Friedhof Niedermassen 59427 Unna Sonntag, 18. November 2018 I 11:30 Uhr
Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2018 auf dem Friedhof Niedermassen

 Aus der Fotoserie von  © Jürgen Thoms zur  Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2018 auf dem Friedhof Niedermassen mit   Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht
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  • Aus der Fotoserie von © Jürgen Thoms zur Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2018 auf dem Friedhof Niedermassen mit Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht
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Über  100 Teilnehmer

hatten sich am Mahnmal versammelt, um auch in diesem Jahr gemeinsam mit Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Mit dabei waren der Schützenverein Massen 1830 e.V. mit dem 2. Vorsitzenden Lars Brune, die Freiwillige Feuerwehr der Löschgruppe Massen mit Löschgruppenführer Bernd Tepe und einer starken Jugendabordnung, der Massener Bürgerhausverein mit dem Vorsitzenden Helmut Tewes, Vertreter aus den Kirchen, der Politk und viele Massener Bürger. Eingestimmt und musikalisch begleitet wurde diese Gedenkstunde durch die Musikfreunde Hellweg e.V. mit ihrem Dirigenten Jörg Budde

Die Rede von Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine Damen und Herren!
Auch in diesem Jahr versammeln wir uns wieder am Volkstrauertag, um der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft zu gedenken. Als Ortsvorsteher von Massen darf ich Sie herzlich zu unserer Feierstunde auf dem Friedhof in Niedermassen begrüßen.

In diesem Jahr hat der Volkstrauertag eine ganz besondere Aktualität, denn genau vor 100 Jahren endete 1918 der Erste Weltkrieg, der 17 Millionen Menschen, Soldaten wie Zivilisten, das Leben kostete. Millionen Menschen wurden verwundet, vergewaltigt, traumatisiert. Die Schlacht an der Somme und Verdun wurden zum Synonym für die grauenhaften Schrecken des Krieges.

In diesem Jahr ist aber noch ein anderes historisches Ereignis erinnerungswürdig, in zweierlei Hinsicht: Genau vor 400 Jahren, nämlich 1618, wurde durch den „Prager Fenstersturz“ in Böhmen ein Konflikt ausgelöst, ein zunächst abseitiger Religionskrieg, der sich aber rasch zu einem „Teutschen Krieg“ auflud, um schließlich als ein Inferno zu enden, das ganz Mitteleuropa in Mitleidenschaft zog. Ganze Landstriche verödeten angesichts des furchtbaren Ausmaßes der Gewalt und der Verwüstungen. In diesem Krieg waren höchst unterschiedliche Interessen im Spiel, war die Gemengelage so unübersichtlich, dass er sich immer wieder neu erfand und irgendwann außer Kontrolle geriet. Schon die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts haben die einzelnen Phasen und Konstellationen dieses Konflikts als einen einzigen gesehen - eben als den Dreißigjährigen Krieg.

Beendet wurden die Kampfhandlungen und das skrupellose Morden von Bauern und Bürgern durch die Soldateska am 24. Oktober 1648 durch den Westfälischen Frieden von Münster - also vor genau 370 Jahren. Der ausgehandelte Friedensvertrag bestand aus zwei Teilverträgen. Einen Tag nach der Unterzeichnung wurde der Friede unter Kanonendonner und Glockengeläut feierlich verkündet.
Die Präambel lautet: „Pax sit Christiana, universalis, perpetua“ - der Friede sei christlich, allgemein und immerwährend. Dann heißt es: Die Parteien „gewähren einander immerwährendes Vergessen und Amnestie all dessen, was seit Beginn der Kriegshandlungen … hüben wie drüben in feindlicher Absicht begangen worden ist.“ Von Münster und Osnabrück aus trugen Friedensreiter die frohe Botschaft in alle Himmelsrichtungen. Diejenigen, die das Glück hatten, jene drei Jahrzehnte währende Gewaltorgie überlebt zu haben, konnten nun auf bessere Zeiten hoffen.

Das Jahr 2018 ist das „Europäische Kulturerbejahr“. In vielen Projekten haben sich Schülerinnen und Schüler, aber auch Heimatvereine hier bei uns in Westfalen und darüber hinaus mit verschiedenen Themen der europäischen Geschichte befasst und das gemeinsame, nicht immer friedvolle Erbe herausgestellt. Gerade die junge Generation hat ein Recht auf ein Leben in Frieden in einem geeinten Europa.

