"Alkohol? Weniger ist besser"

Hans-Jürgen Leipe und Annelie Schürmann sprechen offen über ihre Krankheit.
  • Hans-Jürgen Leipe und Annelie Schürmann sprechen offen über ihre Krankheit.
  • hochgeladen von Petra Pospiech

„Alkohol? Weniger ist besser“ - Annelie Schürmann und Hans-Jürgen Leipe wissen, wovon sie sprechen. Die Vorsitzenden des Kreuzbundes in Waltrop blicken auf jahrelange Alkohol-Suchterfahrungen zurück. Sie stehen dazu, stellen sich der Öffentlichkeit und sind seit über zehn Jahren „trocken“.
Vom 21. bis 29. Mai ruft der Kreuzbund zu der bundesweiten Aktion „Alkohol? Weniger ist besser“ auf. Am Samstag, 21. Mai, ab 10 Uhr beteiligt sich die Kreuzbundgruppe Waltrop in der Innenstadt am Kiepenkerl mit einem „Rauschparcours“ an der Aktion. Sie warnen und informieren über die Gefahren des Alkohols. „Aber keineswegs mit erhobenem Zeigefinger“, betont Annelie Schürmann.
Die 60-Jährige sagt: „Ich weiß, wie dünn der Faden zwischen Gewohnheit und Sucht ist. In unserer Gesellschaft gehört das Trinken ja fast zum Alltag. Man trinkt auf Feten und Feiern, man begießt Erfolge und ertränkt Niederlagen. So lange sich alles in Grenzen hält – gut und schön. Doch woher kennt der Einzelne seine Grenzen?“
Vor 20 Jahren schlich sich bei Annelie Schürmann das Trinken zuerst als Gewohnheit und dann als Sucht ein. „Ich fühlte mich damals überfordert. Ich arbeitete ganztags als Sekretärin, versorgte meinen Mann, kümmerte mich um meine Tochter und hatte ständig Sorge um meinen allein lebenden Vater“, berichtet die gebürtige Waltroperin. „Ich wollte allen gerecht werden und war abends einfach völlig erschöpft. Dagegen half am Abend ein Gläschen.“
Doch aus dem einen Glas wurden immer mehr, nicht nur am Abend. „Nach einiger Zeit konnte ich mich ohne ein gewisses Quantum Alkohol im Blut gar nicht mehr konzentrieren. Fehlte der Alkohol, fing ich nicht nur an zu zittern, ich klapperte regelrecht“, erinnert sich Annelie Schürmann.
Zehn Jahre dauerte das selbst geschaffene Martyrium, bis sich die damals 49-Jährige einem Arzt anvertraute und einer 16-wöchigen stationären Therapie in Bad Essen zustimmte. „Doch der Rückfall blieb nicht aus. Erst als ich mich vor zehn Jahren dem Kreuzbund anschloss, fand ich Hilfe und Unterstützung. Seither bin ich trocken.“
Seit vier Jahren engagiert sie sich in Waltrop als Gruppenleiterin gemeinsam mit ihrem Stellvertreter und Ehemann Hans-Jürgen Leipe. Auch er blickt auf eine „Trinker-Karriere“ zurück. „Getrunken habe ich schon als 15-Jähriger. Ich war damals sehr schüchtern und trank mir Mut an, um mit vermeintlichen Freunden mitzuhalten und mit Mädchen in Kontakt zu kommen“, erzählt der 55-Jährige. „Richtig schlimm wurde es während meiner Bundeswehrzeit. Da waren wir fast jeden Tag voll.“ Trotzdem schaffte er anschließend seinen Abschluss zum Betriebsschlosser und arbeitete jahrelang auf der Zeche. „Hier ging die Trinkerei weiter. Man musste ja ‚den Staub runterspülen‘. So lange ich irgendwie funktionierte, habe ich immer weiter getrunken. Bekam ich keinen Alkohol, habe ich randaliert“, erinnert sich der Dattelner mit Schrecken.
Zwei Ehen scheitern. „Richtig schlimm wurde es, als mich meine zweite Frau 1999 rausgeschmissen hat. Darüber hinaus stellte mir mein Arbeitgeber ein Ultimatum: ‚Entweder kannst du weiterarbeiten, dich aufhängen oder weitersaufen.‘ Da erst habe ich mich bewegt, habe mich zur Entgiftung ins Waltroper Krankenhaus und anschließend auf Empfehlung meines Hausarztes in die Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes begeben. Das war meine Rettung.“
Seither trifft er sich dort jede Woche mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Hans-Jürgen Leipe sagt: „Auch wenn die meisten wie ich über zehn Jahre trocken sind, wir alle wissen: Wir bleiben unser Leben lang Alkoholiker. Ich kann nur jedem raten: Fang gar nicht erst an oder hole dir rechtzeitig Hilfe, denn der Schritt von der Gewohnheit zur Sucht ist ganz, ganz klein!“

Der Kreuzbund, Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige, Gruppe St. Peter Waltrop, trifft sich jeden Donnerstag von 18.30 bis 21 Uhr im Haus der Begegnung, Bissenkamp 20. Gruppenleiterin ist Annelie Schürmann, Tel. 02363/71077.

Autor:

Petra Pospiech aus Recklinghausen

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