Zum 125. Geburtstag des Schriftstellers Hermann Kasack am 24. Juli
Aus dem Reich der Schwärze

Er war Romancier, Lyriker, Hörspielautor, Dra­matiker, Lektor, Verlagsleiter und Rundfunkpio­nier in einer Person und hat die deutsche Nach­kriegsliteratur maßgeblich geprägt. Trotzdem ist sein Name nahezu in Vergessenheit geraten. Die Rede ist von Hermann Kasack.

»Die Verwandlung war das Gesetz. Freude in Schmerz und Schmerz in Freude. Tod verwandelte sich in Leben und Leben in Tod.« So lautet einer der zentralen Sätze in Hermann Kasacks 1947 erschienenen Roman »Die Stadt hinter dem Strom«. Das bereits während des Zwei­ten Weltkriegs begonne­ne Erzählwerk, für das der Autor 1949 mit dem Fontane-Preis und 1956 mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet wurde, präsentiert ein ganz düs­teres Bild einer Gesell­schaft der Toten. In kaf­kaesker Manier schuf Ka­sack (unter dem Eindruck totaler Zerstörung) ein mythisches Höllengemäl­de um den Protagonisten Robert Lindhoff, der von der Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz überzeugt ist.
»Ich sah die Flächen einer gespenstischen Ruinenstadt, die sich ins Unendliche verlor und in der sich die Men­schen wie Scharen von gefangenen Puppen bewegten.«, notierte Kasack über seinen eigenen Ro­man, eines der künstlerisch eindrucksvollsten Werke der sogenannten Trümmerliteratur.
Die Absurdität menschlichen Handelns stellt Kasack symbolisch durch eine große Fabrik dar. Dort existieren Anlagen, in denen minutiös Kunststeine produziert wer­den. In unmittelbarer Nachbarschaft werden die fertigen Steine zu Schutt zermahlen und später wieder als »Roh­stoff« der Produktion zugeführt. Kasacks Werke sind ganz stark geprägt vom eigenen Erleben, von großem menschlichem Leid und barbarischer Zerstörung. In sei­nem Gedicht »Weg des Lebens« heißt es:
»Brenn ich auch niederer als eine Kerze,/ Vom Schicksal in die Einsamkeit gestellt:/ So hab ich doch das Reich der Schwärze / Flüchtig an seinem Rand erhellt. »In die­sen Versen wohnt – mitten in der Zerstörung der Zeit – Leben und Glück«, attestierte der Lyriker Günter Eich.
Auch in seinen späteren Werken hat sich Kasack als scharfsinniger Analytiker erwiesen. Im »Webstuhl« (1949) zeichnet er den Aufstieg und Untergang eines to­talitären Regimes nach, und drei Jahre später nahm er in »Das große Netz« auf satirische Weise den sich eta­blierenden bürokratischen Staatsapparat aufs Korn. Die­ser kritisch-pessimistische Grundtenor passte nicht in die »Wohlstandsphilosophie« der Adenauer-Ära, sodass Kasack außerhalb des Literaturbetriebs mit seinen Wer­ken kaum Freunde gewinnen konnte.
Der Literatur hatte sich der heute vor 125 Jahren in Potsdam als Sohn eines Arztes geborene Hermann Ka­sack schon früh gewidmet. Wegen eines Herzfehlers war er im Herbst 1914 aus der Armee entlassen worden und konnte sich seinem Studium widmen. 1917 lernte er Gottfried Benn kennen, ein Jahr später erschien sein erstes Buch »Der Mensch«. Als 24-Jähriger trat Kasack ins Lektorat des Kiepenheuer Verlags ein und gab dort später die gesammelten Werke von Hölderlin heraus. Er wechselte in gleicher Funktion zu Fischer und wurde während des Zweiten Weltkriegs als Nachfolger seines verstorbenen Freundes Oskar Loerkes Cheflektor bei Suhrkamp.
Kasack machte sich auch einen Namen als Rundfunkpio­nier bei der »Funk-Stunde« und war dort für mehr als 100 Radiosendungen verantwortlich. Während der NS-Zeit wählte Kasack den Weg in die »Innere Emi­gration«. 1933 war sein sozialkritisches Hörspiel »Der Ruf« von den Nazis verfälscht und mit Ausschnitten ei­ner Hitlerrede ausgestrahlt worden. Er protestierte scharf dagegen und fortan wurde ihm jegliche Tätigkeit beim staatlichen Rundfunk untersagt. Es erschien aus seiner Feder lediglich 1944 in der ›Neuen Rundschau‹ die 1996 noch einmal neu aufgelegte, schmale Erzählung ›Das Birkenwäldchen‹, die er seinem inhaftierten Ver­lags-Chef Peter Suhrkamp gewidmet hatte.
1948 war Kasack einer der Mitbegründer des Deutschen PEN-Zentrums und stand später zehn Jahre lang als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vor. Auch in dieser Zeit erwarb er sich noch große Verdienste als Vermittler von Literatur. Zwei von ihm zusammengestellte Gedichteditionen be­wahrten das Werk der jüdischen Lyrikerin Gertrud Kol­mar vor der völligen Vergessenheit. Kasacks zweiter und letzter Roman ›Das große Netz‹ (1952), der von der Kri­tik zwiespältig aufgenommen wurde, bot eine gewagte Mischung aus Dystopie und Satire. »Dichten ist ein Brü­ckenschlagen von dem, der schreibt, zu dem, der liest«, hatte Kasack sein künstlerisches Credo beschrieben.
1955 wurde sein bedeutender Roman »Die Stadt hinter dem Strom« auch als dreiaktige Oper in Wiesbaden ur­aufgeführt. Die Musik komponierte Hans Vogt, das Li­bretto schrieb Hermann Kasack selbst.
Der scharfsinnige Dichter und leidenschaftliche Förderer Hermann Kasack, der in seinen letzten Lebensjahren fast völlig erblindet war, starb am 10. Januar 1966 in Stuttgart als Einzelgänger, der im Nachkriegsliteraturbe­trieb keine geistige Heimat gefunden hatte. Eine Passa­ge aus seinem Meisterwerk ›Die Stadt hinter dem Strom‹ liest sich so, als habe Kasack sich selbst in der Figur des Protagonisten Robert porträtiert: »Als sich die Witwe erkundigte, ob es stimme, daß man auf der nächsten Station umsteigen müsse, sagte Robert, er habe den Eindruck, daß alle in falscher Richtung führen.«
Es ist an der Zeit, einen unterschätzten, fast vergesse­nen, aber bedeutenden Autor der frühen Nachkriegszeit (wieder) zu entdecken.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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