BUCHTIPP DER WOCHE: Irrungen und Wirrungen

„Ich bin katholisch groß geworden, hab mit 17, 18 angefangen, mich für Schamanismus und vor allem auch für Zen zu interessieren. ich bin im Grunde weiterhin auf der Suche. Das Schreiben von Texten ist zum Teil Ergebnis dieser Suchprozesse“, erklärte Christoph Peters kürzlich in einem Interview. Der 46-jährige Autor vom Niederrhein präsentiert uns in seinem nun vorliegenden fünften Roman einen Protagonisten, der ebenfalls streng katholisch aufwuchs und in den Wirren der Pubertät diverse Suchprozesse durchlief.

Die 15-jährige Hauptfigur Carl Pacher besucht das katholische Jungen-Internat Collegium Gregorianum Kahlenbeck am Niederrhein, das dem Collegium Augustianum Gaesdonck, das Autor Peters einst besuchte, nicht unähnlich ist. Trotz der augenfälligen Parallelen zu Peters‘ Vita sollte man diesen Roman keineswegs als autobiografische Erinnerungsprosa lesen.
Disziplin, Enthaltsamkeit, Strenge und priesterlicher Lateinunterricht prägen den Internatsalltag. Carl Pacher ist innerlich zerrissen und stellt sich die beinahe existenziell anmutenden Fragen, ob er wirklich so gläubig ist, wie er nach außen vorgibt und warum er so oft an Mädchen denken muss.
Hauptbezugspersonen für Peters‘ Hauptfigur sind die Mitschüler Holzkamp und Kuffel, das vier Jahre ältere, leicht einfältige Küchenmädchen Ulla, das für die TV-Serie „Dallas“ schwärmt, und Präses Roghmann, für den Frauen „eine der gefährlichsten Fallen des Teufels“ sind.

Selbstquälerisch

Ganz schlimm wird es für Carl, als sich eine sexuelle Beziehung mit Ulla entwickelt und in seinem Innern einen heftigen Kampf zwischen Körper und Geist entfacht. Es kommen tatsächlich Gedanken an „teuflische Fallen“ und anderer diabolischer Unsinn auf. Christoph Peters beschreibt den Pubertierenden als selbstquälerischen Gratwanderer zwischen Tradition und Moderne, zwischen Anpassung und Rebellion, zwischen kasernenartigem Internatsalltag und der unausgesprochenen Sehnsucht nach dem Leben draußen.
Die schonungslosen Selbstbefragungen, die ellenlangen Monologe und die theologisch-philosophisch motivierten Streitgespräche mit dem Radikalkatholiken Kuffel, der unbedingt Priester werden will, sind zwar reizvoll und tiefgründig, wirken aber in ihrer Komplexität und Strukturierung unangemessen für 15-jährige Heranwachsende.
Für ein wenig Abwechslung im ansonsten freudlosen Leben der Internatsschüler sorgen die Ausbrüche zu den Imbissbuden oder die weltliche Stimme von Genesis-Frontmann Phil Collins. Darüber hinaus verbringt Carl, der eine starke Affinität zur Biologie offenbart, eine Menge Zeit mit seinem Aquarium, das er sich zu Forschungszwecken auf seinem Zimmer halten darf.
Christoph Peters betreibt in seinem Roman keinerlei Abrechnung - weder mit der strengen katholischen Internatserziehung noch mit seiner provinziellen Herkunft. Für ihn stehen die Irrungen und Wirrungen der pubertierenden Figuren im Mittelpunkt. Er beschreibt liebevoll und unpathetisch eine ganz fern anmutende „Welt“ und befreit sie erzählend von der historischen Patina. „Erleichterung“ lautet das letzte Wort des Romans, die Bilanz des jungen Carl Pacher. Wenn man „Wir in Kahlenbeck“ - egal mit welchen Gefühlen - zur Seite legt, hat dieser opulente Roman eines auf jeden Fall bewirkt: Er hat Lust geweckt, den großen Internats- und Entwicklungsroman „Jakob von Gunten“ von Robert Walser aus dem frühen 20. Jahrhundert noch einmal zu lesen.

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck. Roman. Luchterhand Verlag, München 2012, 507 Seiten, 22,99 Euro

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