Buch der Woche: Zwei Männer auf der Suche nach der Zeit

Martin Suter: Die Zeit, die Zeit. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 296 Seiten, 21,90 Euro

„Es ist eine fast schon einmalige Erfolgsgeschichte, die sich um den 64-jährigen Martin Suter rankt. Von seinem Erstling „Small World“ (1997), dessen Verfilmung im letzten Jahr in den Kinos zu sehen war, und seinen Krimis um den ebenso skurrilen wie versnobten Ermittler Allmen reihte sich ein „Renner“ an den anderen.

Suter, der einstige Leiter einer erfolgreichen Werbeagentur und polemische Zeitungskolumnist, der erst mit Ende vierzig sein Debütwerk vorlegte, hat sich in seinen zu Bestsellern gewordenen Romanen bisher darauf spezialisiert, spannende Storys zu erzählen und den Leser in fremde Lebenswelten zu entführen - egal, ob es um Drogenexzesse, Molekularküche mit aphrodisierender Wirkung oder um die spleenige Kunstszene geht.
Der einleitende Satz im neuen Roman des abwechselnd in der Schweiz, auf Ibiza und in Guatemala lebenden Autors hat leitmotivischen Charakter: „Etwas war anders.“ Und das in doppelter Bedeutung. Dies betrifft nicht nur die Wahrnehmung des Protagonisten Peter Taler, sondern auch das Strickmuster von Suters Roman. Diesmal setzt er nicht primär auf eine flüssig erzählte, spannende „Geschichte“. Es geht erheblich kopflastiger zu, Gedankenspiele und nicht etwa arrangierte Effekte stehen im Vordergrund.
Der Buchhalter Peter Taler beobachtet mit Argusaugen seine Nachbarschaft. Gärten, Hauseingänge, jedes Detail nimmt er geradezu besessen unter die Lupe. Auslöser dieses sonderbaren Verhaltens war der Tod seiner Frau Laura, die vor genau einem Jahr vor der Haustür erschossen worden ist. Es gibt weder verwertbare Spuren noch brauchbare Zeugenaussagen. Die Ermittler treten auf der Stelle, sehr zum Leidwesen von Taler, der von Rachegelüsten angetrieben, selbst die Initiative ergreift und darüber mehr und mehr seinen Job vernachlässigt.
Der Verlust eines geliebten Menschen, der zu völlig irrationalem und ausschließlich emotional gesteuertem Handeln führen kann, diese tiefe Trauer, die sich leicht in eine Mischung aus Zorn und Bitternis verwandelt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.
Der pensionierte Lehrer Knupp, der vor zwanzig Jahren seine Frau verloren hat und seitdem wie ein Eremit in der Siedlung lebt und von Taler aus seiner Wohnung heraus pedantisch beobachtet wird, kämpft auch mit diesem Verlustschmerz. Irgendwann treffen die beiden Protagonisten in Knupps Wohnung zusammen, und sie begeben sich auf eine philosophisch untermalte Gedankenreise, in deren Verlauf der betagte Ex-Lehrer bedeutungsschwer erklärt, dass er nicht an der „Abschaffung“, sondern an der „Überlistung“ der Zeit arbeite.Dahinter verbirgt sich dessen wahnhafte Idee, einen Tag exakt rekonstruieren zu wollen, um damit dem Beweis näher zu kommen, dass Zeit eine Fiktion sei und nur durch Veränderungen vorgetäuscht werde.Zwei Eigenbrötler auf der Suche nach der Zeit.
Das ist also einmal ein ganz anderes Suter-Kaliber als bisher. Möglicherweise war sogar der Tod seines dreijährigen Adoptivsohnes Toni im Jahr 2009 der entscheidende Impuls für diesen Roman, dessen etwas überraschendes Ende hier nicht vorweg genommen werden soll . „Seit wann wurde er von Krupp beobachtet? Erst, seit dieser bemerkt hatte, dass Taler ihn observierte? Oder schon länger?“ Das erinnert ein klein wenig an Friedrich Dürrenmatts schmale Novelle „Der Auftrag“, die den rätselhaft klingenden Untertitel „Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ trägt und wie dieses Buch mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.
Aber gerade darin besteht der Reiz dieses eigentlich tieftraurigen, aber dennoch versöhnlichen Romans um zwei liebenswerte, trauernde Witwer, denen man am Ende am liebsten den seichten 1970er Jahre-Song von Barry Ryan mit dem Titel „Zeit macht nur vor dem Teufel halt“ ans Herz legen möchte.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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