Keine kurzfristige Lösung in Sicht - Ennepetal auf der Suche nach Antworten
PCB-Nachbeben

Weitere Maßnahmen müssen in Ennepetal bezüglich des PCB-Skandals eingeleitet werden, Verzehrempfehlungen bleiben differenziert bestehen und Blutuntersuchungen wurden angekündigt. Zur Beruhigung tragen die neuerlichen Nachrichten nicht gerade bei.
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  • Weitere Maßnahmen müssen in Ennepetal bezüglich des PCB-Skandals eingeleitet werden, Verzehrempfehlungen bleiben differenziert bestehen und Blutuntersuchungen wurden angekündigt. Zur Beruhigung tragen die neuerlichen Nachrichten nicht gerade bei.
  • Foto: Fotomontage: Sikora (Fotos: Geobasis NRW/Pixabay/Facebook)
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Noch lange ist kein Ende in Sicht im PCB-Fall in Ennepetal. Im Gegenteil: Die Lage hat sich eher zugespitzt, und so kommt es aktuell zum Nachbeben in Folge der Veröffentlichung der Grünkohl-Ergebnisse am vergangenen Montag.

von Nina Sikora

Bürgermeisterin Imke Heymann zeigt sich betroffen: „Die jetzige Entwicklung ist mehr als unerfreulich und verstärkt die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger", teilte sie anlässlich der durch den Ennepe-Ruhr-Kreis vorgestellten Messergebnisse des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) hinsichtlich der PCB-Belastung in den Ortsteilen Oelkinghausen und Büttenberg mit.

Verunsicherung ist groß

Und die Verunsicherung ist nach der Pressekonferenz, bei der von möglichen Blutproben und der Krebs- bzw. Gesundheitsgefahr gesprochen wurde (die WAP berichtete), kaum verwunderlich. Die Reaktion folgte auf dem Fuße. Die Bürgerinitiative "PCB-Skandal Ennepetal" rief nur einen Tag später dazu auf, sich an ihrer online Petition zu beteiligen. In der gleichnamigen Facebookgruppe, in der sich besorgte Bürger austauschen, herrscht aktuell Hochbetrieb. Wo man selbst Bodenproben in Auftrag geben könne und auch über die Langzeitfolgen wird da zum Beispiel diskutiert.
Die WAP fragte nach, was genau die Betroffenen verunsichert und welche offenen Fragen aus ihrer Sicht zu klären sind.

Wo ist die Grenze?

"Was viele doch sehr beschäftigt ist, wie man auf die Grenzen kommt", fragt Gruppenmitglied Anni Nakielski und meint damit die Bereiche, in denen Messungen durch Boden- oder Grünkohlproben vorgenommen wurden. "Das sieht eher willkürlich aus", gibt sie zu bedenken und spielt dabei unter anderem auf den bewaldeten Bereich zwischen Büttenberg und Oelkinghausen an, der scheinbar ausgelassen wurde. "Wäre auch für mich wichtig, ich wohne dort! Der Kreis konnte mir dazu auch keine Antwort geben, allerdings seien weitere Messungen geplant", meldet sich Eberhard Brackelsberg zu Wort. Er hat sich anscheinend sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt und gibt außerdem zu bedenken: "Der bei den Bodenproben als Messpunkt 5 bezeichnete Probeentnahmeort, dieser ist gelegen am Waldrand, nahe der Rahlenbecker Brücke, oberhalb der Straße Am Knapp, nahe an der Straße Schwarzer Weg, wird bei den Grünkohlproben nicht berücksichtigt! Hier wurden jedoch bei den Bodenproben ähnlich hohe Werte gemessen wie am Messpunkt 11, gelegen an der Einmündung Ambrosius Brand Straße, und dies, obwohl der Messpunkt 5 erheblich weiter von der Firma BIW entfernt in Südwestrichtung liegt! Damit ist zu erwarten, dass der gesamte Bereich Zuckerberg, Timpen, Heilenbecker Tal, Scharpenberg ebenso belastet ist wie der Büttenberg!" Eine Vermutung, die auch weitere Gruppenmitglieder wie Sabine Meyer bestätigen: "Davon bin ich auch überzeugt, wenn die Belastung dort nicht sogar noch höher als am Büttenberg ausfällt."

