Ulrike Almut Sandigs erster Roman „Monster wie wir“ (ab 21. Juli im Buchhandel)
Erinnerung wie Knete

„Ich wollte vor allem einen Roman über den Zusammenhang von gesellschaftlich strukturierter Gewalt und sexualisierter Gewalt in Familien herstellen“, hatte Ulrike Almut Sandig wenige Tage vor Erscheinen ihres ersten Romans in einem Interview erklärt. Vier Lyrikbände, Hörspiele, ein Musikalbum und zwei Erzählungsbände liegen bereits aus der Feder der 41-jährigen, mehrfach preisgekrönten Autorin vor.

Wie ihre Protagonistin Ruth ist auch Ulrike Almut Sandig als Tochter eines Pfarrers in der sächsischen Provinz aufgewachsen. Seit frühester Kindheit ist sie mit Viktor befreundet, Sohn eines sowjetischen Besatzungssoldaten aus der Ukraine. Wir befinden uns in den letzten Jahren der DDR, in einer hektischen Übergangszeit mit Auf- und Umbrüchen, heftigen Zäsuren, privaten und ökonomischen Krisen. Und überall werden die beiden Hauptfiguren mit Gewalt konfrontiert. Das löst nicht nur Ängste, sondern auch schmerzliche Erinnerungen aus, denn sowohl Ruth (von ihrem Großvater) als auch Viktor (von seinem Schwager) sind sexuell missbraucht worden.
Sie sind in ihrem Leid wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden: „Eigentlich ist Viktor der einzige Mensch in meinem Leben, den ich auch dann voll und ganz verstehe, wenn ich ihn nicht verstehe.“
Ulrike Almut Sandig zeigt mit großem Einfühlungsvermögen, wie unterschiedlich sich die Traumata auswirken können. Viktor rasiert sich den Schädel kahl, schließt sich einer rechten Gruppe an und kompensiert die erlittene Gewalt durch ausgeübte Gewalt. Seinen Hass projiziert er auf andere Menschen, auf gesellschaftliche Außenseiter. Schließlich versucht er später seinen Seelenfrieden als Au-pair in Südfrankreich zu finden. Ganz nach dem Motto: Es ist überall schöner als Daheim.
„Vielleicht kann man nur zu etwas eine Haltung haben, von dem man sich unterscheidet“, resümiert die introvertierte Ruth. Ihre Flucht führt in die Musik, sie sucht bei den Geigenklängen so etwas wie Ausgeglichenheit, vielleicht sogar eine Harmonie der Töne. Eine Harmonie, die in ihrer Familie nicht wirklich existierte. Dennoch liefert die Autorin herzzerreißend-authentische Sequenzen aus Ruths Kindheit. Als der Linoleumfußboden des Kinderzimmers brannte, weil ihr Bruder mit Leim „zündelte“ („Mach was, Ruth, rief er. Mach doch was.“), mischten sich die Angst vor dem Feuer und die drohenden Strafen durch die Eltern in nur wenigen Augenblicken in den Köpfen der Kinder.
In „Monster wie wir“ geht es vor allem ums Schweigen und Verschweigen, ums selbstauferlegte oder zwangsweise Verstummen. Auch zwischen Ruths Eltern gibt es „unausgesprochene“ Dinge, die dem äußeren, selbst gehegten Bild der Musterfamilie einige kräftige Kratzer hätte verleihen können.
Der Romantitel suggeriert bereits, dass die Monster unter uns leben, oft hinter einer blank polierten bürgerlichen Fassade verborgen. Und wenn dann noch (wie in diesem Roman) familiäre Verbindungen zwischen Opfer und Täter bestehen und dicke Mauern des Schweigens aufgebaut werden, fällt es umso schwerer ein normales, unbeschwertes Leben führen zu können. Die Angst wird zur Obsession.
Dies hat Ulrike Almut Sandig in ihrem Romandebüt mit viel Fingerspitzengefühl und beeindruckender sprachlicher Präzision auf geradezu schmerzhafte Weise thematisiert. „Und weil die Erinnerung etwas ist, was sich wie Knete immer wieder verbiegen kann und und trotzdem immer wieder dasselbe erzählt, erinnert sich Ruth eben nicht an das, was ihr passiert ist, sondern sie erinnert sich an Vampire“, hatte die Autorin kürzlich in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt. Ein Buch voller Sätze, die wie blutende Wunden brennen.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt 2020, 233 Seiten, 22 Euro.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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