Hartz-IV-Spirale

Es ist ihr größter Wunsch: Anita Liebes möchte wieder arbeiten. Am liebsten als Altenpflegerin, alternativ in der Gastronomie oder Hauswirtschaft. Aber bei der Suche ist die 43-Jährige ziemlich auf sich allein gestellt.
Die Mutter von vier Kindern hat seit Jahren Angststörungen, sie kann weder Aufzug fahren noch den öffentlichen Personennahverkehr nutzen. Für das Jobcenter ME-Aktiv, das zuständig für die berufliche Re-Integration ist, sind dies Ausschlussgründe. „Bevor wir in eine Ausbildung oder Qualifizierung investieren, muss eine andere psychologische Prognose vorliegen“, so der stellvertretende Geschäftsführer des Jobcenters Uwe Weinand.
Auf der einen Seite erscheint es sinnvoll, dass mit dem Einsatz von Steuergeldern sorgfältig umgegangen wird, aber Liebes fühlt sich diskriminiert und allein gelassen. „Es kann doch nicht sein, dass man Monat für Monat meinen Lebensunterhalt bezahlt, aber auf der anderen Seite nicht bereit ist, mir eine berufliche Perspektive zu bieten“, sagt die Velberterin, die in der Vergangenheit schon unterschiedlichste Jobs hatte.
Und weiter: „Das Jobcenter hat ein psychologisches Gutachten in Auftrag gegeben, darin wird nicht generell von einer Umschulung abgeraten“, sagt die Velberterin. Tatsächlich wird in diesem Gutachten dazu geraten, „dass sie die Gelegenheit erhält, in einem längeren, das heißt mehrmonatigem Praktikum Erfahrungen in originären Pflegetätigkeiten zu sammeln...“
Der stellvertretende Jobcenter-Geschäftsführer aber zweifelt an der Vermittelbarkeit von Anita Liebes. „Die Arbeitgeber fordern 100 Prozent Einsatzbereitschaft“, so Weinand. Selbst im Einzelhandel stünden flexible Arbeitszeiten bis spät in den Abend auf der Tagesordnung - eine hohe Belastung auch für psychisch gesunde Menschen.
Liebes setzt diesem Argument entgegen, dass sie bis Januar in einer Maßnahme des Jobcenters zwei Jahre lang in Vollzeit für die Awo tätig war. „Da habe ich bewiesen, dass ich belastbar bin“, sagt die 43-Jährige. Sie hat bereits Therapien gemacht, die nach eigener Aussage ihre Angststörungen gelindert, aber nicht geheilt haben.

„Da habe ich bewiesen, dass ich belastbar bin“

„Der Umkreis, in dem Frau Liebes eine Arbeitsstelle angeboten werden kann, ist wegen ihrer geringen Mobilität sehr gering, etwa zwei bis drei Kilometer von ihrem Zuhause“, sagt Weinand. Denn öffentliche Verkehrsmitteln kann Liebes nicht nutzen. „Wenn ich Arbeit hätte, könnte ich mir wieder ein Auto leisten“, entgegnet die Velberterin, und wäre damit wieder flexibler.
Dazu kommt es aber wohl nur, wenn Liebes aus eigener Initiative einen Job findet. Eine Frage der Abwägung: Investieren in die Qualifizierung einer Frau, wenn man nicht sicher ist, ob sich dies rentiert? Oder lieber weiter den Lebensunterhalt bezahlen, im schlimmsten Fall noch mehr als 20 Jahre? „Das Jobcenter hat sich entschieden“, ist Liebes sicher.

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