Orange umrandet ist der neue Bereich mit differenzierten Verzehrempfehlungen, der deutlich vom alten Bereich (rote Umrandung) abweicht. Die Messungen sparen den bewaldeten Bereich komplett aus. Beides Umstände, die Fragen bei den Betroffenen aufwerfen.
  • Orange umrandet ist der neue Bereich mit differenzierten Verzehrempfehlungen, der deutlich vom alten Bereich (rote Umrandung) abweicht. Die Messungen sparen den bewaldeten Bereich komplett aus. Beides Umstände, die Fragen bei den Betroffenen aufwerfen.
  • Foto: Foto: UvK/Ennepe-Ruhr-Kreis Imke
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Werteverlust bei Grundstücken

Doch nicht nur die Bereiche der Messungen werfen Fragen bei den Betroffenen auf. Anni Nakielski gibt noch weitere Beispiele und fragt unter anderem: "Was ist eigentlich, wenn herauskommt, dass Bürger erkranken sollten? Dies würde natürlich erst auf längere Sicht passieren, aber was sollte man dann tun bzw. wer ist da verantwortlich? Wenn die Böden nun belastet sind, wer sorgt für die Abtragung und Entsorgung? Denn wenn ich einen großen Nutzgarten habe und ihn nicht mehr nutzen kann, ist dieser ja nicht mehr wirklich von Wert!" Und Sabine Trapmann fragt: "Wie gedenkt die Stadt mit der Berechnung der Grundsteuer umzugehen? Unsere Grundstücke haben einen Wertverlust."

Welche Bereiche noch betroffen sind, beschäftigt Userin Mechthild Mechthild.
  • Welche Bereiche noch betroffen sind, beschäftigt Userin Mechthild Mechthild.
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Keine konkreten Antworten

Auf diese und viele weitere Fragen gibt es aktuell, zumindest vom Kreis, keine konkreten Antworten. In der sogenannten FAQ-Liste, die die wichtigsten Fragen zum Thema PCB beantworten soll, ist mehrfach zu lesen: "Dies kann insgesamt erst nach Vorlage beweiskräftiger, abschließender Untersuchungsergebnisse zu Verursachern rechtlich geklärt werden." Das betrifft auch mehrere der in der Gruppe gestellten Fragen, die ähnlich in der Liste vorkommen, wie: "Wer leistet Schadensersatz, wenn PCB-Belastungen auf Grundstücken festgestellt werden?" oder "Wer leistet Schadensersatz für Ernteausfall und Entsorgung der Gartenernte?".

Neue Bürgerversammlung in Kürze

Auch wenn die Informationen, die in der Facebookgruppe ausgetauscht werden, nicht gesichert sind und auch vielleicht zum Teil spekulativ, so zeigen sie doch, wie sehr das Thema PCB die Menschen in Ennepetal und Umgebung beschäftigt. Vielleicht sind nicht alle Fakten echt, aber die Ängste sind es.
Als Angstversteher präsentiert sich die Partei Bündnis 90/Die Grünen Ennepetal: "Die Verängstigung vieler betroffener AnwohnerInnen ist nachvollziehbar. Niemand möchte im direkten Wohnumfeld derartigen Gefahren ausgesetzt sein." Und natürlich fordert man, wie die Linke Ennepetal, "den sofortigen Produktionsstopp bei der Firma BIW". Kooperativ zeigt sich unterdessen Ennepetals Bürgermeisterin: "Ich hoffe, dass nunmehr Maßnahmen getroffen werden, die die Werte der PCB-Belastung wieder deutlich verringern. Solange werde ich in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden alles mir Mögliche tun, um die Bevölkerung offen und ehrlich zu informieren und so weiterhin für Transparenz zu sorgen.“ Zeitgleich kündigt sie in Kürze eine neue Bürgerversammlung an.

Facebooknutzer Rainer Müller hat viele offene Fragen.
  • Facebooknutzer Rainer Müller hat viele offene Fragen.
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Verständnis- und Beruhigungsstrategie

Doch die allgemeine Verständnis- und Beruhigungsstrategie scheint schon länger keine Früchte mehr zu tragen. So lässt die Bürgerinitiative "PCB-Skandal Ennepetal" verlauten: "Laut der gestrigen Pressemitteilung des EN-Kreises gibt es keine akute Gefährdung der Bürgerinnen und Bürger. Diese häufig genutzte Formulierung soll zur Beruhigung beitragen, trifft aber nicht den Punkt: PCB wirkt nicht akut, sondern langfristig und dann chronisch!"

Nicole Bohl teilt auf facebook ihre Sorgen.
  • Nicole Bohl teilt auf facebook ihre Sorgen.
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Kreisverwaltung erzürnt

Viele äußern sich im Umfeld des PCB-Skandals, nur der mutmaßliche Verursacher, das Ennepetaler Unternehmen biw, übt sich in Schweigen und hat damit nun auch den Zorn der Kreisverwaltung auf sich gezogen. Zusagen würden nicht eingehalten, Anfragen müssten immer wieder wiederholt gestellt werden und Besprechungstermine würden kurzfristig abgesagt - diese Punkte beklagt die Kreisverwaltung öffentlich. Und fordert: "Im Interesse der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger könnte und müsste schneller und einfacher zusammengearbeitet werden."
Der Sündenbock scheint gefunden. Wer ihn schnell von der Weide führt, ist indes noch völlig unklar und lässt viel Raum für Gedankenspiele.

Autor:

Nina Sikora aus wap

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