Ein edler Mensch


Christoph Heins Roman „Verwirrnis“ 


Wenn die Hauptfigur eines Romans Friedeward und deren Vater Pius heißt, klingt dies zunächst einmal etwas befremdlich und ziemlich altmodisch. Und wenn der streng katholische Vater seinen Spross dann auch noch mit einem „Siebenstriemer“ auspeitscht, um ihm die Homosexualität auszutreiben, glaubt man, in eine sinistre Handlung aus grauen Vorzeiten hineingeraten zu sein. Doch Christoph Heins neuer Roman handelt von der Zeit zwischen 1950 und den ersten Jahren nach dem Mauerfall und ist in der ehemaligen DDR angesiedelt. 

Christoph Heins Figuren - von der Ärztin Claudia aus "Der fremde Freund" (1982) bis hin zum Archivar Trutz aus dem gleichnamigen Roman von 2017 - verbindet der Hang zur Dickköpfigkeit: sie sind eigenwillig, manchmal störrisch und introvertiert, sind sanfte Rebellen, die oft und gerne gegen den „sozialistischen Strom“ schwimmen – oder schwimmen müssen.
Friedeward Ringeling ist einst von seinem Vater mit Wolfgang, dem Sohn des angesehenen Kantors in der Kleinstadt, beim Austausch von Zärtlichkeiten in flagranti ertappt worden. Die Heranwachsenden versuchen ihr „Geheimnis“ zu vertuschen und tarnen sich später mit Beziehungen zu Frauen. Diese Alltagsfarce geht soweit, dass Friedeward sogar die lesbische Jaqueline heiratet. Christoph Hein erzählt von einem fortwährenden Versteckspiel in einem System, in dem nicht nur politische Gesinnungsschnüffelei zum Alltag gehörte. Die Angst vor Denunziationen schweißt das Trio zunächst eng zusammen.
Etwas erträglicher wird die Situation, als Friedeward (Germanistik) und Wolfgang (Kirchenmusik) zum Studium nach Leipzig gehen und dem provinziellen Mief Heiligenstadts entfliehen. Dieser kleinbürgerliche Mikrokosmos wirkt wie ein ganz feingesponnenes, automatisiertes Stasi-Überwachungsnetz, in dem für Außenseiter keine Luft zum Atmen bleibt. Angst vor der Familie, vor dem Staat, vor der kollektiven Ächtung wird zum Leit(d)-Motiv dieses Romans.
Wolfgang geht in den Westen, und der Mauerfall beendet die Beziehung von höchster Instanz. Friedeward übersteht alle Anfeindungen in Leipzig, hat als Literaturwissenschaftler respektable Reputation erlangt (gefördert von einer Koryphäe, die Hans Mayer nicht unähnlich ist) und versucht seine Homosexualität bis zu seinem Tod (1993) geheimzuhalten. Diesen „Makel“ versucht er durch ein tadelloses Auftreten, durch geschliffene Konversation, feine Kleidung und allerlei altmodisches, bildungsbürgerliches Gehabe zu kompensieren. Er verschickte Briefe mit Siegellack, geprägt mit einem Siegelring mit FR-Initialen, den er im Second-Hand-Shop erworben hatte.
Mit fortschreitendem Alter wächst Friedewards Selbstdisziplinierung und seine Angst vor später „Enttarnung“. Er gönnt sich ab und ab ein amouröses Abenteuer mit dem „Sir Charles“ genannten Kellner Moritz und besucht regelmäßig das „Tabakskollegium“ - einen Akademiker-Treff, bei dem Frauen nicht zugelassen waren. Beim 74-jährigen Christoph Hein heißt es lapidar über die Hauptfigur „Er war ein edler Mensch.“
Christoph Heins Rahmenhandlung wirkt durchaus authentisch, versehen mit den wichtigsten Marksteinen der DDR-Geschichte. Und doch fühlt man einen leicht humoristischen Unterton durch die Seiten klingen. Er sei ein „kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter, der Kutschen und Hauskonzerte“, heißt es über Friedeward Ringeling.
Die Figuren in „Verwirrnis“ sprechen alle ähnlich, und die Dialoge wirken (und das bei einem so versierten Theaterautor wie Christoph Hein) arg hölzern. Die Oberfläche des Romans ist durchaus stimmig, aber es fehlt der Tiefgang - der sezierende Blick ins Innenleben der gesellschaftlich Geächteten. So hätte aus dem „edlen“ Friedeward, ein gehetzter, von Ängsten und Obsessionen geplagter Einzelgänger werden können, der trotz seiner inszenierten Doppelexistenz nie seinen Seelenfrieden fand und alles andere als ein „kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter“ war.

Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 304 Seiten, 22 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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