Das Buch zum Derby

Levent Aktoprak traf Autor Gregor Schnittker im historischen Stadion Rote Erde.
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Dortmund gegen Schalke. Schalke gegen Dortmund. Dieses Derby ist für Fans und Spieler gleichermaßen ein ganz besonderes Spiel und es geht dabei nicht nur um den bloßen Sieg. Wenn beide Mannschaften gegeneinander antreten, dann brennt die Luft und kein anderes Derby in Deutschland elektrisiert und polarisiert die Fans wie dieses Nachbarschaftsduell.

WDR Lokalzeit-Moderator Gregor Schnittker, der auch für den ZDFsport tätig ist, hat darüber jetzt ein Buch geschrieben: „Das Revierderby Schalke 04 gegen Borussia Dortmund - Die Geschichte einer Rivalität.“ Sein Arbeitskollege beim WDR, der Kamener Journalist Levent Aktoprak, traf ihn zum Interview an einer historischen Fußballstätte, im Dortmunder Stadion Rote Erde.“

Gregor, Du bist weder in Dortmund noch in Gelsenkirchen geboren. Wie kommt man als gebürtiger Bochumer dazu, ein Buch über das große Revierderby zu schreiben?

„Mein Vater hat mich schon immer mit zum Fußball genommen. Zu seinem VfL an die Castroper Straße, nach Herne zur Westfalia, nach Dortmund sind oft gefahren mit den Nachbarn, aber auch in das ewig kalte und verregnete Parkstadion in Gelsenkirchen. Das waren in den späten 70ern und 80ern nicht immer Fußballfeste, die ich dort sah. Fußball war damals nicht annähernd so beliebt in allen Gesellschaftsschichten wie heute. Aber mich faszinierte das immer. Bei einem Spiel habe ich dann schon als Kind gemerkt, dass da immer richtig Musik in der Bude ist. Das war eben Schalke gegen Dortmund. Viel, viel später, da hatte ich schon längst auch beruflich mit unserer Region und den Ruhrpottduellen zu tun, habe ich dann mal nach Literatur gesucht. Ich wollte wissen, was war da eigentlich historisch los, dass sich Blaue und Gelbe nicht leiden können? Weil ich dazu nichts finde konnte, habe ich selber recherchiert und die Geschichte dieses Duells aufgearbeitet.“

Die Geschichte dieser Rivalität hat eine lange Tradition. Du hast 37 Derbys ausgesucht – vom ersten 1925 bis zum Supercup 2011 - und daraus 37 Geschichten gemacht. Worauf hast Du den Fokus gelegt?

„Wichtig ist, dass es ein Buch ist über beide Vereine und insofern auch ein Buch für die Fans beider Vereine. Ich glaube, dass es das bis jetzt ja noch gar nicht gab, dass ein Schalker und ein Borusse in einer Buchhandlung hintereinander an der Kasse stehen und aus gleichem Interesse das gleiche Buch kaufen. Genau das war aber mein Ziel. Außerdem sollte es kein reines Fußballbuch werden. Ich habe bei der Betrachtung der jeweiligen Derbys auch die Rahmenbedingungen genauer betrachtet. Krieg, Wirtschaftswunder, Zechenkrise, Strukturwandel - der Gang der Dinge mit den Befindlichkeiten der Menschen im Ruhrgebiet waren immer genauso wichtig wie das 1:0 oder der später Ausgleich. Und schließlich wollte ich Menschen zu Wort kommen lassen. Die Hauptdarsteller, also Spieler, Fans und Offizielle. Mein Ziel war es, dass man das Derby und die Zeit in der es stattfand nacherleben kann.“

Es gibt viele Vereine im Revier. Warum hat sich gerade die Begegnung zwischen Schalke und Dortmund als das Derby schlechthin herauskristallisiert?

„Das sind eben die Vereine mit den größten Erfolgen und daraus resultierend den meisten Fans. Schalke gegen Dortmund ist zudem ein Spiel, welches permanent stattfindet. Das heißt, es bietet nicht nur einmalig oder selten Gesprächsstoff, sondern immer. Das Derby findet ja jeden Tag statt. Mit Frotzeleien in der Nachbarschaft, auf der Arbeit oder sogar der eigenen Familie. Da, wo Deutschland am dichtesten ist, nämlich im Ruhrgebiet, ist es fußballerisch betrachtet auch am emotionalsten. Als Borusse bist du kein Schalker – als Schalker bist Du kein Borusse. Eine solche Polarisierung gibt es in dieser Form nirgendwo anders. Für mich ist es das deutsche Derby schlechthin.“

Was dazu führt, dass einige Fans nicht einmal den Namen des anderen Vereins in den Mund nehmen...

