Zum 80. Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers Gao Xingjian am 4. Januar*
Ein unbefangenes Auge

Es war eine der größten Überraschungen in der Geschichte des Literatur-Nobelpreises, als im Jahr 2000 der in der westlichen Welt so gut wie unbekannte Schriftsteller Gao Xingjian von der Stockholmer Akademie für ein Werk "von universaler Gültigkeit, bitterer Einsicht und sprachlichem Sinnreichtum" ausgezeichnet wurde. Im deutschen Sprachraum war er damals ein absolut unbeschriebenes Blatt; es lagen nur wenige Exemplare seiner übersetzten Werke in einem Bochumer Kleinverlag vor.

Seit 1987 lebt Gao in Paris, hat seinen chinesischen Pass zurück gegeben, galt und gilt in seinem Geburtsland als persona non grata. Daran hat auch die bedeutendste literarische Auszeichnung der Welt nichts geändert. In China sind seine Werke weiterhin nur hinter vorgehaltener Hand oder über das Internet zugänglich.
„Ich bleibe immer ich selbst. Ob ich Chinesisch schreibe oder, wie neuerdings, Französisch, macht keinen Unterschied. Ein Schriftsteller schreibt, was er will“, unterstrich Gao einmal in einem Interview mit der „Zeit“ seinen individuellen Gestus.
Gaos Lebensweg ist von politischer Verfolgung und schwierigen Exiljahren gekennzeichnet. Seit über dreißig Jahren lebt er bereits in Frankreich. Die Sprache hatte er schon in jungen Jahren in seiner Heimat gelernt, 1962 sein Französisch-Examen bestanden, und der Einfluss der europäischen Literatur auf sein künstlerisches Werk ist signifikant. Ionesco, Beckett und Artaud standen bei seinen Theaterarbeiten Pate, und in seinen Erzählwerken schwingt latent immer auch der Geist von Franz Kafka durch die Zeilen.
„Für mich ist Literatur niemals angenehm. Ein Buch verdient, gelesen zu werden, wenn es an eine Essenz rührt, ohne Umschweife. Was ich geschrieben habe, ist ohne Umschweife. Ich bin draufgängerisch. Und das nicht nur ein Stück weit, wie es für manche Leser zuträglich ist“, hatte der erste chinesische Nobelpreisträger Gao Xingjian seine als schwer zugänglich bezeichneten Romane hartnäckig verteidigt.
Gao Xingjian, der heute* vor 80 Jahren in Ganzhou in der ostchinesischen Provinz Jiangxi als Sohn eines Bankangestellten geboren wurde, kam schon als Kind durch seine Mutter (eine Schauspielerin) mit dem europäischen Theater in Berührung. Nachdem er als junger Student Theaterstücke geschrieben und mit Kommilitonen Stücke von Tschechow und Molière aufgeführt hatte, wurde er zur „Umerziehung“ aufs Land geschickt. Anfang der 80er Jahre geriet er in den staatlichen Fokus der kommunistischen Zensoren. Der Grund: Er hatte einen Essay über den modernen europäischen Roman veröffentlicht. Zwei Jahre später wurde sein vom absurden Theater geprägtes Stück „Busstation“ als „geistige Verschmutzung“ gebrandmarkt und die Aufführungen verboten. 1986 ging er für sechs Monate als Stipendiat nach Berlin, ließ sich anschließend in Frankreich nieder, und 1998 wurde er französischer Staatsbürger. Gao Xingjian vollendete Anfang der 1990er Jahre seinen zehn Jahre zuvor begonnenen Roman „Der Berg der Seele“, ein aus 81 Kapiteln bestehendes Erzählwerk, das – als Reiseroman getarnt – eine beeindruckende ethnografische Studie und zudem eine Reise durch die chinesische Historie präsentiert.
„Man muss fragen: Wo ist der Ort, von dem aus der Schriftsteller spricht? Er spricht nicht für seine Figuren. Er ist Erzähler – ein unbefangenes Auge, ein kalter Beobachter. Er zeigt die Dinge, wie sie sind. Er arrangiert nichts und schwächt nichts ab“, hatte Gao einmal erklärt.
Viele Jahre hielt sich Gao finanziell mit seinen international angesehenen Tuschezeichnungen über Wasser, die in der Vergangenheit in Einzelausstellungen schon in Berlin und Baden-Baden zu sehen waren. Von der Nobelpreissumme kaufte sich Gao eine 5-Zimmer-Wohnung in der Pariser Rue Saint-Anne – unweit des Louvre und des Place de la Concorde.
Den gigantischen Medienrummel um den Nobelpreis hat Gao Xingjian nicht unbeschadet überstanden. Nach zwei schweren Herzoperationen hat sich der Johann-Sebastian-Bach-Liebhaber weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er sah sich selbst nur noch wie ein „Dekorationsstück auf der Bühne der Politik.“
Heute liegen alle wichtigen Werke in deutscher Übersetzung bei S. Fischer vor – zuletzt sind von ihm die Erzählungen „Die Angel meines Großvaters“ (2008) erschienen.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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