Die Erlösung des Planeten


Zum 85. Geburtstag des Georg-Büchner-Preisträgers Reiner Kunze am 16. August*

„Die Erlösung des Planeten von der Menschheit / ist der Menschheit mitgegeben / in den Genen“, heißt es in Reiner Kunzes neuem Band mit Gedichten und Prosaminiaturen. Ungewohnt offen nimmt Kunze darin Stellung zur politischen Lage in Osteuropa. Viele Verse kreisen um das Thema Alter und Vergänglichkeit.

„Selbst wenn ich keine Leser hätte, würde ich schreiben. Es ist meine Art zu leben - manchmal auch zu überleben“, hatte Reiner Kunze vor fünfzehn Jahren in einem Interview erklärt. Ein Leben für und mit der Literatur - aber eines ohne das laute verbale Geklapper, zurückgezogen und beinahe eremitenhaft, ohne die heute beinahe schon obligatorische Präsenz in den Medien.
„Jeder wird nur das tun, was ihm Spaß macht. Wozu sich also Fertigkeiten aneignen und Reflexe einhämmern, die man später niemals brauchen wird?“, heißt in einem kurzen Prosastück des 1976 zunächst nur in der Bundesrepublik erschienenen Bandes „Die wunderbaren Jahre“. Die SED-Zensoren witterten subversives Gedankengut in diesen Texten, die als Schwarzdrucke auch in der DDR kursierten, und verschärften die Hetzjagd auf den Erfolgslyriker, der mit seinen Bänden „Sensible Wege“ (1969) und „Zimmerlautstärke“ (1972) beachtliche Auflagezahlen erreicht hatte.
Es war die Zeit der Biermann-Ausbürgerung, als ein hoher Kulturfunktionär des SED-Staates gegenüber Reiner Kunze in einem Vier-Augen-Gespräch einen „Unfall auf der Autobahn“ nicht mehr ausschließen wollte. Sein Parteibuch hatte der Schriftsteller bereits nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings zurück gegeben, aus dem Schriftstellerverband war er ausgeschlossen - es blieb ihm am 13. April 1977 nur die Ausreise in den Westen.
Im Gegensatz zu vielen Schicksalsgefährten kannte Reiner Kunze nach der Übersiedlung in die ihm lange fremd gebliebene westliche Welt keine materielle Not. Noch im gleichen Jahr erhielt er den Georg-Büchner-Preis, Universitäten lockten mit Gastdozenturen, und seine Frau arbeitete im Westen wieder als Ärztin.
Doch der Poet Kunze eckte auch in der Bundesrepublik immer wieder an. Er ließ sich nicht als sozialismusverteufelnder Dissident missbrauchen, sprach trotz aller Schikanen niemals mit Hass oder Verachtung über seine Jahre in der DDR, kritisierte Günter Grass und Heinrich Böll für ihr Arrangement mit den Regierenden Osteuropas, und in seinen Gedichtbänden „Auf eigene Hoffnung“ (1981) und „Eines jeden einzigen Lebens“ (1986) klangen latent kritische Töne über den „freiheitlichen“ Westen an.
Reiner Kunze, der heute* vor 85 Jahren als Sohn eines Bergarbeiters in Oelsnitz im Erzgebirge geboren wurde und durch den Besuch einer Aufbauklasse für Arbeiterkinder zum Abitur gelangte, begann schon in jungen Jahren Gedichte zu schreiben. Seine große Passion, der er bis heute frönt - allen Jugendbüchern und Übersetzungen zum Trotz. Kunzes Verhältnis zur Poesie ist am eindrucksvollsten im Essayband „Das weiße Gedicht“ (1989) nachzulesen. Die Lyrik dient als Spiegel der Lebenserfahrung: der Alltag, die Natur, die Liebe, Ängste, Träume, Hoffnungen oder Reiseimpressionen - wiederkehrende Sujets in seinen Versen.
Reiner Kunze, der uns mit dem Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ die poetischste Auseinandersetzung mit dem schikanösen Alltag der DDR vorlegte, wirkt im heutigen, schnelllebigen Literaturbetrieb beinahe schon wie ein Fossil aus vergangener Zeit - ein kluger Dichter, der sich nur dann zu Wort meldet, wenn er auch etwas Substanzielles zu sagen hat. Für „herausragende Leistungen“ dekorierte ihn der Freistaat Bayern mit seiner höchsten Auszeichnung - den Maximiliansorden. In seiner Laudatio rühmte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber Kunze als einen „der bedeutendsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit.“ Kein Veto!

Reiner Kunze: Die Stunde mit dir selbst. S. Fischer Verlag, Frankfurt,72 Seiten, 18 Euro.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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