Buchtipp der Woche: Beeindruckendes Debütwerk

Nina Bußmann: Große Ferien. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 200 Seiten, 18,90 Euro

„Es war zu leicht, falsch verstanden zu werden, es war unmöglich, richtig verstanden zu werden,“ klagt die Hauptfigur in Nina Bußmanns Romanerstling „Große Ferien“. Die 32-jährige Autorin, die im letzten Jahr für einen Auszug aus ihrem Debütwerk mit dem 3-SAT-Preis ausgezeichnet worden war, hat einen gescheiterten Lehrer in den Mittelpunkt der Handlung gerückt.

Der Protagonist Schramm, ein vornamenloser, introvertierter Eigenbrötler befindet sich in besonders „großen Ferien“. Er hat nämlich nach 30 Jahren seinen Dienst quittiert und eine Rückkehr-Offerte seiner Schulleiterin abgelehnt. „Etwas ist vorgefallen“, heißt es lapidar über das einschneidende Ereignis, dem wir uns an der Seite von Autorin Nina Bußmann (Foto oben) in großen Kreisbewegungen retrospektiv nähern. Die Autorin verzichtet ganz bewusst auf eine Handlung im konventionellen Sinn und lässt uns stattdessen an Erinnerungsfetzen, an Spekulationen, Mutmaßungen und vagen Andeutungen teilhaben, die der Hauptfigur binnen eines Tages den Kopf zermartern.
Schramm beginnt bei hochsommerlicher Hitze im Vorgarten seines Hauses mit systematischer Unkrautbekämpfung. Geradezu pedantisch geht er vor und gräbt sogar die Wurzeln aus. Eine wirklich gelungene Metapher für seinen Ordnungswahn und den gescheiterten Versuch, sich an den eigenen biografischen Wurzeln abzuarbeiten.
Nach und nach erfahren wir, dass Schramms tödlich verunglückter Vater ein autoritärer Tyrann war, und dass der jüngere Bruder Viktor früh dem kleinbürgerlichen Mief des Elternhauses den Rücken gekehrt und viele Jahre als Arzt in Lateinamerika gelebt hat.
Anders als Viktor ist der Protagonist eben immer im Dunstkreis der Eltern geblieben, hat sich mehr und mehr abgeschottet und ein tief trauriges Eremitendasein geführt. „Keine Frau, kein Kind, nicht einmal ein Hund“, heißt es in einer treffenden Selbstcharakterisierung. Der Naturwissenschaftler Schramm hat stets alle Probleme intellektuell lösen wollen, eine emotionale Ebene scheint in seinem Leben nicht zu existieren.
Irgendwann taucht dann der Schüler Artur Waidschmidt auf, der mit seiner Mutter aus Kirgisien nach Deutschland gekommen ist. Der 14-jährige ist forsch, intelligent und wie Schramm gefangen in einer Außenseiterrolle - das scheint zunächst zu verbinden. Die beiden treffen sich häufig, doch auch in dieser unkonventionellen Beziehung scheint Schramm mental wieder der Schwächere zu sein, denn der Teenager verkündet ihm selbstbewusst: „Ich trainiere meinen Willen wie einen Muskel.“
Und wenn sich Schramm auf der letzten Seite des Buches entspannt in den gerade bearbeiteten Garten legt („nur einen Moment, dachte er, einen Moment an der Erde liegen.“), wissen wir immer noch nicht, was es mit der Handgreiflichkeit gegen Artur auf sich hatte und ob die von Autorin Nina Bußmann gezielt eingesetzten homoerotischen Motive nur ein Bluff sind und sie damit lediglich die grassierenden Vorurteile gegen Schramm unterfüttern wollte.
„Große Ferien“ ist ein spannendes literarisches Debüt abseits des stromlinienförmigen Mainstreams. Ein Buch für Querdenker, mit reichlich Ecken und Kanten. Es besticht nicht nur durch seine formale Experimentierfreude, sondern auch durch eine klare, abgeklärte, völlig schnörkellose Sprache. Ja, es ist tatsächlich ein Erstling - ansonsten wäre man durchaus geneigt, der Autorin zu attestieren, dass ihr Umgang mit der Sprache von großer Routine und Souveränität zeuge.
Und wie reizvoll ist es überdies, wenn uns eine junge talentierte Schriftstellerin nach der Lektüre mit einem Haufen Fragen und mit einem rauchenden Kopf zurücklässt. „So wie die Geschichte und in der Geschichte er gesehen wurde, wusste er jedenfalls, war es nicht gewesen.“

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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