Zsuzsa Bánks Roman „Sterben im Sommer“
Im Blau verschwinden

„Ich habe versucht, Bilder dafür zu finden, wie sein Himmel aussehen könnte. Ich glaube, es ist eher ein Ort, an dem es keinen Schmerz gibt“, hatte die 55-jährige Schriftstellerin Zsusza Bánk kürzlich in einem Interview über ihren verstorbenen Vater erklärt, der im Zentrum ihres neuen Romans steht.

Bánk war 2002 für ihr Romandebüt „Der Schwimmer“ mit dem Aspekte-Literaturpreis des ZDF ausgezeichnet worden, und ihr neuer Roman greift Motive aus dem Erstling wieder auf. Das Schwimmen im Plattensee, die heißen ungarischen Sommer und die unzähligen Urlaube in der Heimat ihrer Eltern werden nun in Erinnerungsfetzen zusammen gefügt und erhalten durch den schrecklichen Krebstod des Vaters einen neuen Fokus. Die Familie ihrer Mutter besaß am See ein kleines Haus mit dem sogenannten „Paradiesgarten“.
Es sind kurze Texte, oft nur zwei, drei Seiten lang – Erinnerungen, Reflexionen und Träume, die keiner strengen Methodik folgen und doch bei der Lektüre so wirken, als sei diese singuläre Form wie in Beton gegossen.
Zsusza Bánks assoziatives Erzählmosaik basiert stark auf der eigenen Familiengeschichte, berichtet über Sitten und Bräuche, die aus Ungarn in das Leben in Deutschland eingeflossen sind und den Eltern ein Leben an der Schnittstelle zweier Kulturen bescherten. 1956 hatten sich die Eltern der Autorin auf der Flucht aus Ungarn kennengelernt und sich später in Frankfurt niedergelassen. Ungarn blieb aber stets ein zweiter Ankerpunkt im Leben der Familie.
Als „Heimatmuseum“ bezeichnet Zsuzsa Bánk ihre Eindrücke bei der Rückkehr mit ihren Eltern an den Balaton. Ihr Vater liebte die Gegend und das Schwimmen in „seinem“ See. Für die Tochter war es „Staubland, Fliegenland, Hitzeland“.
In diese gerade zu pittoresk stilisierten Landschaftsbeschreibungen mischen sich dann die ungeschminkten Erinnerungen an das Dahinsiechen des Vaters. Er ist bereits Mitte achtzig und unheilbar an Krebs erkrankt, als sich plötzlich sein Zustand radikal verschlechtert. „Wir reden an gegen das Delirium, in das er nach seiner Operation gerutscht ist.“ Es folgen im Sommer 2018 Klinikaufenthalte in Österreich und der Slowakei und dann doch wieder in der Wahlheimat Frankfurt.
Geradezu schonungslos offen schreibt Zsusza Bánk über ihre Gedanken und über Gespräche in der Familie. Es geht um Chemotherapie und um Pflegestufen, um Heimunterbringung und Hospiz. Die kalte Bürokratie, die sich hinter jeder schweren Krankheit (und dem Älterwerden) verbirgt, scheint im gnadenlosen Alltag die brodelnden Emotionen der Angehörigen zu verdrängen. Ein Leben zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Selbsttäuschungen („Tage, an denen der Krebs ruht.“) und unabwendbaren medizinischen Befunden.
Sterben gehört eigentlich zum Winter, so die Gedanken der Autorin im heißen Sommer des Jahres 2018. Ein Buch des langen Abschieds und nicht zuletzt eine leicht elegische Liebeserklärung an den Vater – ohne Ecken, ohne die üblichen Generationenprobleme, ohne Reibungspunkte.
„Sterben im Sommer“ ist ein Roman voller Tränen. Der Vater ist gestorben und (in diesem Fall ganz sicher) erlöst, aber die Hinterbliebenen müssen mit dem Tod leben. Eine schwere Bürde, die Zsuzsa Bánk mit diesem intim-empathischen Werk zu bewältigen versucht hat. Auf der letzten Seite sieht sie den Vater in den See steigen, „seine Größe zu fassen. Dann weit hinauszuschwimmen und im Blau zu verschwinden.“

Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2020, 237 Seiten, 22 Euro.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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