutert Jana Stuberg (30) vom Team Talentscouting der RUB. Denn wie Adnan Kurspahic (29), Talentscout der Hochschule Bochum, weiß, „machen 70 Prozent aller Nicht-Akademikerkinder eine Ausbildung, während 70 Prozent der Akademikerkinder zur Hochschule gehen“. Die Ungleichheit werde also reproduziert.
Dieses Missverhältnis liege nicht an den mangelnden Fähigkeiten der Schüler, deren Eltern keine Akademiker sind, sondern am fehlenden Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, so Stuberg „Viele haben die Erfahrung gemacht, dass man ihnen Abitur und Studium nicht zutraut.“ Hinzu kämen zum Teil finanzielle Sorgen und die Frage nach BAföG oder einem Stipendium. „Und wenn Eltern keine Erfahrung im Universitätssystem haben, können sie sie nicht weitergeben.“
„Der Fokus liegt auf Nicht-Akademikerkindern, aber wir schließen andere nicht aus. Wo Klärungsbedarf ist, sind wir da“, sagt Kurspahic. Um sich von einem Talentscout beraten lassen zu können, müssen Schüler nicht übermäßig talentiert in einem oder mehreren Unterrichtsfächern sein. Der Begriff Talent bezieht sich vielmehr auf ein besonderes Engagement der jungen Leute. „Sie müssen motiviert sein, an ihrer Zukunft zu arbeiten“, verdeutlicht Stuberg.

Sprechstunden an den Schulen

In den Sprechstunden, die Jana Stuberg, Adnan Kurspahic und ihre Kollegen an Schulen anbieten, beraten sie Schüler ab der elften Klasse, die noch keine Vorstellung haben, was sie nach dem Schulabschluss machen möchten, oder die zwar eine Idee haben, aber nicht wissen, wie sie dort hinkommen. „Wir sind aber keine Studienberater. Wir empfehlen nicht die Ruhr-Universität, die Hochschule Bochum oder eine andere Uni“, betont Stuberg. „Wir beraten ergebnisoffen.“ Das kann auch bedeuten, dass sich der Schüler zum Beispiel für eine Ausbildung, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Auslandsaufenthalt entscheidet.

„Wir sind Berater, Begleiter, Mutmacher, Wegweiser und Netzwerker.“

„Wir sind Berater, Begleiter, Mutmacher, Wegweiser und Netzwerker“, erklärt Adnan Kurspahic. „Wir statten die Schüler mit Wissen und Werkzeugen aus.“ Wie wichtig solch ein Angebot ist, weiß er aus eigener Erfahrung. „Ich habe zweimal ein Studium abgebrochen, weil ich mich nie mit meinen Stärken auseinandergesetzt habe. Es gab zwar Unterstützung von Zuhause, aber einen Mangel an Wissen“, berichtet der 29-Jährige. Das war mit ein Grund, warum er sich nach seinem abgeschlossenen Studium der Erziehungswissenschaften dazu entschlossen hat, als Talentscout zu arbeiten.
Die Scouts beraten die jungen Leute, wenn diese es wünschen, langfristig. „Die Übergange von der Schule in die Hochschule oder in die Ausbildung sind schwierig, aber wir begleiten auch über diese Übergänge hinaus“, sagt Jana Stuberg. So können die jungen Leute zum Beispiel bei Problemen auf die Talentscouts zukommen. „Am besten, bevor das BAföG ausläuft oder bevor sie das Studium abbrechen.“

An 17 Schulen aktiv

Das Programm Talentscouting wurde 2015 vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW ins Leben gerufen. Sowohl Ruhr-Universität als auch Hochschule Bochum sind seit dem Start dabei. Zurzeit sind deren Talentscouts an 17 Bochumer und Wattenscheider Schulen aktiv: an allen sechs Berufskollegs, an vier von fünf Gesamtschulen sowie an sieben von zehn Gymnasien. Das Programm ist bis zum Ende des Jahres 2020 befristet, „aber wir hoffen auf eine Verlängerung und Verstetigung“, so Stuberg.
Junge Leute, die die kostenlose Beratung der Talentscouts in Anspruch nehmen wollen, können sich entweder an ihrer Schule erkundigen, ob diese mit den Scouts kooperiert, oder sich direkt per E-Mail an die Talentscouts wenden: talentscouting@rub.de und talentscouting@hs-bochum.de. Weitere Informationen zum Programm Talentscouting gibt es unter nrw-talentzentrum.de.

Autor:

Vera Demuth aus Stadtspiegel Bochum / Wattenscheid

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