Die Leere spüren

 

Peter Härtlings posthum erschienener Roman „Der Gedankenspieler“

"Er schloss die Augen, hörte in sich hinein und spürte die Leere wieder, die Gleichgültigkeit. So könnte ich anfangen zu sterben, sagte er und fügte hinzu: Ich bin müde." Diese durchaus autobiografisch anmutenden Sätze hat Peter Härtling Johannes Wenger in den Mund gelegt - Hauptfigur in seinem letzten Roman „Der Gedankenspieler“, den Härtling kurz vor seinem Tod im Juli 2017 abgeschlossen hat.

Der alleinstehende Wenger hat viele Jahre als Architekt gearbeitet, schreibt hin und wieder noch Beiträge für Fachzeitungen, fristet ansonsten aber ein trauriges Dasein. Das Leben hat ihm übel mitgespielt. Er ist gestürzt, auf den Rollstuhl angewiesen und hat seine Selbständigkeit verloren.
Peter Härtling weiß, wovon er schreibt: Zwei Herzinfarkte, vier Stents, ein Schlaganfall, Diabetes und fast zwei Jahre lang dreimal pro Woche Dialyse hat er hinter sich bringen müssen.. Das klingt wie ein medizinischer Horrorfilm. Schon 1990 hat Härtling uns in seinem vorzüglichen autobiografischen Roman „Herzwand“ von seinen ersten gravierenden gesundheitlichen Problemen berichtet, wie er auf dem Operationstisch eines Münchener Krankenhauses liegt und auf einem Monitor mit ansieht, wie sich eine Sonde seinem Herzen nähert und an seine "Herzwand" pocht. Die Literatur war für Härtling offensichtlich das wirksamste Medikament in einem fortwährenden Kampf gegen den körperlichen Verfall, dem er sich mit großer Energie über mehrere Jahrzehnte entgegen stemmte.

Jeder Tag eine Demütigung
Seine Hauptfigur wird ob der ständig wachsenden Abhängigkeit vom Pflegepersonal immer griesgrämiger. Die zunehmende Verzweiflung lässt ihn immer häufiger zum Alkohol greifen. Härtling gewährt tiefe Einblicke in seine Krankengeschichte. Der Verlust der Selbständigkeit, der Alltag, der durch die Pflegekräfte getaktet wird, und das Gefühl der Entehrung kratzt am Selbstwertgefühl: Jeder Tag präsentiert eine neue Form der Demütigung. Härtling hat dies bedächtig geschrieben, ohne jeden Anflug von Larmoyanz oder Selbstmitleid. Über allem steht die kaum zu beantwortende, aber dennoch ungemein quälende Frage, was eine Krankheit mit der Psyche des Menschen macht, wie sie das seelische Gleichgewicht beeinträchtigt.
Der Protagonist schreibt einen selbst reflektierenden Brief an seinen Hausarzt, arbeitet darin sein eigenes Leben ab und versucht sich so eines frühkindlichen Traumas zu entledigen – den Selbstmord der Mutter zu verarbeiten. Ein Motiv, das Härtling schon in einigen vorangegangen Büchern verarbeitet hat, wie auch die Flucht aus Mähren nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der Hausarzt Jonathan Mailänder wird zu Wengers letztem Freund, zur Brücke zum normalen Leben. Der Arzt nimmt ihn mit in den Urlaub an die Ostsee, gewährt ihm – trotz angeschlagener Gesundheit – ein Minimum an Lebensqualität. Der unnahbare, bisweilen störrisch-dickköpfig gezeichnete Wenger, der in selbstgewählter Einsamkeit alterte, entwickelt plötzlich Gefühle für Katharina, die Tochter seines Arztes. Unbekannte Emotionen vor dem nahen Tod.
Peter Härtling war vielseitig wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Generation. Er hat Romane, Gedichte, Essays, Kinder- und Jugendbücher sowie exzellente Künstlerbiografien (u.a. Hölderlin, Schubert, ETA Hoffmann und Verdi) verfasst. Hier wird in leisen Tönen auch eine Hymne auf die wahre Freundschaft angestimmt – so wie sie Mailänder mit seiner Familie der Hauptfigur Wenger zuteil werden ließ. „Der Gedankenspieler“ ist ein ungemein aufrichtiges Buch, ein erschütterndes Abschiedswerk ohne selbstverliebten verbalen Schnickschnack. Das Vermächtnis eines bedeutenden Autors.

Peter Härtling: Der Gedankenspieler. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2018, 240 Seiten, 20 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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