Johannas Traum

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Was, wenn du schliefest? Und was, wenn du, in deinem Schlafe, träumtest? Und was, wenn du in deinem Traume zum Himmel stiegest und dort eine seltsame und wunderschöne Blume pflücktest? Und was, wenn du, nachdem du erwachtest, die Blume in deiner Hand hieltest? Ah, was dann?
(Samuel Taylor Coleridge, 1772 – 1834)

Unruhig wälzt Johanna sich hin und her. Sie ist so müde, aber der Schlaf will sich nicht einstellen. Tausend Gedanken drehen sich wie ein Karussell in ihrem Kopf. Wie gerne würde sie noch einmal über die Regenbogenstraße gehen - nur einmal noch! Doch so sehr sie sich auch danach sehnte – die Straße war niemals wieder aufgetaucht.

Sie weiß gar nicht, warum sie gerade heute so traurig ist. Es war so ein strahlend schöner, sommerlicher, Tag. Und trotzdem.... Es war halt nicht ihr Tag heute. Wenn sie wenigstens schlafen könnte. Einfach alles vergessen, abschalten – für ein paar Stunden. Morgen ginge es ihr dann wieder besser. Sie kennt das ja schon. Tage wie diesen – wo man sich von aller Welt verlassen fühlt. An denen man sich selbst leid tut und sich für den einsamsten Menschen auf Erden hält.

„Sei nicht albern!“ schimpft sie mit sich selbst. „Du weißt, dass es nicht so ist. Und nun schlaf!“ Wie einen Befehl murmelt sie es vor sich hin. Sie schließt die Augen, versucht, sich zu entspannen. An etwas Schönes zu denken. Und irgendwann schläft sie ein.

Wie lange sie geschlafen hat, kann sie nicht sagen. Minuten? Stunden? Auf einmal schrickt sie hoch. Irgendetwas hat sie geweckt. Ein sanftes Leuchten, ein zarter Duft. Verwirrt schaut sie sich um. Wo ist sie? Das ist doch nicht ihr Schlafzimmer. Fremd sieht es hier aus – aber nicht beängstigend. Im Gegenteil. Es ist wunderschön.

Sie steht in einem seltsam unwirklichen Garten. Der Himmel darüber strahlt in einem intensiven Blau, wie sie es noch nie gesehen hat. Die Sonne wärmt, ohne zu brennen. Eine Wärme, die bis tief ins Herz dringt. Riesige Bäume spenden Schatten. Überall blühen Blumen in leuchtenden Farben. Sanft schaukeln die Blüten im Wind. Handtellergroße Schmetterlinge flattern darüber hinweg. Es sieht aus, als ob sie tanzen.

Johanna geht durch das hohe, dichte Gras. Ihr ist, als ob sie schwebe. Kaum, dass ihre Füße den Boden berühren. Leicht fühlt sie sich – leicht und frei! Sie läuft einfach weiter, mitten durch das Blumenmeer. Wie schön es hier ist! Und so friedlich! Sie spürt, dass ihr hier nichts Böses geschehen kann. Es fühlt sich an, wie – Liebe. Ja, wie Liebe! Eine ganz besondere Art von Liebe. Ein Liebe, die einen einhüllt, wie ein warmer Mantel. Die nichts fordert, keine Bedingungen stellt – sondern einfach nur da ist!

Auf einmal hört sie leise Musik, Stimmen und Gelächter. Wie aus weiter Ferne – und doch gleichzeitig ganz nah. Sie bleibt stehen um sich zu orientieren. Aber es scheint aus allen Richtungen zu kommen. Daher geht sie einfach weiter. Wie von einem unsichtbaren Band gezogen. Sie weiß nicht, wie lange sie so gegangen ist, als sie auf eine Lichtung gelangt. Von dort kommen die Stimmen. Tische und Bänke sind dort aufgestellt. Alles ist festlich mit Blumen geschmückt. Eine Feier! Lauter fröhliche Menschen, die miteinander reden und lachen.

Johanna möchte darauf zugehen. Doch dann verharrt sie mitten im Schritt. Plötzlich spürt sie, dass sie nicht dazugehört. Dass sie dort nicht stören darf. Aber es ist kein ungutes Gefühl – nicht dieses Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Nur das Wissen, dass diese Feier nicht für sie bestimmt ist. Doch ein wenig stehen bleiben und zuschauen, das darf sie. Es ist schön, diese Menschen zu beobachten. Sie wirken so glücklich. Ein seltsamer Zauber geht von ihnen aus.

Ganz versonnen und in sich gekehrt steht Johanna da. Kann den Blick nicht von dieser Gesellschaft wenden. Sie versteht nicht, was gesprochen wird, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist nur das Glück, das diese Menschen ausstrahlen. Einige davon kommen ihr seltsam bekannt und vertraut vor. Suchend lässt Johanna ihren Blick weiter schweifen. Und da ist sie! Am Kopf der am schönsten geschmückten Tafel. Die Hauptperson an diesem herrlichen Tag. Ein sanftes Leuchten umgibt sie. Sie wirkt so gelöst, so entspannt.

Auf einmal treffen sich ihre Blicke. Sie lächelt Johanna an. Ein Lächeln, das Johannas Herz wärmt. Johanna erwidert das Lächeln – genießt diesen Augenblick inniger Zweisamkeit. Dann wendet sie sich ab. Sie fühlt, dass es an der Zeit ist zu gehen. Es macht sie nicht einmal traurig, denn nun weiß sie, das alles gut ist. Irgendwann wird sie zurückkommen und mit an der Tafel sitzen. Sie weiß nicht wann – aber das ist auch nicht wichtig. Solange sie nur weiß, dass es eines Tages so sein wird.

Ein letztes Lächeln noch, dann wendet Johanna sich zum Gehen. Doch noch bevor sie den ersten Schritt getan hat hört sie eine leise Stimme in ihrem Herzen. „Alles Liebe zum Muttertag, Mama!“ Sie bleibt stehen, ohne sich umzudrehen und lacht leise. Ach ja... Muttertag. Und ebenso leise flüstert sie „Und ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag, mein Kind!“

Dann macht sie sich endlich auf den Heimweg. Auf der Blumenwiese begleiten sie die Schmetterlinge. Sie flattern so dicht um sie herum, dass ihre zarten Flügel ihr Gesicht streicheln. Das kitzelt. Johanna muss lachen – und wacht auf.

Für einen Augenblick ist sie ganz benommen. Erst langsam begreift sie, wo sie jetzt ist. Sie fühlt sich gut! Da ist keine Angst mehr diesem Tag. Was so ein Traum doch alles bewirken kann. Denn es war ja nur ein Traum?!?

„Ja, es war nur ein Traum!“ flüstert Johanna -

und nimmt ganz vorsichtig die zarte Blüte von ihrem Kopfkissen!

© Siglinde Goertz

Autor:

Siglinde Goertz aus Uedem

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