„Das ist Teil der Folklore. Dortmund ist Lüdenscheid Nord für die Schalker. Schalke ist Herne-West für die Dortmunder. Da spielt die starke Abneigung natürlich eine Rolle, aber ich glaube vielmehr noch der Faktor Hassliebe. Die vielen Plakate an Autobahnbrücken, die Graffitis, die Attacken auf die Internetseite des anderen Vereins, die Schmähgesange, Flugzeuge am Himmel mit Parolen, all das ist die Würze dieses Spiels und hochamüsant, solange es keine blutigen Nasen gibt. Das ist eben der Derbyalltag im Ruhrgebiet. Das ist Teil unserer Kultur. Bei all dem habe ich mich in der Recherche aber manchmal gewundert, wie gut Fans beider Seiten über die Lage im anderen Verein auf dem Laufenden sind. Die mögen sich nicht und sind übereinander doch bestens informiert. Eine Prise „Was sich liebt das neckt sich…“ konnte ich insofern auch ausmachen. Das wollte nur niemand zugeben.“

Nach der ersten Meisterschaft der Knappen 1934 in Berlin (durch die Tore von Szepan und Kuzorra), stoppte auf dem Rückweg die Reichsbahn 35 Kilometer vor Gelsenkirchen. Die Schalker Spieler werden in der Dortmunder Innenstadt von der Menschenmenge umjubelt und tragen sich als erste Fußballmannschaft ins goldene Buch der Stadt ein.

Was sagt uns das? Waren beide Vereine miteinander freundschaftlich verbunden?

„Das war in der Tat so. Die Schalker waren eine Art Aufbauhelfer des BVB. Ernst Kuzorra war 1934 für ein paar Wochen der erste Trainer am Borsigplatz, sein Schwager Fritz Thelen die Zeit danach und auch noch einmal kurz nach dem Krieg. Schalke war viele Jahrzehnte der Repräsentant des Ruhrpottfußballs schlechthin. Ein Arbeiterclub, der die ganze Region, natürlich inklusive Dortmund, sehr stolz machte. Wenn Schalke Meister wurde jubelte der ganze Kohlenpott. Das änderte sich erst mit Beginn der Oberliga als die Borussia immer stärker wurde, die Schalker dann überholte. Aber auch wenn damals die Rivalität begann, war das Klima zwischen beiden Vereine noch bis in die späten 60er Jahre freundschaftlich.“

Was waren die Gründe dafür, dass in den 70ern die Aggression unter den Fans zunahm?

„Abschließend erklären konnte ich das nicht. Eine klare Antwort ließ sich nicht finden. Aber es gibt Ansätze, warum das Klima frostiger wurde. Dabei spielt der sportliche Misserfolg des BVB eine Rolle. 1966 noch umjubelter Europapokalsieger steigt man nur 6 Jahre später sang- und klanglos ab. Parallel dazu stellen die Schalker eine Mannschaft zusammen, die vielleicht die beste aller Zeiten ist. Nur machen die jungen Burschen dabei einen kapitalen Fehler, als sie für wenig Geld Spiele verschieben und im Rahmen des Bundesligaskandals sogar noch einen Meineid leisten, also ihr Fehlverhalten leugnen. Fortan ist Schalke als FC Meineid verschrien und fühlt sich von allen Seiten attackiert. Da ist der logische Reflex natürlich eine Art Gegenangriff und ungefähr so spielte sich das dann auf den Tribünen ab. Und es gab eben die Häme, dass die Borussia nur noch Zweitligist ist. In den 70ern stauten sich die Emotionen auf beiden Seiten und traten bei erstbester Gelegenheit gewaltsam hervor. Das war die Zeit der Derbys auf den Rängen mit Schlagringen und Fahrradketten.“

Die Konkurrenz - auch nach 138 Derbys - ist geblieben. In der Gesamtbilanz hat Schalke 9 Siege mehr auf dem Konto. Was die Bundesliga-Bilanz (seit ihrer Gründung 63) angeht, steht es Unentschieden mit jeweils 27 Siegen.
Wie wird das Spiel – das 139 Derby - am Wochenende ausgehen?

„Hoffentlich ohne Gewalt am Rande, das ist mal klar. Ansonsten wird es schon umkämpft sein. Unter Stevens spielt Schalke so wie früher schon unter diesem Trainer. Nicht immer attraktiv, aber erfolgreich. Und der BVB hat ja gerade eben das Toreschießen für sich entdeckt. Insofern rechne ich mit vielen Toren und in der Tendenz, auch weil es ein Heimspiel ist, mit leichten Vorteilen beim BVB.“

Autor:

Jörg Stengl aus Unna

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