Doch die Zeiten sind überaus fragil, im Großen wie im Kleinen. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika tritt auf wie ein wild gewordener Tyrann, er verwechselt schlicht Politik mit seinem bisherigen Geschäftsgebaren in der Wirtschaft. In Nordkorea herrscht ein Mann, dessen wahre Ziele nur zu erahnen sind – es sind mit einiger Sicherheit keine friedlichen Ziele. In vielen Ländern der Erde gehen militärische Auseinandersetzungen ungebremst weiter. Man denke nur an Syrien, wo mittlerweile mehrere Staaten mitmischen und es an jedem Tag weitere Opfer eines irrsinnigen Bürgerkrieges zu beklagen gibt. Die Türkei ist verwickelt, der Iran, Russland und die USA sind involviert – und sicherlich weitere Staaten, von denen „offiziell“ nichts bekannt ist.
Die schmutzigen Stellvertreterkriege im Nahen und Mittleren Osten, in denen von selbst ernannten „warlords“ kommandierte Kämpfer ihre Waffen vor allem auf die schutzlose Zivilbevölkerung richten, weisen in ihrer Grausamkeit bestürzende Parallelen zu den Verläufen des Dreißigjährigen Krieges auf. Der Historiker fragt sich entsetzt und erschrocken: „Kann die Menschheit nicht aus der Geschichte lernen – oder will sie nicht aus der Geschichte lernen“?

Religiöser Fanatismus ist immer noch oder immer wieder - ob christlich wie damals im Dreißigjährigen Krieg, oder islamisch wie heute -  Urgrund von Mord und Gewalt.
In Europa sieht die Sache nicht viel besser aus: Der Brexit bringt Unsicherheit und kratzt gefährlich am europäischen Haus. Ob der Austritt der Briten aus der EU eine weise Entscheidung war, mögen spätere Historikergenerationen entscheiden. Gerade die jungen Leute mit ihren Hoffnungen und Visionen werden unter diesem Austritt zu leiden haben.
Bei uns macht sich zweifelsohne ein Rechtsruck breit, der einem schon Angst machen kann. Quer durch die Gesellschaft machen unselige Parolen und geistige Verirrungen die Runde in einer Form, die dafür sorgen, dass sich die Väter eines geeinten Europas im Grabe herumdrehen müssen.

Europa steht am Wendepunkt. Sollten sich die mancherorts aufwallenden nationalistischen Strömungen ausweiten, sollten Rattenfänger mit kruden Ideen und gefährlichen Utopien immer mehr Zeitgenossen infizieren, dann ist tatsächlich die Gefahr groß, dass der Frieden in Gefahr ist - auch bei uns in Europa!

Am Volkstrauertag gibt es deshalb nur eine klare Botschaft

Wehret den Anfängen! Wer Feuer legt am europäische Haus, ist ein Brandstifter und riskiert einen Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten. Da ist höchste Wachsamkeit gefragt und vonnöten.
Je länger der letzte Krieg in Mitteleuropa zurückliegt, desto wichtiger wird das Gedenken und das Erinnern an die Toten und Verwundeten, an menschliches Leid und Trauer. Gedenken ist Erinnerung und Erinnerung schützt uns davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen oder die Menschen zu vergessen, die zu Opfern wurden, sei es an der Front, in Lagern, auf der Flucht oder anderswo. Und das Gedenken ist und bleibt immer auch eine stille Verneigung vor den Toten vergangener Tage.

Der Erhalt des Friedens ist schlicht und ergreifend die zentrale Aufgabe für die Zukunft - weltweit. Günter Kunert brachte dieses wichtigste Anliegen der Menschheit kurz und bündig, zugleich provokativ, in Gedichtform zum Ausdruck:

„Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervorgezogen wurde, schüttelte er sich und sagte: Nie wieder! Jedenfalls nicht gleich.“
Glück Auf!

Fotos © Jürgen Thoms
Beitrag aktualisiert: 20.11.18 08:17:13

Autor:

Jürgen Thoms aus Unna

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