Fazit des Streetwork-Projekts „Lotse“:
Erschreckend viel versteckte Armut im Kreisgebiet

Die Streetworkerinnen und Streetworker des „Lotse“-Projekts: (v.l.) Ulrike Thierfeld, Zora Lachermund, Tanja Scheuermann, Anke Brink und Jonas Picht.
  • Die Streetworkerinnen und Streetworker des „Lotse“-Projekts: (v.l.) Ulrike Thierfeld, Zora Lachermund, Tanja Scheuermann, Anke Brink und Jonas Picht.
  • Foto: Caritas
  • hochgeladen von Jörg Stengl

Drei Jahre lang suchten die Streetworkerinnen und Streetworker des „Lotse“-Projekts im Kreis Unna wohnungslose bzw. von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen auf. Dabei fanden sie erschreckend viel versteckte Armut. Trotzdem muss die offenbar wichtige Arbeit beendet werden – vorerst.

In fast 1.300 Fällen konnten die mobilen Sozialarbeiterinnen Menschen in existenzbedrohenden Lagen helfen. „Mit dieser hohen Zahl hatten wir zu Beginn nicht gerechnet“, sagt Ralf Plogmann, Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Unna, der das Streetwork-Projekt gemeinsam mit dem Frauenforum im Kreis Unna und der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Dortmund und Lünen, 2016 ins Leben gerufen hat.

Einer dieser unerwartet vielen Fälle ist ein 55-jähriger ehemaliger Kfz-Mechaniker, der seine Wohnung verloren und lange Zeit in seinem Auto gelebt hatte. „Er übernachtete in seinem Wagen, hatte all sein restliches Hab und Gut dort verstaut und duschte im Regen“, berichtet Streetworkerin Tanja Scheuermann, die den 55-Jährigen nach dem Hinweis einer Anwohnerin entdeckt hatte. Es folgten mehrere Besuche bei dem körperlich und psychisch angeschlagenen Mann, bis er genug Vertrauen in die Streetworkerin gefasst hatte und bereit war, Hilfen anzunehmen. Und genau das war die Grundidee des Projekts: Menschen in Not aufzusuchen, Vertrauen aufzubauen und ins Hilfesystem zu vermitteln. Ab diesem Zeitpunkt nutzte der Mann die Übernachtungsstelle und die Tagesstätte für Wohnungslose in Unna. Außerdem richteten ihm die Berater der Wohnungslosenhilfe eine Postadresse ein und klärten seine wichtigsten Ansprüche, darunter vor allem die Zahlungen des Jobcenters. Inzwischen hat der sowohl körperlich als auch psychisch stark beeinträchtige 55-Jährige an Stabilität gewonnen und lebt in einer Pflegeeinrichtung.

Nie eigenes Geld verdient
In anderen Fällen waren die Streetworkerinnen und Streetworker früh genug vor Ort, um die Wohnungslosigkeit noch zu verhindern. So berichtet die Streetworkerin Zora Lachermund von einer psychisch stark beeinträchtigten und vereinsamten 55-jährigen Frau, die Zeit ihres Lebens mit ihrer Mutter zusammengewohnt und nie eigenes Geld verdient hatte. Nach dem Tod der Mutter häuften sich Mietschulden, die psychischen Probleme wuchsen, und der Betroffenen fehlten jede Alltagskompetenz und das soziale Umfeld, um sich Hilfe zu suchen. Hier führte die Arbeit des Streetwork-Projekts zur Rettung der Wohnung, Stabilisierung der Finanzen und Behandlung der psychischen Erkrankung.

„Unsere Bilanz zeigt, dass wir neben dem herkömmlichen Unterstützungsangebot auch ein Streetwork-Angebot brauchen, um die Menschen zu erreichen, die nicht zu uns kommen können“, sagt Caritas-Vorstand Ralf Plogmann. Doch zunächst wird es nicht weitergehen. Obwohl sich alle beteiligten Träger einig sind, dass die Arbeit fortgesetzt werden müsste, fehlen die Mittel für eine Verstetigung. Birgit Unger jedoch, Vorstand des Frauenforums, kündigte an, den Aufbau eigener Streetwork-Strukturen zu prüfen. Wie es im – offenbar so wichtigen – Feld der aufsuchenden Hilfen im Kreis Unna genau weitergeht, sollte in den kommenden Monaten deutlich werden.

Autor:

Jörg Stengl aus Unna

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