Ich bin die Wahrheit


"Die Schulzeit Jesu" - der neue Roman von Nobelpreisträger JM Coetzee

"Vergessen braucht Zeit. Wenn du erst einmal richtig vergessen hast, wird dein Gefühl der Unsicherheit weichen und alles wird einfacher werden", heißt es im Vorgängerroman ("Die Kindheit Jesu") aus der Feder von John Maxwell Coetzee.

Der inzwischen 78-jährige Nobelpreisträger des Jahres 2003, der seit 16 Jahren im australischen Adelaide lebt, knüpft mit der "Schulzeit Jesu" erzählerisch fast nahtlos an die "Kindheit" an, als ein Mann mit einem kleinen Jungen namens David nach einer langen Seefahrt in einem fremden Land angekommen war.
David, ein seltsam altkluger und aufmüpfiger Junge, kommt als unsympathischer Besserwisser daher, der alles unterlässt, um sich irgendwie beliebt zu machen. Er erzählt allen Leuten, dass er gar nicht David heißt und dass Simón und Inés, gar nicht seine leiblichen Eltern sind.
In der Schule wird dem renitenten, aber höchst intelligenten Jungen ein «kognitives Defizit» attestiert. Er besucht aus diesem Grund eine herrlich skurril gezeichnete "Akademie", die von der Zahlenmystikerin und Balletttänzerin Ana Arroyo geleitet wird, die sich in einer geheimnisvollen Welt der "Ameisenzahlen" bewegt.
Ana wird im Laufe der Handlung vom zwielichtigen Museumsangestellten Dmitri ins Jenseits befördert. Coetzee lässt diesen Roman über Gebühr ausufern und fügt zudem zahlreiche Anspielungen und Zitate aus Literatur und Musik (von Bach über Dostojewski bis hin zu Defoe und Cervantes) ein. Wir erleben die Gerichtsverhandlung mit, und das Abarbeiten der Motive Schuld, Sühne und Vergebung wirkt wie ein Stück Bonsai-Dostojewski-Prosa.
Coetzee stellt nicht nur die Bibel auf den Kopf, er kämmt alles gegen den Strich - vom Fortschrittswahn bis zum religiösen Dogmatismus, vom grotesken staatlichen Bürokratieapparat über das Schulsystem bis hin zu esoterischen "Heilslehren".
David sucht seine leibliche Mutter und bedient sich einer seltsamen Geheimsprache. Er ist kein Engel im religiösen Sinne, aber doch scheint er aus einer anderen Hemisphäre zu stammen. "Rettungsschwimmer" und "Entfesselungskünstler" sind seine Berufswünsche, und in einer seltsamen Mischung aus Sendungsbewusstsein und kindlicher Unbefangenheit verkündet er: "Ich bin die Wahrheit."
In jenem Ort Novilla, der Züge eines postsozialistischen Paradieses trägt, leben die Menschen ohne Vergangenheit, sind durch die Fahrt über einen Ozean des Vergessens "reingewaschen" von Erinnerungen. Und doch gibt es auch hier das Böse, das der menschlichen Natur anscheinend implizit ist und dass das Leben im utopischen Novilla erheblich beeinträchtigt.
"Coetzee porträtiert die Teilhaftigkeit des Menschen an der Vielfalt des Daseins in oft überrumpelnder Weise", hieß es in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees, als ihm 2003 die wichtigste Auszeichnung der literarischen Welt verliehen wurde.
Coetzee ist ein großer Erzähler und versierter Kenner der Weltliteratur, ein mahnender Skeptiker, der latent für eine Entschleunigung unseres Alltags plädiert und dem unreflektierten Fortschrittswahn den Kampf angesagt hat. In seinem neuen Roman "Die Schulzeit Jesu" hat er zwischen diesen Polen allerdings ein wenig die erzählerische Balance verloren.
Der tiefsinnige Essayist, der kritische Philosoph, der hochgebildete Leser und der leidenschaftliche, bisweilen abschweifende Erzähler Coetzee sind sich erheblich in die Quere gekommen und konnten sich anscheinend auf keinen "goldenen" Mittelweg einigen.

J.M. Coetzee: Die Schulzeit Jesu. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2018, 316 Seiten, 22 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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